Harburg
Heizkraftwerk

Wilhelmsburgs Millionenprojekt – 3500 Meter unter der Erde

Wilhelmsburgs neuer Heizungskeller: 3500 Meter unter der Erde wird die Wärme abgezapft

Wilhelmsburgs neuer Heizungskeller: 3500 Meter unter der Erde wird die Wärme abgezapft

Foto: .Lars Hansen / xl

Hamburg Energie plant für 80 Millionen Euro Verbund aus Blockheizwerken, Energiebunker und Geothermiewerk unter dem Reiherstieg.

Hamburg. Wilhelmsburgs neuer Heizungskeller soll 1300 Stockwerke tief sein: 3500 Meter unter dem Inselboden will das städtische Unternehmen Hamburg Energie die natürliche Erdwärme anzapfen und nutzen, um damit große Teile Wilhelmsburgs zu heizen. Die Erdwärmegewinnung – das wissenschaftliche Wort ist Geothermie – soll Hauptenergielieferant eines so genannten „virtuellen Kraftwerks“ sein, mit dem Hamburg Energie irgendwann möglichst alle Haushalte Wilhelmsburgs beheizen möchte. Mit dem Projekt beteiligt sich Hamburg Energie am Ideenwettbewerb „Reallabore der Energiewende“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi).

„Ein virtuelles Kraftwerk ist die intelligente Vernetzung verschiedener Energiequellen zu einem leistungsfähigen Verbund“, sagt Projektleiter Joel Schrage.

Prognose: 73.000 Menschen leben in Wilhelmsburg

Ein einfaches Beispiel für ein virtuelles Heizkraftwerk ist der Wilhelmsburger Energiebunker, ebenfalls ein Projekt von Hamburg Energie, der am Bunker erzeugte Solarwärme mit der Abwärme der nahe gelegenen Nordischen Ölwerke, sowie der Wärme aus zwei Blockheizwerken in einem großen Kessel speichert, zu Spitzenzeiten noch einen eigenen Brenner zusteuert und mit dem heißen Wasser 3000 Haushalte sowie zwei Hamburger Landesbehörden beheizt.

In einem ersten Schritt sollen die Geothermie und das virtuelle Kraftwerk helfen, bis zu 10.000 Wilhelmsburger Haushalte mit Wärme zu versorgen. „Durch die Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße entstehen demnächst neue Wohnquartiere, die Heizung und Warmwasser benötigen“, sagt Thomas-Tim Sävecke, Bereichsleiter Produktion bei Hamburg Energie. „Die wollen wir beliefern. Unser Fernziel ist es, ganz Wilhelmsburg regenerativ zu beheizen. Für die Elbinsel werden mittelfristig bis zu 73.000 Einwohner prognostiziert.“

Die Versorgung der 10.000 Haushalte hat auch schon einen langen Projektnamen und ein griffiges Kürzel „Integrierte Wärmewende Wilhelmsburg“ oder auch IW³ ist der Titel unter dem die Projektbewerbung beim BMWi in den Reallabor-Wettbewerb startet. Dabei geht es nicht nur um akademische Ehren – Entwicklungspartner sind die Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg und die Christian-Albrechts-Universität Kiel – sondern auch um nicht unbeträchtliche Fördermittel.

Reallabor bedeutet, eine Idee unter echten Rahmenbedingungen auszuprobieren. Ein ganzes Quartier mit einem virtuellen Kraftwerk zu versorgen, passt da. „Dies könnte eine Blaupause für das wachsende Hamburg werden“, sagt Sävecke, „gerade vor dem Hintergrund, dass in der gesamten Stadt gerade viele neue Quartiere entstehen, bei denen bereits alles mögliche geplant ist, aber nicht ihre Wärmeversorgung.“

Geothermie kann in ganz Norddeutschland funktionieren

Geothermiekraftwerke würden für alle diese Standorte funktionieren. Denn gleichgültig ob die oben sichtbare Struktur Marsch, Geest oder Moor ist: unter dem Kleid der Landschaft ist die Struktur des Norddeutschen Beckens weitgehend gleich und unkompliziert. Von der Oberfläche bis in die Tiefe, in der die Wärme abgeholt werden soll, gibt es keine geschlossenen Schichten, die man durchbrechen müsste. Das Ziel der Bohrung ist eine Tonsandsteinschicht, die wie ein Schwamm wirkt. Pumpt man viel Wasser hinein, kann man dieselbe Menge an anderer Stelle wieder abpumpen. Aufgrund des heißen Gesteins ist dieses Wasser erhitzt. Die einzige Energie, die man hineinstecken muss, ist für die Pumpe. Diesen Strom könnte man zum Beispiel aus den Windkraftanlagen auf der Deponie in Georgswerder beziehen.

„In ganz Norddeutschland gibt es große Potenziale für Geothermie“, sagt Sävecke, „es ist mir ein Rätsel, warum die nicht genutzt werden.“

Investitionsvolumen beträgt 80 Millionen Euro

Das Investitionsvolumen für das virtuelle Kraftwerk für ganz Wilhelmsburg würde bei etwa 80 Millionen Euro liegen, heißt es in einer Präsentation von Hamburg Energie. Allein für die Geothermieanlage am Reiherstieg schätzt Sävecke die Kosten auf 30 Millionen. Dafür würde die Apparatur aber auch mindestens 40 Jahre lang konstant eine Leistung von 10 bis 14 Megawatt liefern. Und ganz umsonst würde ja auch Hamburg Energie keine Wärme weiterleiten.

Neben der technischen Umsetzung müssen Schrage und Sävecke also auch Kunden gewinnen. „Wir sind in Gesprächen mit allen großen Wohnungsbaugesellschaften“, sagt Sävecke. „Die meisten sind sehr aufgeschlossen, einige müssen wir noch überzeugen.“

Wohnungsbaugesellschaften als Kunde

Für die Wohnungsbaugesellschaften kommt ein Umstieg auf die Versorgung durch Hamburg Energie ohnehin meistens erst in Frage, wenn bestehende Gebäudeheizungen oder Blockheizwerke technisch austauschreif oder aber zumindest wirtschaftlich abgeschrieben sind. Die Neubauten bieten daher ein vielversprechendes Kundenpotenzial. Allerdings wissen das auch andere Energieversorger.

„Da sollte bei der Entscheidung der Abnehmer auch der Umweltgedanke eine Rolle spielen“, sagt Sävecke. „Wir haben mit dem Projekt die Möglichkeit, 75 Prozent der Heizwärme Wilhelmsburgs aus erneuerbaren Energiequellen zu erzeugen. Das ist eine fast einmalige Chance für den Stadtteil!“