Harburg
Salzhausen

Josthof gibt 1000 Jahre Geschichte frei

Grabungsleiter Dr. Jochen Brandt steht dort, wo Spuren des ältesten Hauses von Salzhausen aus dem 10./11. Jh. gefunden wurden, ein sogenanntes Grubenhaus.

Grabungsleiter Dr. Jochen Brandt steht dort, wo Spuren des ältesten Hauses von Salzhausen aus dem 10./11. Jh. gefunden wurden, ein sogenanntes Grubenhaus.

Foto: Angelika Hillmer

Bei Ausgrabungen nach Großfeuer entdecken Forscher das älteste Haus Salzhausens und ein geheimnisvolles Tierskelett.

Salzhausen. SWo in Salzhausen einst der um 1830 erbaute, traditionsreiche Josthof seine Hotel- und Restaurantbesucher bewirtete, wird heute Feldforschung betrieben. Ein Team um Kreisarchäologen Jochen Brandt sucht im Erdreich unter dem im April 2017 abgebrannten Fachwerkhaus nach Siedlungsspuren der historischen Hofstelle, die 1252 erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Als die Brandruine beseitigt war, hielt die Wissenschaft Einzug. „2018 standen noch die Baureste des Josthofes selbst im Vordergrund“, sagt Brandt. Leider sei das Gebäude nie im Detail archäologisch erfasst worden. Inzwischen haben die Forscher tiefer gegraben und sind bis zum 10. und 11. Jahrhundert vorgestoßen. Natürlich bedauert Brandt, dass das „schöne niederdeutsche Hallenhaus“ Opfer der Flammen wurde.

Struktur des Hofes reicht ins 17. Jahrhundert zurück

Doch gab es Erkenntnisse frei, deren Auswertung Stoff für eine Doktorarbeit bietet, urteilt Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums Hamburg. Nachdem der großflächig verlegte Terrazzoboden und das darunter liegende mit Mörtel eingeebnete historische Kopfsteinpflaster mühselig abgetragen waren, stießen die Archäologen zunächst auf Spuren des 17. und 18. Jahrhunderts.

Feldsteinfundamente zeigen, dass die Grundstruktur des Hofes mindestens ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Der Josthof war ein typischer Hof mit großer Eingangstür (Grot dör) zu einer langen Diele, von der links und rechts Räume abzweigten, die als Ställe und Lagerräume genutzt wurden. An die Diele schloss das Flett an, ein Wirtschafts- und Aufenthaltsraum mit einer Herdstelle. Dahinter folgten die Schlafkammern.

Unter der Diele liegt ein Skelett – doch von welchem Tier?

Nach einer Winterpause nahmen die Archäologen Anfang April ihre Arbeit wieder auf und legten zwei besondere Fundstücke frei. Unter der ehemaligen Diele liegt ein Pferdeskelett – so hieß es zumindest zuerst. Der örtliche Tierarzt kam jedoch zu dem Schluss: Hier liegt ein Paarhufer, wie Schaf, Ziege, Schwein oder Rind. Eine genetische Untersuchung der Knochenreste soll nun die genaue Antwort liefern und zudem das Alter der Knochen und Geschlecht des Tieres bestimmt hat. „Die Knochen sind in einem sehr schlechten Zustand“, sagt Brandt. „Bevor wir sie weiter freilegen, erfassen wir sie mit einer speziellen Kamera aus jedem Blickwinkel und erstellen eine dreidimensionale Abbildung.“ Der Boden sei hier und an vielen anderen Orten im Landkreis leider sehr kalkarm, ergänzt Weiss. „Ein solcher Boden entzieht den Knochen den Kalk und löst sie damit auf. Wir finden dann oft nur die Gebisse der Tiere. In kalkhaltigen Böden bleibt jede einzelne Rippe erhalten.“

Zum Grund, warum das Tier vergraben wurde, können die Forscher nur mutmaßen. „Sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein Bauopfer“, sagt Weiss. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden während der Bauzeit ein oder mehrere Tiere vergraben, um das Haus vor bösen Geistern oder Hexen zu schützen.

Im Boden tauchte das älteste Haus Salzhausens auf

Jochen Brand steigt etwa 30 Zentimeter hinunter in einen mit Mauer­resten umgrenzten Bereich und steht auf einem ehemaligen Lehmfußboden. „Wir stehen hier mitten im Mittelalter“, sagt er und macht eine ausholende Bewegung. Hier muss sich das Flett befunden haben. Im abgetragenen Boden fanden die Altertumsforscher auch Scherben aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Das älteste Fundstück war zunächst nur an Erdverfärbungen zu erkennen: ein kleines Gebäude aus dem 10./11. Jahrhundert. Hier liegt auch das Tierskelett. Beides ist mit einem offenen Partyzelt überdacht, an dem – ganz Zeitzeuge der Gegenwart - „Event Shelter“ steht.

Bei dem Gebäude handelt es sich um ein tiefergelegtes, aus vier Kammern bestehendes Häuschen, ein sogenanntes Grubenhaus. Es wurde teilweise in den Boden eingelassen und wohl gebaut, um darin zu arbeiten. „Es ist das älteste Haus in Salzhausen“, sagt Brandt. Noch rund vier Wochen wollen die Archäologen graben, sie hoffen auf noch ältere Funde aus dem 7. und 8. Jahrhundert. Schließlich liegt der Standort neben der Kirche im historischen Dorfkern.

Die Zukunft des Hofes ist noch unklar

„Das Schöne ist, dass wir hier ohne Zeitdruck arbeiten können“, sagt Brandt. „Meist laufen solche Untersuchungen unter Zeitstress im Vorfeld von Bauprojekten.“ Was später aus dem Gelände mit den zwei übrig gebliebenen kleineren Fachwerkgebäuden wird, steht noch nicht fest. „Es besteht schon der Wunsch, wieder so etwas wie den Josthof zu bekommen“, sagt Wolfgang Krause, Gemeindedirektor und Bürgermeister der Samtgemeinde Salzhausen. Menschen von nah und fern sprächen ihn oft darauf an, „aber die Gastronomie ist ein schwieriges Geschäft. Es muss über die Saison hinausgehen.“

Die Gemeinde sei auch für andere Ideen aufgeschlossen, sagt Krause. Allerdings müsse der Denkmalschutz berücksichtigt werden: „Der gesamte Ortskern steht unter Ensembleschutz.“ Bisher habe sich noch kein Investor mit einer passenden Idee vorgestellt. Jörg Hansen, Eigentümer des Josthofs, hält es für unrealistisch, dass es einmal wieder so werden wird, wie es war.

Josthof-Eigentümer will Biergarten neu eröffnen

„Die Investitionen für ein solches Projekt wären sehr hoch, gingen in die Millionen.“ Er könne sich das nicht leisten und suche nach einem Investor, sagt Hansen. Einen Hotelbau hält er für eine gute Idee, auch in Hinblick auf das Pferdesport-Mekka Luhmühlen, einem Ortsteil von Salzhausen. Einen kleinen Teil seines ehemaligen Betriebs möchte der Hofbesitzer zunächst selbst gern wieder aufleben lassen: den bayerischen Biergarten vor einem der beiden Bettenhäuser. „Ich musste das neu beantragen und warte auf die Baugenehmigung. Dann ist noch einiges zu bauen. Aber wenn alles gut läuft, kann ich den Biergarten vielleicht im Spätsommer eröffnen.“

Samtgemeinde Salzhausen besteht aus 13 Gemeinden

Der Name Salzhausen hat nichts mit Salz zu tun, er entstand aus Solthinghusen, dann Soltzeneshusen. Die ältesten Siedlungen dürften auf sächsische Bebauungen um 400 n. Chr. zurückzuführen sein. 1643 wurde die romanische St. Johanniskirche aus Feldsteinen mit einer Fachwerkrückfront erbaut. Das Bronzetaufbecken datiert sogar aus dem Jahr 1403.

1972 wurde die Samtgemeinde Salzhausen im Zuge der Verwaltungs- und Gebietsreform aus 13 Gemeinden gegründet. Sie hat um die 15.000 Einwohner und besteht aus den Mitgliedsgemeinden Eyendorf, Garlstorf, Garstedt, Gödenstorf mit dem Ortsteil Lübberstedt, Salzhausen mit den Ortsteilen Luhmühlen, Oelstorf und Putensen, Toppenstedt mit dem Ortsteil Tangendorf, Vierhöfen und Wulfsen.