Freilichtmuseum

So war das Leben im Quelle-Fertighaus

Die Quelle-Fertighaus-Fibel von 1965 vermittelte pure Familien-Idylle

Die Quelle-Fertighaus-Fibel von 1965 vermittelte pure Familien-Idylle

Foto: Freilichtmuseum Kiekeberg / FMK

Quelle-Haus wird Teil der „Königsberger Straße“ im Museum am Kiekeberg. Die Straße wird mit sechs Gebäuden ist ein bundesweit einmaliges Projekt

Winsen/Ehestorf.  Es war die Entscheidung für ein völlig neues Wohngefühl. „Da haben sich meine Eltern was getraut“, sagt Matthias Gröll, heute 56, der damals mit seinen beiden älteren Brüdern in einem Musterhaus aus dem Katalog des Versandhauses Quelle aufwuchs. Mit ihren Eltern Walter und Gisela zogen sie 1968 in das Haus in Winsen ein. Dieses Quelle-Haus wird nun Teil der „Königsberger Straße“ im Freilichtmuseum am Kiekeberg. Die Straße wird mit sechs Gebäuden das Leben in den Nachkriegsjahren aufzeigen – ein bundesweit einmaliges Projekt.

Die Lebenserinnerungen, Familienschätze und die originale Einrichtung der Grölls werden am Standort des Museums in Ehestorf zu sehen sein und einen Blick in die 70er Jahren ermöglichen. Denn das Quelle-Haus soll im Sommer ins Museum gebracht werden.

Um das moderne Haus lag alles im Dornröschenschlaf

„Das neue Material, die unkonventionelle Architektur und die außergewöhnliche Lage mitten in halbverwilderten Schrebergärten: Und um das moderne Haus lag alles im Dornröschenschlaf, als wir hier einzogen,“ erinnert sich Gröll. Das Haus stand stadtnah und doch ruhig, Schule und Bahnhof waren gut zu erreichen, so dass der Vater und die Söhne einen kurzen Weg zur Arbeit in Hamburg und zur Schule hatten. Zudem, so nehmen die Brüder heute an, ließ sich das Haus, das zwei Jahre auf Käufer gewartet hatte, gut finanzieren.

Unter den Erwachsenen gab es Skeptiker gegenüber der Bauweise

Unter den Erwachsenen gab es zwar Skeptiker gegenüber der leichten Bauweise, doch vor allem die Mutter hat sich für das moderne Leben stark gemacht: „Unsere Mutter war ein Stadtmädchen aus Eimsbüttel, sie brauchte die geistige Anregung und das städtische Flair“, erzählt Matthias Gröll. „Sie genoss die moderne Architektur mit großen Fenstern, die viel Licht reinließen. Außerdem wohnten wir ruhig und mit Garten.“

Für die fünfköpfige Familie gab es 110 Quadratmeter Wohnfläche, einen Keller und Stauraum unterm Satteldach. Den Garten legten die Eltern als Zier- und Gräsergarten an und gestalteten die Mauern individuell. Die Modernität wird deutlich, wenn die Brüder die vorherige Mietwohnung beschreiben: eine Haushälfte in einem reetgedeckten Fachwerkhaus in der Nähe des Stöckter Hafens.

„Wir wurden in die Moderne katapultiert“

Der älteste Bruder Ronald Gröll (heute 61) erinnert sich: „Wir wurden in die Moderne katapultiert. Es ist kaum ein größerer Gegensatz vorstellbar: In Stöckte hatten wir zunächst ein Plumpsklo draußen und badeten in einer Zinkwanne. Über der Schwengelpumpe hing eine Petroleumlampe. Es gab keine Heizung. Unser Vater stand morgens als erster auf und leerte die Mausefallen. Dann kamen wir in dieses Haus im Erstbezug.“

Es sind solche Erinnerungen, die für Museen den Wert solcher Objekte ausmachen. „Interviews und Archivalien zeigen uns Wertvorstellungen und die Familienorganisation, wir erhalten eine dichte Beschreibung vom Leben in einem Fertighaus. So wird ein serielles Haus zu einem individuellen. Wir erforschen die Entwicklung des Hauses und der Familie, die Biografien stehen im Vordergrund,“ sagt Alexander Eggert, Projektleiter der „Königsberger Straße“. Im Fall des Gröllschen Hauses kommt hinzu: Die Eltern waren kulturell interessiert, sie sammelten gern und warfen selten etwas weg. Außerdem bauten sie kaum um. Für das Freilichtmuseum ist das eine Besonderheit.

„Wir haben die komplette Einrichtung übernommen“

Zofia Durda arbeitet am Kiekeberg als wissenschaftliche Volontärin mit den Einrichtungsgegenständen – von der Kunststofflampe bis zur Dekoration auf dem Nachttisch: „Wir haben die komplette Einrichtung übernommen und müssen nur wenige Objekte ergänzen. Dazu schauen wir uns Fotos an, um bis ins Detail zeigen zu können, wie die Familie lebte. Einige Dinge sind auch Familienschätze, wie ein Rezeptbuch von 1910, aus dem immer gekocht wurde.“

Die Übernahme des Hauses in das Museum gilt als Glücksfall für beide Seiten. „Unsere Mutter war stolz darauf, dass ihr Haus ins Museum zieht und ihr Besitz zusammenbleibt. Aus Familiengeschichte wird Zeitgeschichte, das ist eine große Leistung vom Kiekeberg und ein Geschenk für uns,“ sagt Matthias Gröll.

Auch Museumsdirektor Stefan Zimmermann ist zufrieden: „Das Quelle-Haus in dem Ursprungszustand und mit einer gut dokumentierten Familiengeschichte ist eine Besonderheit. Die Umbruchzeit in den späten 1960er und 1970er Jahren, in denen die Hamburger ins Umland zogen, in denen sich trotz Baubooms die Fertighäuser in Deutschland nicht vollkommen durchsetzen konnten und in denen sich das Lebensgefühl veränderte – das alles können wir sowohl mit dem Haus als auch mit der Familiengeschichte gut darstellen.“

Das Fertighaus aus dem Katalog wird nach dem Transport ins Museum eines der sechs Häuser sein, die mit Gärten, Straßenlaternen, Litfaßsäule und Telefonzelle die rasanten Entwicklungen beim Bauen und Wohnen, in Freizeit und Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich machen sollen. Insbesondere von 1969 bis 1973, erlebten Fertighäuser eine Boom-Phase.

Diverse tatsächliche Baumängel und eine negative Berichterstattung

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg lasteten ihnen jedoch Vorurteile an: Diverse tatsächliche Baumängel und eine negative Berichterstattung in den Medien schürten Ablehnung. Hinzu kommen Erlebnisse aus der Nachkriegszeit. Zimmermann erläutert: „In anderen Ländern, wie in den USA oder in Skandinavien, gab es eine lange Tradition von Fertighäusern. Sie hatten einen guten Ruf und hohen Komfort. In West-Deutschland jedoch gab es nach dem Zweiten Weltkrieg einen Barackenkomplex“, sagt Museumschef Zimmermann.

Der Hintergrund: Viele Behelfsunterkünfte waren aus Fertigteilen in schlechter Qualität gebaut und nur spärlich ausgestattet, hielten der Witterung kaum stand und bedeuteten für die Bewohner einen Makel. Doch die Quelle-Fertighäuser waren kostengünstig, schnell zu errichten und mit dem Zuschnitt der Räume auf die Bedürfnisse von Familien zugeschnitten.

In Deutschland herrschte in den 1950ern akute Wohnungsnot: Über zwölf Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Evakuierte suchten nach Unterkünften. Daher war schnelles und günstiges Bauen stark gefragt. Als erstes Versandhandelsunternehmen und einziges mit selbst entwickelten Fertighäusern nahm die Quelle-Fertighaus GmbH von 1962 an Häuser in ihren Katalog auf. Als Argument für die Häuser galt das Versprechen vom „Hausbau in fünf Tagen“ ab Kellerkante. Eine Frist, die jedoch offenbar nur selten eingehalten wurde.

Für die Familie Gröll spielte sie keine Rolle: Schließlich war ihr Haus bei ihrem Einzug lange fertig.