Harburg
Naturschutz

Kreis Harburg bekommt 14 neue Naturschutzgebiete

Das Mittlere Estetal gilt als sehr schützenswert. Das neue Schutzgebiet geht bis an die Grenze des Nachbarkreises Stade.

Das Mittlere Estetal gilt als sehr schützenswert. Das neue Schutzgebiet geht bis an die Grenze des Nachbarkreises Stade.

Foto: Landkreis Harburg / Rolf Zamponi

Landkreis setzt zum Endspurt an. Bis zum Jahresende sollen alle Projekte im Rahmen des EU-Programms Natura 2000 abgeschlossen sein.

Kreis Harburg.  Das EU-Naturschutzprojekt Natura 2000 steht im Landkreis Harburg vor dem Abschluss. Bis zum Jahresende sollen alle geplanten 14 Naturschutzgebiete gesichert sein. „Das ist unser Ziel“, sagte Kreisrat Josef Nießen in Winsen. Läuft alles glatt, werden insgesamt 16.256 Hektar im Kreis unter Natur- oder Landschaftsschutz stehen – das entspricht 14 Prozent aller Flächen. „Wir sichern diese schmalen Korridore, um Pflanzen- und Tierarten Überlebenschancen zu geben und ihnen zusammenhängenden Lebensräume zu bieten“, sagte der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde Detlef Gumz. Land und EU drängen darauf, das Projekt rasch abzuschließen. Aus Brüssel drohen sonst Vertragsstrafen.

Schutzgebiete als Antwort auf den Flächenverbrauch

„Die EU und die Untere Naturschutzbehörde beim Landkreis wollen mit Natura 2000 erreichen, dass Lebensräume für Tiere und Pflanzen dauerhaft so geschützt sind, dass sich die Arten dort ungestört bewegen können“, sagt Nießen. Damit gilt Natura 2000 und das damit verbundene Denken in Schutzräumen als eine Antwort auf den anhaltenden Flächenverbrauch durch Gewerbe, Straßen, Wohnen, intensiver Landwirtschaft oder die Diskussion über den Klimaschutz. „Eine bessere Lösung gibt es nicht“, versichert Gumz. „Die Menschen müssen sich mit ihren Bedürfnissen etwas zurücknehmen, um die Umwelt für die Zukunft zu sichern. Aber nicht jeder will Naturschutz vor seiner Haustür.“ Erst in der vergangenen Kreistagssitzung hatten besorgte Bürger mehrere 1000 Unterschriften an die Verwaltungsspitze übergeben, weil sie mit den Naturschutz-Auflagen für den Bereich Elbmarsch nicht einverstanden sind.

Einschränkungen in den einzelnen Gebieten

Tatsächlich gelten beim Naturschutz Einschränkungen, die in den einzelnen Gebieten voneinander abweichen können. Im Fall der Elbmarsch beschreibt ein Zonenkonzept die Ver- und Gebote. Danach dürfen im Deichvorland innerhalb der Gebiete Hunde nur auf Wegen an der Leine geführt werden, um dort siedelnde Vögel nicht zu vergrämen. Eingedämmt werden sollen laute Strandpartys sowie das Ablagern von Müll oder Durchfahrten. Es ist aber keinesfalls verboten, sich im Naturschutzgebiet mit anderen Leuten zu treffen. Angeln, Reiten auf den gekennzeichneten Wegen und Baden bleiben in allen Naturschutzgebieten grundsätzlich möglich. In besonders sensiblen Zonen, in denen selten Arten vorkommen, müssen Fußgänger auf den Wegen bleiben. Diese Zonen, die nur für die Elbmarschgebieten ausgewiesen sind, betreffen für die Tideelbe 25 Prozent der Gesamtflächen.

Wer sich über die Vorschriften hinwegsetzt, muss mit Ordnungsgeldern rechnen. Die Kreisverwaltung will sich dabei an den Rahmen halten, der für die Lüneburger Heide gilt. Dort werden bei ersten Verstößen jeweils zwischen 30 und 50 Euro fällig.

Für die Landwirtschaft gibt es im Naturschutz Vorschriften etwa für den Erhalt von alten Eichenwäldern oder dem Erlen/Eschen/Auewald, der nicht durch schneller wachsende Arten ersetzt werden darf. „Unsere mageren Flachland-Mähwiesen vertragen zudem nur mäßige Mengen Dünger“, sagt Abteilungschef Gumz. Das führt dazu, dass weniger Heu geerntet und weniger Gülle aufgebracht werden kann. Allerdings zahlt das Land im Gegenzug für neu ausgewiesene Naturschutzgebiete einen Erschwernisausgleich. Das Geld wird über die Landwirtschaftskammer verteilt.

Sechs Gebiete sind bereits fest gesichert

Der Landkreis hat derzeit sechs Gebiete gesichert, zwei weitere teilweise. Terminiert sind die Entscheidungen über den Bereich Seeve für die kommende Sitzung des Umweltausschusses am 21. Mai sowie über den Garlstorfer und Toppenstedter Wald in einer Sondersitzung des Ausschusses Ende Juni.

Der Europäische Gerichtshof entscheidet für Naturschutz

Zeitdruck entstand bei dem zum ersten Mal bereits 2012 im Ausschuss vorgestellten Projekt schon durch die vom Land erst spät gelieferten Kartierungen. Zudem hatte man in Hannover zunächst gedacht, dass der zusammen mit den Landwirten geregelte Vertragsnaturschutz für Natura 2000 ausreichen würde. Der Europäische Gerichtshof schwenkte dann um und entschied, dass die Gebiete unter Naturschutz gestellten werden müssten. Im Landkreis hatten Politiker nicht zuletzt nach zahlreichen Einwendungen von Bürgern dennoch Landschaftsschutzgebiete ausgewiesen, deren Einschränkungen etwas weniger scharf sind. „Der Wechsel auf den anderen Naturschutzstatus erfordert eine Neuauslegung und verlängert damit das Verfahren“, sagt Kreisrat Nießen.

Dieselbe Folge wird jetzt die mehrheitlich im Kreistag beschlossene Neugestaltung der beiden Gebiete in der Elbmarsch haben. Denn 15 Meter vom Deichfuß bis zur Elbe sollen aus dem Naturschutz herausgenommen werden, um so Platz für künftige Erhöhungen der Deiche zu schaffen. „Wir gehen jedoch nicht davon aus, dass dies zu einer wesentlichen Verfahrenserleichterung für die Deichverbände führt, weil in jedem Fall die Verträglichkeit von entsprechenden Baumaßnahmen mit den Erhaltungszielen eines FFH-Gebietes nachgewiesen werden muss“, sagt Nießen.

Kreisrat Josef Nießen drückt aufs Tempo

Klar ist jedoch: Durch den Beschluss verschwimmen vor Ort die Grenzen des Gebietes, die genau festgelegt werden müssen. Das gesamte Vorhaben muss zudem über einen Monat neu ausgelegt werden. Wann die beiden Gebiete abschließend gesichert werden, kann derzeit nicht sicher prognostizierte werden, da es bereits bei der ersten Auslegung rund 1100 Einwendungen gegeben hatte. „Wir wissen nicht wie viele jetzt erfolgen werden. Unsere Absicht ist es aber, das Thema ebenfalls in die Sondersitzung des Umweltausschusses Ende Juni zu bringen“, so Nießen.

Je länger die Verfahren noch dauern, je höher ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass die EU Strafzahlungen gegen die Bundesrepublik verhängt. Diese könnten dann auch bei den Landkreisen ankommen. Deshalb drückt der Kreisrat aufs Tempo: „Wir sind sehr bestrebt, alle Verfahren noch in diesem Jahr abzuschließen.“