Harburg
130 Jahre SPD-Wilhelmsburg

Vom Pfeifenclub zur Partei

Das 130-jährige Bestehen der Wilhelmnsburger SPD feierten Genossen aus beiden Distrikten der Elbinsel im Abgeordnetenbüro: Natalie Konty (Wilhelmsburg Ost, von links), Ali Kazanci (West), Janwillem van de Loo, (West), Evin Bayir (Jusos), Kesbana Klein (Ost) und Michael Weinreich (Ost)  

Das 130-jährige Bestehen der Wilhelmnsburger SPD feierten Genossen aus beiden Distrikten der Elbinsel im Abgeordnetenbüro: Natalie Konty (Wilhelmsburg Ost, von links), Ali Kazanci (West), Janwillem van de Loo, (West), Evin Bayir (Jusos), Kesbana Klein (Ost) und Michael Weinreich (Ost)  

Foto: Lars Hansen / xl

Aus alten Unterlagen geht hervor, wie lange es schon Sozialdemokraten auf der Elbinsel gibt. Grund genug für eine kleine Jubiläumsfeier.

Wilhelmsburg. „Parteikeller“ sind etwas, was nur bei der SPD verbreitet ist. Sie stammen noch aus den zweimal zwölf Jahren, in denen Sozialdemokraten konspirativ arbeiten mussten. In Parteikellern findet der praktische Teil der politischen Arbeit statt: Plakate auf die Ständer kleben, Flugblätter drucken, archivieren, was nicht mehr ins Büro passt und gemeinsam Bier aus kurzen, dicken Flaschen trinken.

Beim Ausräumen des Parteikellers des SPD-Distrikts Eichenallee stießen die Wilhelmsburger Jusos auf alte Dokumente. Sie belegen, dass die SPD in Wilhelmsburg zu einer Zeit gegründet wurde, als dies eigentlich gar nicht ging: 1889 galt noch das Bismarcksche „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, kurz „Sozialistengesetz“. Weil sich die Wilhelmsburger Sozialisten damals aber eines Tricks bedienten und sich trotzdem trafen, konnte die SPD nun ihre 130-Jahr-Feier im Bürgerschafts-Abgeordnetenbüro von Michael Weinreich begehen.

„Pipenclub Knaster“ hieß die Elbinsel-SPD im ersten Jahr ihres Bestehens, denn einen Verein der Pfeifenraucher konnte man zu Kaisers Zeiten kaum verdächtig finden. Hinter dem blauen Dunst steckte allerdings rotes Gedankengut. Kaum war 1890 das Sozialistengesetz nach 12 Jahren Gültigkeit außer Kraft, wurde aus dem Pfeifenclub die SPD. Ein Prominenter Harburg-Wilhelmsburger Bundestagsabgeordneter sollten das Pfeiferauchen später allerdings noch einmal zu seinem Markenzeichen machen.

Die Harburger SPD dürfte bei der Gründung mitgeholfen haben

Bei der Gründung der Wilhelmsburger SPD dürfte die Harburger SPD mitgeholfen haben. Harburg gehörte 1863 zu den Gründungsvereinen des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins aus dem dann die SPD hervorging. Die Harburger Genossen waren wegen der Sozialistengesetze schon elf Jahre im Untergrund aktiv, als die Wilhelmsburger zusammenkamen.

Der Verein wuchs von 500 Mitgliedern 1890 auf genau das Doppelte im Jahr 1903. Zwar stellte die SPD erst 1924 zum ersten mal den Bürgermeister von Harburg-Wilhelmsburg, aber schon vorher begann sie, das Leben und das Stadtbild Wilhelmsburgs zu prägen: Der Bauverein Reiherstieg ist eine Gründung aus der Partei heraus und vor dem ersten Weltkrieg gab es eine sozialdemokratische Zeitung in Wilhelmsburg, eine freie Schule, eine Lesehalle eine Konsumgenossenschaft und diverse Gaststätten, in denen sich die Sozis trafen.

Der Obrigkeit waren die Genossen ein Dorn im Auge

Der Obrigkeit war das immer noch ein Dorn im Auge und man beargwöhnte die Genossen: „Derselbe ist ein eifriger Agitator der sozialdemokratischen Partei“, schrieb der Harburger Polizeiobermeister Püster 1903 über den Gastwirt Friedrich Rüdemann, „wobei derselbe sich dergestalt offen darüber lustig gemacht hat, dass er der Polizei bei der Einführung von Druckschriften schon oft ein Schnippchen geschlagen habe. Durch die Erteilung der Konzession an Rüdemann wird die Partei ein Lokal erhalten, in welchem dieselbe Hand in Hand mit Rüdemann unter Hintergehung der Behörde willkürlich schalten und walten kann!“

Rosa Luxemburg als Wahlhelferin

Rüdemanns Konzession für ein zweites Lokal wurde abgelehnt. Er gehörte später zu den Gründern des Bauvereins.

Im selben Jahr, 1903, ereignete sich ein Highlight der Wilhelmsburger Parteigeschichte: Im Reichstagswahlkampf sprach Rosa Luxemburg in „Sieverts Gasthaus am Wilhelmsburger Markt“. Sie war extra nach Wilhelmsburg geholt worden, weil sie polnisch sprach. Wilhelmsburgs Industriebosse waren damals bestrebt, die polnischen Gastarbeiter von den deutschen Sozialdemokraten fern zu halten. Von der Industrie gestiftete katholische Einrichtungen sollten das erreichen. Rosa Luxemburgs zweisprachige Rede wirkte dem entgegen.

Später spaltete sich die Partei in SPD und KPD. Beide Parteien zusammen erreichten bei der letzten freien Wahl vor den Nazis im Wilhelmsburger Westen 58 Prozent.

Nach 1945 kamen viele Sozialdemokraten aus Haft und Untergrund und halfen, Wilhelmsburg wieder aufzubauen – äußerlich, wie innerlich. Die Flut 1962 machte diese Bemühungen zu Nichte. „Auf die Flut folgte ein langer Abstieg Wilhelmsburgs“, sagt Natalie Kontny (29), Büroleiterin von Michael Weinreich und eine der Initiatorinnen der Aufarbeitung der Parteigeschichte sowie der kleinen Feier, „damit hatte auch die Partei viel zu kämpfen. Erst seit der Jahrtausendwende wird Wilhelmsburg wieder besser wahrgenommen. Auch das herauszufinden, war spannend!“