Harburg
Usutu-Virus

Massenhaftes Amselsterben: Was Bürger jetzt tun können

Tödliches Tropenvirus grassiert in der Elbmarsch und im Harburger Umland. Nabu bittet die Menschen tote Vögel zu melden.

Harburg/Winsen.  Vögel liegen tot im Garten, am Straßenrand und auf öffentlichen Plätzen: Ein massenhaftes Amselsterben hat den Hamburger Süden und das Harburger Umland erfasst. Viele Bürger sind besorgt, die Naturschutzverbände alarmiert: Sie verzeichnen eine dramatische Zunahme an toten Vögeln, die offenbar Opfer einer von Stechmücken übertragenen tödlichen Viruskrankheit geworden sind.

„So viele Meldungen über tote Vögel wie in diesem Jahr hatten wir bisher noch nicht“, sagt Jürgen Hülskämper, der Vorsitzende der Nabu-Ortsgruppe Winsen. Vor allem aus der Elbmarsch und aus der Region Seevetal häuften sich Berichte über verendete Amseln, sagt der Fachmann. Nachdem in den vergangenen Jahren wärmere Regionen im Süden Deutschlands wie das Rheintal in hohem Maße von der vom Usutu-Virus ausgelösten Krankheit betroffen waren, grassiert die Vogelkrankheit nun im Norden. Fachleute vermuten einen Zusammenhang mit den über Wochen anhaltend heißen Temperaturen dieses Sommers. 20 bis 30 Prozent der gesamten Amselpopulation könnten an der Krankheit zu Grunde gehen, schätzt Hülskämper.

Bewohner melden auch tote Meisen und Singdrossel

Unterdessen breitet sich das Amselsterben südlich der Elbe weiter aus. Neben Amseln sind mittlerweile auch andere Vogelarten betroffen. „Eine Anruferin aus Borstel berichtete, dass bei ihr sieben tote Meisen im Garten liegen“, sagt Hülskämper. Zur selben Zeit meldete sich beim Nabu in Hamburg eine Anwohnerin aus Neugraben, die mehrere tote Meisen auf ihrem Grundstück gefunden hatte. Es gebe eine Häufung von Totfunden im Bezirk Harburg, vor allem in Neugraben, Hausbruch und in Heimfeld, sagte der Nabu-Hamburg-Süd-Vorsitzende Frederik Schawaller dem Abendblatt.

„In der Eißendorfer Straße hatte eine Frau vorige Woche fünf tote Amseln im Garten. In Hausbruch fanden Anwohner eine tote Singdrossel“, nennt er einige Beispiele. Die Vögel erschienen allesamt äußerlich weitgehend unversehrt – ein typisches Anzeichen für die tückische Infektion, bei der die Tiere ihren Fluchtreflex verlieren, benommen wirken, das Gefieder aufplustern und innerhalb von ein- bis zwei Tagen sterben.

„Bisher grassierte das Usutu-Virus in anderen Bundesländern. Jetzt taucht die Krankheit erstmals im Norden auf“, sagt Schawaller. Damit tote Tiere zentral erfasst und die Ausbreitung der Krankheit wissenschaftlich erforscht werden kann, bittet der Nabu dringend darum, tote Vögel online zu melden und sie im Idealfall zur Untersuchung an das Bernhard-Nocht-Institut (BNI) in Hamburg einzuschicken.

Tote Vögel mit Handschuhen anfassen

Dass sich Menschen mit dem Usutu-Virus infizieren, ist eher unwahrscheinlich und wird von Fachleuten weitgehend ausgeschlossen. Dennoch ist Vorsicht geboten. „Auf keinen Fall sollte man einen toten Vogel mit den Händen berühren“, sagt Hülskämper. Das Virus verbreitet sich über die Blutbahn. „Wer einen toten Vogel findet, kann sich am besten mit Handschuhen schützen. Oder ihn mit einer umgekehrten Plastiktüte aufnehmen.“

Tote Vögel können im Erdreich begraben werden. Auf keinen Fall dürfen die Kadaver in Gewässer gelangen, da dies ein hohes Infektionsrisiko für Wasservögel und andere Tierarten darstelle. Im BNI wurden dieses Jahr bereits 130 Vögel untersucht, 43 waren mit Usutu infiziert. „Besonders aus Niedersachsen und aus dem Kreis Harburg und dem Hamburger Süden häufen sich bei uns die Anfragen“, sagt der Referent für Vogelschutz beim Nabu Hamburg, Marko Sommerfeld.

Er zählte allein fünf Meldungen in wenigen Tagen über verendete Vögel in Hausbruch, Neugraben und dem Göhlbachtal. „Das gab es so noch nicht. Vermehrt trifft es auch Blaumeisen, Gimpel und Rotkehlchen.“ Ob am Ende Hunderte – oder gar Tausende – Vögel sterben werden, vermag heute niemand zu sagen. „Man sieht sehr wenig Amseln“, sagt Sommerfeld. „Wir hoffen, dass sich die Population erholt.“