Harburg
Sinstorf

Harburgs Brauer brauchen mehr Platz

Julia und Oliver Wesseloh haben mehr Erfolg, als in ihre Geschäftsräume passt

Julia und Oliver Wesseloh haben mehr Erfolg, als in ihre Geschäftsräume passt

Foto: Lars Hansen / xl

Nach nur wenigen Jahren wird es der Kehrwieder Kreativbrauerei in Sinstorf zu eng. Gründer suchen im Süden.

Sinstorf.  Eigentlich könnte es für Brauereigründer Oliver Wesseloh, seine Frau Julia und die Angestellten der „Kehrwieder Kreativbrauerei“ in Sinstorf nicht besser laufen: Gerade gewannen vier Biere der Harburger Handwerksbrauer fünf Goldmedaillen bei den „International Craft Beer Awards“. Ex-Azubi Christian Müller ist jetzt Geselle und damit umfangreicher einsetzbar. Und die drei Dauer-Sorten „Prototyp“, „Übenormalnull“ und „Fofftein“ laufen, wie geschnitten Brot.

Bei Kehrwieder kann man vor K(C)raft kaum laufen. Aber wie es so ist, wenn man Muskeln zulegt: Irgendwann spannt das Hemd. Nur vier Jahre nach dem Einzug im Sinstorfer Puhsthof braucht die Brauerei mehr Platz, als in dem Gewerbe-Ensemble noch zu haben ist. Die Wesselohs suchen einen neuen Standort. Im Hamburger Süden soll der aber unbedingt liegen.

Die Kehrwieder-Brauerei ist mit dem Problem nicht allein: Auch einige andere Mieter des Gewerbehofs auf dem ehemaligen Molkerei-Gelände am Sinstorfer Kirchweg haben mehr Erfolg, als sie Platz mieten können. Vermieter Puhst kommt den Erfolgsmietern in soweit entgegen, als er frei werdende Räume zunächst ihnen anbietet.

Am Tag können 1000 Liter Bier gebraut werden

Das heißt aber auch, dass Büros, Lager und Produktionsstätten einzelner Firmen über das ganze Gelände verteilt ist. Da trifft der Brauer auf dem Weg ins Büro den Gewürzmischer, der gerade ins Versandlager unterwegs ist, vor der Tür der Geschenkartikelmanufaktur. Das ist zwar einer der großen menschlichen Vorzüge am Puhst-Hof, aber wenn das Betriebswachstum durch die Enge ausgebremst wird, auch ein Problem.

Seit mit Christian Müller ein selbst ausgebildeter Geselle zur Verfügung steht, kann Kehrwieder doppelt so viel brauen, wie zuvor. 1000 Liter am Tag sind jetzt möglich. Zuvor waren es 500 oder es wurde auch mal tagelang nicht gebraucht, wenn Chefbrauer Oliver Wesseloh als international gefragter Craft-Beer-Fachmann woanders Vorträge hielt, an Tagungen teilnahm oder als Juror Biere bewertete.

Oft ist er auch jetzt noch unterwegs, um woanders zu brauen. Der Grund ist auch dafür der Platzmangel in Sinstorf: „Prototyp und Übernormalnull sind so beliebt, dass wir in unserer kleinen Anlage gar nicht hinterherkämen“, sagt Julia Wesseloh, „das braut Oliver als Untermieter im Brauhaus Nittenau.“

Alle sechs Wochen fährt Wesseloh nach Bayern, um dort zwei Sude anzusetzen, je einmal für das kalt gehopfte Lager „Prototyp“ und für das alkoholfreie Pale Ale „Übernormalnull.“ Den freundschaftlichen Kontakt nach Nittenau hat er noch aus der Zeit, in der er seine „Kehrwieder-Biere“ als Wanderbrauer in diversen Craft-Brauereien herstellte, weil er noch keine eigene Brau-Anlage hatte.

Flächen für Arbeit, Logistik und Gastronomie gesucht

In Hamburg braut Kehrwieder derzeit nur die saisonalen Spezialbiere – auch die gerade prämierten „Elbe Gose“ und „El Duderino“ – in kleinen Serien, sowie das Kellerbier „Fofftein“, das Kehrwieder für die Kiezkneipe „Silbersack“ entwickelte, und eine Verbeugung an die ehrlichen, blonden Hafenarbeiterbiere alter Zeiten darstellt. „Das ist ein echtes Hamburger Bier, das auch nur in Hamburg gebraut werden sollte“, sagt Julia Wesseloh. „Es wird auch nur innerhalb der Stadtgrenzen verkauft.“

Gerne würden Brauer Oliver und Marketingfrau Julia Wesseloh nicht nur die Spezialbierproduktion ausbauen, sondern auch die Verkaufsrenner „nach Hause“ holen. Wie das neue Domizil aussehen könnte, wissen Wesselohs bereits. „Wir brauchen einerseits Fläche zum Arbeiten und für die Logistik“, sagt Julia Wesseloh, „aber auf der anderen Seite auch entweder eine Gaststätte oder zumindest einen Verkostungsraum. Wir haben festgestellt, dass Besucher der Brauerei auch gerne probieren wollen.“

Damit gibt es eine Standortanforderung: „Wir müssen dann leicht mit dem Nahverkehr erreichbar sein“, sagt Julia Wesseloh, „ich fände es unverantwortlich, Menschen Alkohol auszuschenken, die danach noch Auto fahren müssen.“

Dem Hamburger Süden will Kehrwieder treu bleiben. „Hier haben wir unsere Wurzeln“, sagt Oliver Wesseloh, „Die Norderelbe ist unsere eine Grenze. Und im Süden würden wir höchstens knapp über die Landesgrenze gehen.“

Fünf Goldmedaillen für vier Biere

Bei den Craft Beer Awards des internationalen Getränke-Fachverlags Meininger haben vier Kehrwieder-Biere Auszeichnungen erhalten: Die Elbe-Gose, ein brauhistorisches Experiment mit Salz und Koriander – übrigens von der Nachbarfirma Ankerkraut; das auf Kaffebohnen gelagerte Baltic Porter El Duderino; das alkoholfreie Ale Übernormalnull und das kalt gehopfte Lager Prototyp, das als bester Vertreter seines Stils auch noch einen Extrapreis holte.