Harburg
Serie „Auf Achse“

Unterwegs mit einem Hafentrucker

Digitalisierung: Seine Fahr-Auftrags-Nummer tauscht Rille am Dialogcomputer gegen eine Magnetkarte ein.

Digitalisierung: Seine Fahr-Auftrags-Nummer tauscht Rille am Dialogcomputer gegen eine Magnetkarte ein.

Foto: Lars Hansen / xl

Im Hafen fährt „Rille“ seit 30 Jahren. Er ist eines der Urgesteine unter den 500 Containertruckern zwischen Steinwerder und Waltershof.

Altenwerder/Waltershof.  Rille hat in seinem Leben viele Laster gehabt. Der, mit dem er jetzt am Containerterminal Altenwerder (CTA) vor der Schranke steht ist schon sein zehnter, ein DAF XF in hafenblau. Lange muss er nicht warten: Er hält seine Truckerkarte ans Lesegerät und schon hebt sich der Schlagbaum. Dabei bewegt sich das „Stop“-Schild vor Rilles Windschutzscheibe nach links. Es ist an einer Gelenkstange, die immer senkrecht bleibt, am Schlagbaum befestigt. Der Schlagbaum liegt im toten Winkel der Trucker. Das Schild ist immer in Augenhöhe. Diese Konstruktion ist beinahe das letzte Überbleibsel altmodischer analoger Technologie, das Rille bei seiner Hafentour sieht.

Refik Hadzic ist der Name, der in Rilles Papieren steht, „aber seit ich im Hafen fahre, heiße ich Rille. Den Namen habe ich einfach gekriegt“, sagt er.

Im Hafen fährt Rille jetzt seit 30 Jahren. Er ist eines der Urgesteine unter den fast 500 Containertruckern, die zwischen Steinwerder und Waltershof die Stahlboxen hin- und her fahren.

Mitte der 80er-Jahre kam Rille nach Hamburg. „Ich bin in Bosnien geboren und in Slowenien erwachsen geworden“, erzählt er. „Nach der Schule ging ich zur jugoslawischen Armee. Das war erst mal auch ganz gut. Aber nach Titos Tod ging das Gerede von Krise los und man hat unseren Sold halbiert. Meine Freundin war mit ihren Eltern schon nach Hamburg gezogen. Ich machte ihr einen Heiratsantrag und kam hierher. Eine gute Entscheidung, denn wenige Jahre später begannen in Jugoslawien die Kriege.“

1987 begann Rille mit den Hafenumfuhren. Drei Jahre lang als „einsamer Wolf“, seit 1990 als Subunternehmer für den CTD. CTD steht für „Container-Transport-Dienst“, eine Tochterfirma der Hamburger Hafen- und Logistik AG (HHLA). Allein für den CTD sind 210 Trucks unterwegs, viele davon doppelt besetzt, damit sie rund um die Uhr fahren können. Auch Rille hat einen Nachtschichtfahrer angestellt.

Routiniert steuert Rille auf die nächste Schranke zu, vorbei an einem Flachbau der auf dem Terminal einen wenig respektvollen Namen hat, weil sich darin neben zwei mit hilfsbereiten HHLA-Mitarbeitern besetzten Serviceschaltern und einem Dutzend selbst zu bedienenden Computerterminals auch eine Toilette befindet. Auch an der Schranke des „Check-in-Gate“ befindet sich ein Selbstbedienungsterminal. Rille gibt seine Tourenplannummer ein und erhält dafür eine Magnetkarte. Die Schranke öffnet sich. Das geht so schnell, weil Rille Routine hat. Ohne diese Routine oder gar ohne Tourenplannummer geht es langsamer. Dann müssen Trucker sich die Karte eben in der P-Bude abholen.

104 Übergabeplätze für Container stehen am CTA zur Verfügung. Freie Auswahl gibt es natürlich nicht. Der Container, den Rille jetzt holen soll, steht in einem der 26 Blocklager mit je vier Ausgabeplätzen. Zu welchem Block er soll, weiß Rille dank der Anmeldung am Terminal sowie modernster digitaler Vernetzung zwischen seinem Disponenten beim CTA, dem Containerterminal und Rilles Smartphone.

Die Blocklager sind riesige Recht-ecke, in denen theoretisch 1200 20-Fuß-Container 30 lang, 10 breit und vier hoch gestapelt werden können. Theoretisch. Praktisch hätte man sich damit festgebaut und keinen Platz mehr zum Sortieren. Seeseitig werden die Boxen mit der Containerbrücke vom Schiff genommen und auf einen Übergabeplatz am anderen Ende des Blocklagers gestellt. Ein computergesteuerter Portalkran stellt den Container dort im Blocklager ab, wo es die Software für günstig errechnet. Landseitig, dort wo Rille seinen Sattelzug rückwärts an das Blocklager herangefahren hat, gibt es einen weiteren Portalkran, der Container an die Übergabeplätze bringt. Kräne, die keine „Kundschaft“ haben, sortieren die Stahlboxen vor. Das alles läuft vollautomatisch.

Mit der Karte hat Rille dem Computer am Ausgabeplatz mitgeteilt, welchen Container er bekommt. Jetzt muss er noch schnell sein Chassis vorbereiten. Es ist noch auf die langen 40-Fuß-Container eingestellt. Jetzt soll Rille aber nur einen 20-Füßer fahren. Deshalb muss er die so genannten Twistlocks, im Hafenjargon auch „Knacken“ genannt, mit denen die Container am Fahrgestell, beziehungsweise auf dem Schiff auch an einander, befestigt sind, neu einstellen: Die mittleren und hinteren sollen den kurzen Container gleich halten und werden zunächst in Längsposition gebracht, die vorderen sind diesmal überflüssig und werden nach unten geschraubt. Dann muss Rille warten. Während der LKW am Blocklager steht, darf der Fahrer nicht darin sitzen, wegen der Sicherheit. Es könnte ja vorkommen, dass ein Fahrer, der einen Container anliefert, vergisst, die Knacken zu lösen und der ganze Lastzug angehoben wird. Wegen der Sicherheit und weil es hier um Millimeterarbeit geht, läuft auch die Containerübergabe nicht vollautomatisch: Rilles Container kommt herangeschwebt, hält aber einige Meter schräg über Rilles Chassis für einige Sekunden an. Ab jetzt übernimmt ein Mensch die Steuerung des Krans. Von hier aus ist er unsichtbar. Er steuert den Kran per Fernbedienung und mit Kameraaugen aus einem trockenen Gebäude. Mit feinster Präzision setzt der Fernlenker Rille den Container auf die Knacken. Rille dreht die vier Twistlocks auf quer. Jetzt sitzt der Container bombenfest.

Die Tour ist nicht weit. Es geht nach Waltershof zum Containerterminal Burchardkai (CTB) einmal unter der Autobahn hindurch über den Finkenwerder Kreisel, wieder unter der Autobahn hindurch durch das ehemalige Zollamt Waltershof und dann rechts ab zum CTB. Ein bisschen ist das, wie Dom: Die Kurven und Steigungen sind die Achterbahn, nur viel langsamer und der Finkenwerder Kreisel der Autoscooter, nur, dass hier dank professioneller Fahrer weniger Zusammenstöße passieren.

Für den Fuhrunternehmer Rille ist der Truck gleichzeitig sein Büro. Laptop und Drucker hat er ständig an Bord, Per Surfstick ist er mit der ganzen Welt – vor allem aber dem Hamburger Hafen – vernetzt. Die Büroarbeiten erledigt er, wenn er mal länger warten muss. Das kommt leider vor. „Auch, wenn wir beim CTD die besten Disponenten der Welt haben, nützt uns das manchmal nichts“, sagt er. „Einige der älteren Terminals sind so eng, dass sich die Trucks lange stauen. Dann mache ich Papierkram oder ich schlafe ein wenig. Ich bin ja fast jeden Tag von sechs bis 18 Uhr unterwegs.“

Um die Wartezeiten zu verkürzen, am Besten ganz zu eliminieren, haben die Containerterminals jetzt ein neues Verfahren entwickelt: Den LKW-Fahrern werden Zeiträume, so genannte Slots, zugewiesen, damit sie nicht alle auf einmal zum Terminal kommen. Trifft man seinen Slot, wird man schnell abgefertigt. Verpasst man ihn um mehr als 30 Minuten, heißt es Warten. Bei mehr als 60 Minuten muss ein neuer Slot gebucht werden. „Einige Kollegen sind da skeptisch“, sagt Rille, „aber ich bin zuversichtlich, dass das etwas bringt. Es gibt so viel zu fahren und in den Hauptzeiten zu wenig Plätze. Wenn das besser organisiert werden kann, haben alle etwas davon. Die Kollegen meckern jetzt, aber wenn sie sich erst einmal daran gewöhnt haben, werden die merken, dass das auch mehr Touren bringt.“

Die Hafentrucker werden pro Auftrag bezahlt. „Früher habe ich 10 bis 12 Touren pro Tag gehabt“, sagt Rille, „Davon ließ sich sehr gut leben. Jetzt habe ich im Schnitt acht. Das ist knapp. Drei Wochen im Monat fahre ich für die Bank, das Finanzamt und die Versicherungen. Erst in der vierten Woche verdiene ich Geld für mich und meine Familie. Da darf man nicht ausfallen!“

Trotzdem hat Rille es geschafft, sich ein Haus in Bosnien zu bauen. Es liegt an den Ufern der Una. Eigentlich will er viel öfter mit dort sein. „Aber seit die Enkel da sind, will meine Frau am liebsten gar nicht mehr aus Hamburg weg“, sagt der 57-jährige.

Rilles DAF ist erst ein Jahr alt. 460 PS ermöglichen genügend Zug, um flott anfahren oder die Spuren wechseln zu können. Harnstoffeinspritzung sorgt für eine günstige Abgasklasse. In zwei Jahren verkauft Rille den Wagen wieder und nimmt den nächsten. „Ich habe früher gebrauchte Zugmaschinen gekauft, aber was man da an Kreditraten spart, legt man an Werkstattkosten wieder drauf. Finanziell bleibt es gleich und der Nervenaufwand ist größer.“

Am CTB hält Rille wieder die Truckerkarte vor und darf gleich aufs Terminal. Hier soll der Container, den er in Altenwerder geholt hat, wieder auf ein Schiff verladen werden. Rille fährt ans Blocklager heran und löst die Knacken. Dann steht er in der Wartezone neben seinem LKW. Der Kran nimmt den Container ab. Die Tour ist beendet. Mindestens vier weitere stehen für Rille heute noch an. Erstmal ist aber Mittag.