Harburg

Grenzwerte in der Winsener Straße überschritten

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Lars Hansen
Enge Bebauung, viel Verkehr: An der Winsener Straße ist die Schadstoffbelastung besonders hoch

Enge Bebauung, viel Verkehr: An der Winsener Straße ist die Schadstoffbelastung besonders hoch

Foto: Lars Hansen / xl

Stickoxidbelastung ist schlimmer als an den Hamburger Problemstellen Max-Brauer-Allee und Habichtstraße.

Hamburg.  Wenn es um die Belastung der Hamburger Luft mit Schadstoffen geht, ist oft von der Max-Brauer-Allee in Altona oder der Habichtstraße in Barmbek die Rede. Dabei gibt es Stellen in Harburg, an denen eine noch höhere Belastung mit Stickoxiden und Feinstaub errechnet wurde, so zum Beispiel verschiedene Abschnitte der Winsener Straße sowie die Moorstraße. Das hat die Umweltbehörde den Bezirksabgeordneten der Neuen Liberalen auf eine Anfrage im Juni mitgeteilt.

Im Gegensatz zur Max-Brauer-Allee und zur Habichtstraße, bei denen öffentlichkeitswirksam Gegenmaßnahmen bis hin zu Fahrverboten beschlossen und verkündet wurden, ist für die Harburger Hotspots nichts dergleichen geplant.

Wie sollen Werte sinken?

Umweltsenator Jens Kerstan prognostiziert im Luftreinhalteplan, dass die Belastung hier sich bis 2020 ohne weiteres Zutun unter die zulässigen Grenzwerte verringern wird. Das macht die neuen Liberalen stutzig. In einer erneuten Anfrage an die Behörden fordern sie Auskunft darüber, wie sich die Werte so stark senken sollen.

Auf der Winsener Straße zwischen Reeseberg und Hannoversche Straße wurde der höchste Stickstoffdioxidbelastungswert prognostiziert: Mit 55,2 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft liegt der Jahresmittelwert hier 22 Prozent über dem Grenzwert von 40 Mikrogramm.

Auf allen anderen Prognoseabschnitten bis zur Jägerstraße wird der Grenzwert ebenfalls überschritten, wenn auch nicht ganz so hoch. Problematisch sind nach dem Gutachten auch die Moorstraße, weite Teile der Stader Straße und der Seehafenstraße.

Schlechte Datenlage

Im Gegensatz zur Max-Brauer-Allee und zur Habichtstraße stützt sich das Schadstoffbild für diese Bereiche aber nicht auf tägliche verkehrsnahe Messungen. „Messstationen, die ständig Daten übermitteln, haben wir im Bezirk Harburg nicht“, sagt Björn Marzahn von der Pressestelle der Umweltbehörde.

„Es gibt lediglich zwei Passivsammler, einen am Alten Postweg und einen an der Winsener Straße. Die Passivsammler werden einmal im Monat ausgewertet und daraus ein Mittelwert errechnet. An der Winsener Straße stand bis vor kurzem ein Messcontainer, der aber dem Wohnungsbau gewichen ist. Der Passivsammler in einem Baum an der Ecke zur Paul-Gerhard-Straße ersetzt den Container.“

In ganz Hamburg gibt es nur noch vier Luftmesscontainer, die stundengenau die Belastung an Verkehrswegen messen und online weitergeben. Es gibt weitere für Hintergrundwerte, Ozon – so einer steht in Neugraben – und Schiffsabgase. Die Werte, die die Umweltbehörde den Neuen Liberalen auf die Anfrage mitteilte, stammen aus einem Gutachten aus dem Jahr 2014. Der Gutachter nutzte dabei das HBEFA-Verfahren.

Rechenmodell angezweifelt

HBEFA steht für „Handbuch Emissionsfaktoren“ und ist ein international gebräuchliches Rechenmodell, dass auf den Verkehrsdaten für einen Messbereich fußt. In das Hamburger Gutachten flossen auch Umgebungsfaktoren wie hohe und enge Bebauung mit ein.

Kay Wolkau, Fraktionsvorsitzender der Neuen Liberalen, sieht die Zahlen skeptisch: „Die Rechenmodelle von 2014 haben noch nicht einkalkuliert, dass der Stickoxidausstoß von Dieselfahrzeugen der Klasse Euro6 ja sehr viel höher ist, als von den Herstellern angegeben“, sagt er. „Das wissen wir ja erst seit dem Dieselskandal.“

Vor allem möchten die Neuen Liberalen wissen, wie die Winsener Straße ihre Schadstoffbelastung quasi von alleine um über 20 Prozent reduzieren soll, während an der Max-Brauer-Allee für eine sogar noch geringere Reduzierung Fahrverbote benötigt werden.

Vorschlag, Geschwindigkeit zu reduzieren

„Fest steht, dass die Belastung verringert werden muss“, sagt Wolkau, „am besten durch eine Verringerung des Verkehrs, aber das ist an der Winsener Straße schwierig. Eventuell sollte man hier aber dauerhaft die Geschwindigkeit reduzieren. An der Moorstraße sind hauptsächlich die Busse die Emissionsverursacher. Alle Harburger Linien fahren hier durch.

Deshalb sollte Harburg im Zuge der Umrüstung auf emissionsfreie Busse bevorzugt mit diesen ausgestattet werden. Und wir brauchen am neuralgischen Punkt Winsener Straße verlässliche Daten. Deshalb werden wir dort eine Messstation beantragen.“

Wie wirkt der Schadstoff?

Stickstoffoxide (NOx) entstehen unter anderem bei der Verbrennung von Kraftstoffen aller Art, besonders jedoch Diesel, dessen Verbrennungstemperatur NOx begünstigt. Weil fast alle Stickoxide im Kontakt mit Wasser Säuren bilden, können sie Schleimhäute und Atemwege reizen. Über die Zugabe von Harnstoff in die Verbrennung können NOx fast komplett eliminiert werden. Zugunsten höherer Motorleistungen hebelten einige Autohersteller im Dieselskandal diesen Prozess jedoch aus.

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