Harburg
Landkreis Harburg

Jäger über Geocacher: "Die sind nicht ganz frisch im Kopf"

Jagdpächter sorgen sich um die wachsende Zahl der „Geocacher“, die abseits der Pfade durch Wälder in Harburg Stadt und Land streifen.

Harburg.  Tag und Nacht sind sie unterwegs. Allein stromern sie durch die Lande. Oder verabreden sich im Internet zur gemeinsamen digitalen Schnitzeljagd. Geocacher sind moderne Schatzsucher. Ihr Hobby es ist, in der Stadt und auf dem Lande und gern auch in den Wäldern versteckte „Caches“ (geheime Lager) aufzustöbern. Dabei nutzen sie mobile Ortungsgeräte, Leuchtfarbe, Bergsteigerausrüstungen und Taschenlampen. Das macht sie in Wäldern und Auen im Süden Hamburgs zunehmend zum Problem. Jäger und Jagdpächter schlagen Alarm. Sie wollen die ausufernde elektronische Schatzsuche eindämmen. Und fordern einen runden Tisch.

Erst vor wenigen Tagen war ein Geocacher aus Hamburg (61) ums Leben gekommen, als er auf einer Schnitzeljagd in einem Wald im schleswig-holsteinischen Kayhude in einem 15 Meter hohen Baum einen Herzinfarkt erlitten hatte. Norbert Leben, Kreisjägermeister im Landkreis Harburg, nimmt kein Blatt vor den Mund. „Die Jungs sind doch nicht ganz frisch im Kopf“, sagt der Jägermeister. Hoch in den Baumwipfeln „Caches“ zu verstecken, das geht ihm eindeutig zu weit. Auch in den Wäldern im Landkreis Harburg seien die elektronischen Schatzsucher verstärkt abseits der Wege unterwegs.

Jäger fürchten, dass Spieler vor ihre Flinte geraten

„Ich sehe darin ein sehr hohes Gefährdungspotenzial. Sowohl für die Geocacher als auch für die Waldbesitzer und die Jäger“, sagt der Jägermeister. Man müsse draußen im Wald immer damit rechnen, dass einem „so jemand plötzlich vor die Flinte läuft“, betont der Waidmann. „Wenn ich eine Bodensenke nicht einsehen kann oder es einen Abpraller gibt, ist das hochgradig gefährlich.“

Er habe mehrfach Geocacher im Wald angetroffen. Im Garlstorfer Wald, in der Nähe von Sundermühlen am Rande des Naturschutzgebiets Lüneburger Heide habe er „Caches“ gefunden. „Geocacher sind ursprünglich angetreten, dass sie ihre Schätze nur am Rande öffentlicher Wege verstecken“, sagt Leben. „Aber das ist vorbei. Heute gehen sie quer durch die Bestände, Tag und Nacht.“

Mit fatalen Folgen für das Wild. Insbesondere Rotwild werde gestört, wenn Geocacher nachts in der Dunkelheit mit Taschenlampen durch den Wald leuchten, um Reflektoren am Boden und in den Bäumen aufzustöbern. „Das Wild braucht Ruhezeiten und Ruhezonen. Wie wir Menschen auch“, betont der Jägermeister. „Wenn die Tiere nicht zur Ruhe kommen, springen sie durch die Gegend und richten erhebliche Schäden an.“

Geocacher sollen sich an Regeln halten

Gerade jetzt im Frühjahr zur Brut- und Aufzuchtzeit sollten Spaziergänger und Hundebesitzer besondere Rücksicht auf die Tiere nehmen. Es müsse Regeln geben. Für Hunde gelte Leinenzwang. Gleichzeitig gebe es aber im Bereich Rosengarten viel Unruhe durch Geocacher, betont Leben. Es würden „regelrechte Rallyes“ gefahren. „Wenn Geocaching kommerzialisiert wird, wird es ganz schlimm“, sagt der Jägermeister. Es gibt schon Anbieter, die Geocaching in Hamburg und Umgebung für Kindergeburtstage zum Pauschalpreis anbieten. Die Schatzsuche dauert etwa drei Stunden. Die Ausstattung und ein Handbuch zum Einrichten der Suche „direkt vor der Haustür oder im angrenzenden Wald“ (Werbetext) gibt es gleich mit. Im Internet sind alle Standorte der „Caches“ verzeichnet. Hinter Fantasienamen wie „Robertshall“ verbirgt sich ein Schatz an der Alten Harburger Elbbrücke. Ein relativ unverfänglicher Zielort. Was das ökologische Gewissen einiger Geocacher angeht, lassen Kurzbeschreibungen zu ,,Night-Caches“ wie "Der ganze Wald leuchtet von Reflektoren" tief blicken.

Aus ökologischer Sicht gilt Wilhelmsburg mit den Süßwasserwattgebieten der Süderelbe und der Norderelbe als besonders wertvoll. Einzigartig ist das Naturschutzgebiet „Heuckenlock“, eines der ältesten Naturschutzgebiete Hamburgs mit dem ältesten Flusstideauenwald Europas. Hier finden sich am Süßwasser Watten, Priele, Röhrichtbestände und Hartholzauen mit einer 400 Jahre alten Flatterulme.

Die moderne Schnitzeljagd stört das Wild

Jagdlich bedeutsam ist der Wilhelmsburger Osten mit zwei Revieren. Jagdpächter des südlichen Teils ist Michael Schulenburg. „Geocaching bewirkt Probleme“, sagt Schulenburg. Vor einiger Zeit habe es im Naturschutzgebiet Heuckenlock Probleme mit den modernen Schnitzeljägern gegeben. Die Hamburger Naturschutzbehörde habe die Geocacher daraufhin zur Rede gestellt. Seitdem sei dort Ruhe eingekehrt.

„In Harburg sind einige Jagdpächter betroffen“, ergänzt Rudolf Wendt, der Vorsitzende der Harburger Jägerschaft. Er selbst habe einen Cache in einer alten Baumhöhle entdeckt. „Ich habe ihn in die Mülltonne geworfen“, sagt Wendt. Wenn das Wild ständig gestört werde, traue es sich nur noch nachts bei Mondschein heraus. „Dann pflügen Wildschweine im alten Land die Obsthöfe um, weil sie nur noch wenig Zeit für die Nahrungsaufnahme finden.“ Frischlinge werden derzeit nicht bejagt. Sie sollen sich in ihre Ruhezonen zurückziehen können. Wenn sie dort aber von Geocachern mit ihren Lampen aufgestöbert werden, mache dies keinen Sinn und führe dazu, dass die jungen Tiere aufgeschreckt und gestört würden, so Wendt. Große Problem habe es in der Nähe von Appel gegeben. An mehreren Stellen seien Caches gefunden worden. Auch nachts seien die Geocacher dort unterwegs gewesen. Wendt hat das Thema Geocaching mit seinen Harburger Jagdkollgen am Sonntag auf einem Treffen in Neuenfelde aufgegriffen.

In anderen Städten ist das nächtliche Suchen verboten

Dass sich Geocacher und Jagdpächter auf Regeln einigen können, zeigt ein aktuelles Beispiel im baden-württembergischen Wienstadt: An einem runden Tisch konnte der Konflikt zwischen Geocachern und Jagdpächtern gelöst werden. Untersagt ist fortan das Geocaching in der Dunkelheit, wozu fluoreszierende Markierungen benötigt werden. Und: Die Verstecke dürfen nur innerhalb eines drei Meter breiten Streifens links und rechts neben den Waldwegen befinden. „Reviewer“, die die Caches auf Onlineplattformen wie geocaching.com veröffentlichen, sollen für die Einhaltung der Regeln sorgen.

Für Kreisjägermeister Norbert Leben und seinen Harburger Kollegen Wendt geht das in die richtige Richtung. „Wir wollen, dass die Menschen in den Wald gehen, um sich zu erholen. Aber es muss im Rahmen bleiben. Ich wünsche mir einen ,Runden Tisch’ der Harburger Jagdpächter mit den Geocachern“, sagt Norbert Leben. Wendt pflichtet ihm bei: „Ein Runder Tisch wäre sicherlich gut.“