Harburg
Landwirtschaft

Wenn die allerletzte Ernte eingefahren wird

Jens Benecke steht auf seinem Feld im Binsenland, auf dem Zuckerrüben gesät wurden. Er geht davon aus, dass er 2017 die Frucht nicht mehr anbauen wird

Jens Benecke steht auf seinem Feld im Binsenland, auf dem Zuckerrüben gesät wurden. Er geht davon aus, dass er 2017 die Frucht nicht mehr anbauen wird

Foto: Rolf Zamponi / HA

Künftig werden im Landkreis Harburg kaum noch Zuckerrüben angebaut werden. Landwirt Jens Benecke erzählt, warum er umstellen muss.

Draußen vor Schwiederstorf liegt das Binsenland. Gut 500 Meter sind es von dort bis zum Ort und dem Hof von Jens Benecke. Auf einem 13 Hektar großen Feld baut der Landwirtschaftsmeister hier mit seinem Lehrling Henning Beecken, 20, Zuckerrüben an.

Saatkorn für Saatkorn oder „Pille für Pille“ wie es fachmännisch heißt, drillt die 30.000 Euro teure Maschine hinter der GPS-gesteuerten, 200.000 Euro teuren Zugmaschine die blauen Körnchen in die schnurgeraden Furchen. Die Saat fällt in aufgeworfene Dämme, erhält dort viel Sonne und wächst deshalb besonders gut. „Aus jeder Pille soll eine Rübe werden“, sagt Beecken, der kurz vor dem Abschluss seine Ausbildung steht, selbstbewusst. „Das streben wir jedenfalls an.“

Fragt sich wie lange noch. Denn Benecke ist sich derzeit so gut wie sicher, dass er im nächsten Jahr keine Rüben mehr anbauen wird. Er steht vor der letzten Ernte – und er dürfte damit einer von 80 bis 90 anderen Landwirten sein, die ähnlich denken.

So schätzt Ralf-Peter Dieck, Geschäftsführer beim Buchholzer Maschinenring, die Lage ein. Der Maschinenring organisiert mit den angeschlossenen Unternehmern den Transport der Hackfrüchte ins Nordzucker-Werk in Uelzen. „Statt 60.000 Tonnen werden im kommenden Jahr wohl allenfalls noch 30 Prozent verladen werden“, sagt Dieck.

Hintergrund für die Entwicklung ist eine Neuregelung, auf die sich die EU-Kommission, der europäische Agrarministerrat und das Europäische Parlament verständigt haben. Danach gilt die Marktordnung für Zuckerrüben vom 1. Januar 2017 an nicht mehr. Lieferrechte und Mindestpreise fallen weg. Ähnlich wie in der Milchwirtschaft soll die Branche Kurs auf den freien Weltmarkt nehmen.

So etwas war in den 60er Jahren noch kein Thema. Damals sicherten sich Landwirte, zu denen auch Beneckes Großvater Helmut zählte, mit den Aktien ihres Zuckerherstellers Nordzucker gleichzeitig Lieferrechte und Festpreise für ihre Früchte.

In Europa sollte damit die Versorgung sichergestellt werden. „1997 haben wird dann mit den Erzeugern festgelegt, dass bei einem etwaigen Fall der Marktordnung der Lieferanspruch weiter an den Aktien hängt“, sagt Georg Sander, Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung bei der Fabrik von Nordzucker in Uelzen.

Kurios nur, dass in den kommenden Jahren die Lieferrechte auch unabhängig von den Aktien gehandelt wurden. So blieb bei den Landwirten mit den entsprechenden Flächen die Abnahme der Rüben garantiert, ohne dass sie Aktien kaufen mussten.

Auch Jens Benecke, der heute auf insgesamt vier Feldern und knapp 40 Hektar Rüben anbaut und auf eine Ernte von 3000 Tonnen kommt, besitzt heute nur gut 2000 Aktien. Damit kann er 300 Tonnen absetzen. Seine Lieferechte werden aber ohne die unterlegten Aktien mit der neuen Marktordnung von 2017 an nichts mehr wert sein. Eine solche Schieflage ist dabei in der Region Harburg nicht selten. „Dort werden wenig Aktien gehalten“, weiß Nordzucker-Manager Sander, der Agrarwissenschaften studiert hat.

Es gibt aber auch den umgekehrten Fall. Der Handel mit den Aktien hat berufsfremde Menschen ohne Land oder die Erben längst aufgelassener Höfe in den Besitz von Papieren gebracht, mit denen sie einen Anspruch auf die Abnahme von Rüben haben. Diese „freie Menge“ ist heiß begehrt. Denn sie soll bei der Neuordnung des Marktes neu verteilt werden. „Um diese Anteile kann sich jeder bewerben“, versichert Sander. Nur: Entscheiden wird Nordzucker. Und die Entfernung zur Fabrik in Uelzen spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Über Jahrzehnte abgeschnitten von der Erzeugerflächen in Ostdeutschland, mussten für die Fabrik in Uelzen neue Bereiche im Nordwesten erschlossen werden. Nun aber gibt es auch nahe bei Uelzen wieder mehr Flächen. Dagegen sind es bis in den Kreis Harburg hinein zwischen 70 und 120 Kilometer. Ein weiteres Argument dafür, dass die Höfe im Süden Hamburgs allenfalls geringe Chancen haben, künftig weiter liefern zu dürfen. Sie gelten als „frachtfern.“

Für die Nordzucker spielt das deshalb eine Rolle, weil das Unternehmen die Transportkosten trägt und sich im immer stärker international ausgetragenen Wettbewerb kostengünstig aufstellen muss. Letztlich ist dies sogar im Sinne der Aktionäre, die ja wiederum vor allem Landwirte sind. Wer nahe an der Fabrik anbaut, wird zudem profitieren. Doch die Erzeuger im Kreis Harburg, zu denen auch viele kleinere Höfe zählen, gehören eben nicht dazu.

Jens Benecke hat bereits ausgerechnet, dass er knapp 25.000 Aktien kaufen müsste, um seine Ernte künftig sicher absetzen zu können. Bei Kosten zwischen zwölf bis 17 Euro käme er auf 375.000 Euro. Zu teuer für ihn. Denn selbst bei einem Gewinn von einem Euro pro Lieferrecht hätte sich die Investition erst nach mehr als einem Jahrzehnt amortisiert.

„Aber einen Euro werden ich nicht einmal erreichen“, ist er sicher. Für die 300 Tonnen, für die er nicht zukaufen müsste, lohnt sich der Aufwand nicht. Und bei einer Entfernung von mehr als 90 Kilometern von seinem Hof bis Uelzen dürfte er kaum einen Anteil aus der freien Menge ergattern können.

Also wird sich Benecke umstellen. Statt Rüben könnte er Raps anbauen, oder Kartoffeln oder Flächen an Kartoffel-Farmer verpachten. Gut findet er das nicht. Schließlich haben er und viele andere im Landkreis über Generationen hinweg Know-how angehäuft, der Boden gilt als gut geeignet für die Rüben und schließlich hat Benecke investiert.

Trecker, Beregnungs-Anlage und Drillmaschine gehören ihm. Rüben passen in die Fruchtfolge gut zu Weizen und Gerste, die Benecke auf 120 Hektar als Futter für seine 120 Sauen und 1000 Mastschweine anbaut. Deren Gülle bringt er als Dünger in den Boden ein. Ein perfekter Kreislauf.

Immerhin: Benecke und seine Frau Christina haben Perspektive: Ihr Hof schreibt schwarze Zahlen und ihre jüngste Tochter Carolina, die am 18. April 18 wird, will Landwirtschaft lernen und den Hof übernehmen. Sie wird über die Zukunft mitreden.

Ob aber die Zuckerrübe in Europa noch Zukunft haben wird, da ist sich der Landwirt nicht so sicher. Die weltweite Konkurrenz in Brasilien, Indien, Australien und Thailand hat es mit dem Zuckerrohranbau ohnehin leichter, kann auf dem Weltmarkt günstiger anbieten.

„Vielleicht ist diese Neuordnung am Markt nur ein erster, kleiner Schritt dahin, dass künftig in Europa gar keine Rüben mehr angebaut werden“, sagt Benecke. Dann kommt der Stoff für Süßigkeiten, Kuchen oder den Morgenkaffee nur noch aus Übersee. Aber nicht mehr aus dem Kreis Harburg, aus Neu Wulmstorfs Ortsteil Schwiederstorf vom Binsenland.