Harburg
Herzog Georg Wilhelm

Wilhelmsburg hat jetzt einen eigenen Comic

Hermann Kahle (l.) und Illustrator Bernd Stein arbeiten am Laptop an der Herzog-Georg-Wilhelm-Figur

Hermann Kahle (l.) und Illustrator Bernd Stein arbeiten am Laptop an der Herzog-Georg-Wilhelm-Figur

Foto: Thomas Sulzyc

Herzog Georg Wilhelm streift 300 Jahre nach seinem Tod durch den Stadtteil. Die Schöpfer der Geschichten suchen Sponsor.

Wilhelmsburg.  Wie aus dem Nichts ist er im Jahr 2011 aufgetaucht. Mehr als 300 Jahre nach seinem Tod. Der frühere Herrscher von Wilhelmsburg ist als Wiedergänger auf die Elbinsel zurückgekehrt. Jugendliche würden ihn wohl einen Zombie nennen.

Herzog Georg Wilhelm tut, als wenn nichts gewesen wäre, und benimmt sich in dem heutigen demokratisch-rechtsstaatlichen Hamburg zügellos wie ein adeliger Regent. Das ist die Ausgangssituation des Wilhelmsburg-Comics, mit dem Texter Hermann Kahle und Illustrator Bernd Stein gesellschaftliche Entwicklungen auf den Elbinseln seit viereinhalb Jahren humorvoll auf die Schippe nehmen.

Wilhelmsburg dürfte der einzige Stadtteil Hamburgs mit eigenem Comic sein. Bräuchten die Elbinseln einen Marketing-Botschafter, Hermann Kahle und Bernd Stein hätten ihn mit der Comicfigur längst erschaffen. Bisher ist der Herzog-Georg-Wilhelm-Comic in der kostenlosen Stadtteilzeitung „Wilhelmsburger Inselrundblick“ erschienen.

Weil ein Sponsor fehlt, der die 1000 Euro Produktionskosten im Jahr finanziert, liegt der Comic jetzt auf Eis. Seine Schöpfer haben den Herzog auf unbestimmte Zeit zu einem Wiedergängerkongress nach Schottland geschickt. Das passt zu dem echten Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, der als Landesherr galt, der am liebsten außer Landes war.

Das Verschwinden des kleinen Herzogs mit dem übergroßen Ego ist ein Verlust. Denn keiner hält den heutigen Entscheidern in den für Wilhelmsburg zuständigen Behörden und städtischen Unternehmen so eulenspiegelartig den Spiegel vor wie der parfümierte Schnösel mit der Feudalherrensicht. „Er ist ein weiser Narr“, charakterisiert ihn Zeichner Bernd Stein.

Als Elbinselbewohner gegen den geplanten Neubau der Wilhelmsburger Reichsstraße mit autobahnähnlichen Dimensionen protestierten, stoppte der Herzog kurzerhand den Verkehr auf der Bundesstraße, in dem er seine Pferdekutsche die Fahrbahn entlang fahren ließ. Weil es den Wilhelmsburgern bisher nicht gelang, die Hadag zu überzeugen, eine Fähre auch am Wochenende die Elbinsel ansteuern zu lassen, machte der Herzog in der venezianischen Gondel am Ernst-August-Anleger fest.

Der Wiedergänger-Adelige versteht die Welt von heute nicht. „Deshalb reagiert er unangemessen und wirkt unangepasst“, sagt Hermann Kahle. Und das ist lustig. Nicht immer sind die Episoden politisch. Nach einer Berufsberatung mit dem als vergnügungssüchtig bekannten Herrscher, haben die Jungen und Mädchen nur einen Berufswunsch: Herzog werden! Texter Hermann Kahle nimmt damit das Phänomen auf die Schippe, dass Jugendliche heute meinen, „Promi“ sei ein Beruf, den sie ergreifen könnten.

Mit seinem Plan für einen Schlossneubau kommt der Herzog nicht voran. Dabei würde die IBA GmbH den Prunkbau begrüßen, weil er den in Hamburg beliebten sozialen Mix realisieren würde: Oben wohnt der Herzog – und unten die Diener und Zofen!

Diese spitzfindigen Geschichten denkt sich Hermann Kahle aus. Der 69-Jährige lebt in Marmstorf und ist den Wilhelmsburgern als früherer Grundschullehrer an der heutigen Schule An der Burgweide bekannt. Er ist Herausgeber der ehrenamtlich produzierten Stadtteilzeitung „Wilhelmsburger Insel-Rundblick“.

Hermann Kahle entwickelt den Herzog-Comic zunächst mit einem Zeichenprogramm grob vor. Charakteristisch an den Bildergeschichten ist, dass der Herzog fast nie selbst spricht, sondern Bürger als Kommentatoren über ihn reden. Es sei für ihn einfacher so, erklärt der Texter.

Ursprünglich hat Hermann Kahle mit der Illustratorin Roswitha Stein zusammengearbeitet. Seit etwa einem Jahr zeichnet Bernd Stein den Wiedergänger-Herzog. Der 52-Jährige lebt im Wilhelmsburger Reiherstiegviertel und hat Medizin studiert. Wenn er nicht zeichnet, arbeitet er als Dozent für Krankheitslehre und Anatomie.

Als Illustrator hat sich Bernd Stein in Hamburg vor allem mit seinen Comics einen Namen gemacht, die das Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“ in den Jahren 1995 bis 2000 veröffentlicht hat. Er macht Kahles anonyme Strichfiguren menschlich. Seine Rolle in dem Schaffensprozess beschreibt Bernd Stein mit nur einem Wort: „Fleißarbeit“.

Eine Erklärung, wie der Herzog wieder auferstehen konnte, erhält der Leser übrigens nie. Auf die Frage, wie der Wiedergänger gekommen sei, antwortet ein Kommentator lediglich mit Kahles britisch-trockenem Humor: „Auf der Reichsstraße!“

Kontakt für Sponsoren: Telefon: 040/401 959 27 oder E-Mail an: briefkasten@inselrundblick.de