Harburg
Löten und löten Lassen

Einer der letzten seiner Zunft

Hans Schwingel in seiner Werkstatt

Hans Schwingel in seiner Werkstatt

Foto: Lars hansen / HA

Radio-und Fernsehtechniker Hans Schwingel hat seine Werkstatt im Phoenix-Viertel – und fährt noch zu seinen Kunden.

Harburg.  DAT-Rekorder waren in den 90er-Jahren mal ein hippes Status-Symbol für Hi-Fi-Freaks. Am breiten Markt haben sie sich allerdings nie durchgesetzt. Noch vor der Jahrtausendwende waren sie aus den Regalen verschwunden. Hans Schwingel hat einen vor sich stehen. Dass Gerät funktioniert nicht mehr, sonst wäre es nicht hier.

Hans Schwingel soll den DAT-Rekorder reparieren. „Solange es nicht der Tonkopf ist, kann eine Reparatur noch möglich sein“, sagt der Radio- und Fernsehmeister. „Die Tonköpfe bekommt man nicht nach und man kann sie nur eins zu eins ersetzen.“

Hans Schwingel ist einer der letzten kleinen Fernsehschrauber in Harburg – wenn nicht gar der letzte. In seiner kleinen Werkstatt im Phoenix-Viertel drängeln sich riesige Flachbildschirme mit kleinen MP3-Playern, dazwischen sind alte Tonbandgeräte und Radios zu finden.

Chaotisch sieht es trotzdem nicht aus – im Gegenteil: Alles hat seinen Platz; Werkzeuge, Materialien und Aufträge. Die Türglocke klingelt, ein Kunde kommt herein. Der Mann hatte selbstständig einen defekten Schalter aus einem Elektrogerät ausgebaut. Hans Schwingel hat ihn repariert, so gut es ging.

Der Schalter schaltet wieder, das gebrochene Gehäuse konnte er allerdings nicht flicken. Das geht erst, wenn der Schalter wieder eingebaut ist. Der Mann hört sich an, wie er das machen kann und fragt, was er schuldig ist. Meister Schwingel muss überlegen. Viel will er nicht nehmen, zu verschenken hat er aber auch nichts. Den kleinen Betrag zahlt der Kunde ohne Diskussion. „Reich wird man mit so einem Geschäft nicht“, sagt Schwingel. „Hätte ich Kinder, müsste ich längst etwas anderes machen.“

Seit 1982 ist Hans Schwingel selbstständig. Die Lehrzeit und den Wehrdienst mitgerechnet, kann er in diesem Jahr auf 50 Berufsjahre zurückblicken. 1965 hatte er seine Lehre bei der Firma Teege in Harburg begonnen. Das war zwei Jahre, bevor in Deutschland das Farbfernsehen eingeführt wurde.

Es gab noch viele Haushalte ganz ohne Fernsehgerät. Bei wichtigen Ereignissen drängten sich Menschen vor den Fernsehgeschäften und sahen Sendungen durch die Schaufensterscheiben. Fernsehtechniker zu sein bedeutete damals auch harte körperliche Arbeit: „Wir haben die Geräte damals ja selbst ausgeliefert, angeschlossen und die Sender eingestellt“, erinnert sich Schwingel.

„Zum Teil waren Fernseher und Plattenspieler in einem Möbelstück eingebaut und wir mussten diese Fernsehschränke die Treppenhäuser hochbugsieren. Dabei war ein Röhrenfernseher schon so schwer genug.“

Wenn es nicht durch die Treppenhäuser ging, musste Lehrling Schwingel oft auf die Dächer: Antennenbau gehörte damals zum Geschäft. Wer sich in den 60er Jahren erstmals einen Fernseher anschaffte, hatte damals noch nicht automatisch Empfang – vor allem im hügeligen Harburg nicht.

Über die Jahre wurden die Geräte immer leichter. Der Antennenwald hat sich gelichtet. Sender stellt Hans Schwingel seinen Kunden auf Wunsch allerdings immer noch ein. „Die große Vielfalt und das komplizierte Einstellen per Fernbedienung überfordern einige Menschen“, sagt er. „Wenn ich einen Fernseher ausliefere, biete ich diesen Service mit an.“

Das Telefon klingelt. Bei der Frau im Hörer tut es der Fernseher nicht mehr. Hans Schwingel lässt sich das Problem beschreiben und macht für den nächsten Tageinen Termin aus, an dem er sich das Gerät vor Ort ansehen wird. „Früher haben wir jeden Defekt an jedem Gerät repariert. Damals kostete ein Fernseher ja auch mehr, als ein Monatsgehalt“, sagt er. „Heute geht das oft nicht mehr, weil man keine Ersatzteile bekommt, sich ganze Module gar nicht mehr ersetzen lassen, oder weil ein neues Gerät günstiger wäre.“

Manche TV-Geräte von heute sind auch schlicht zu groß für Meister Schwingels Werkbank. „Ich habe den Eindruck, dass der Fernseher umso größer sein muss, je weniger Geld die Kunden haben. Und hier gibt es viele arme Leute“, sagt Schwingel. Von ganz billigen Geräten rät er ab: „Es gibt nicht nur Unterschiede in Qualität und Haltbarkeit, sondern auch im Bedienungskomfort.“

Um sich zu entspannen, fährt Hans Schwingel Rennrad – einst tatsächlich um Medaillen und Pokale, jetzt nur noch für sich, aber trotzdem regelmäßig. Außerdem verreist er gerne mit seiner Freundin. Das Fernweh hatte er schon immer. Als junger Mann kaufte er sich ab und zu Autos und fuhr damit durch die Sahara nach Afrika. Dort verkaufte er die Wagen und finanzierte so die Reise.

Hans Schwingel ist jetzt 67. Selbst Franz Müntefering würde ihm die Rente gönnen. Meister Schwingel denkt nicht dran. „Einige Jahre kann ich noch weitermachen“, sagt er. Dann steckt er die Nase wieder in den DAT-Rekorder.