Harburg
Fachkräftemangel

Das Handwerk braucht mehr junge Leute

Lehrlinge im Maurerhandwerk erhalten im zweiten Ausbildungsjahr schon mehr als 1000 Euro monatlich

Lehrlinge im Maurerhandwerk erhalten im zweiten Ausbildungsjahr schon mehr als 1000 Euro monatlich

Foto: Waltraud Grubitzsch / picture alliance / ZB

Ein Drittel der 359 Firmen in der Kreisstadt bildet 222 Lehrlinge aus. Die Kreishandwerkerschaft spricht sich für mehr Messen an Schulen aus.

Winsen. Das Handwerk im Kreis Harburg und in der Kreisstadt Winsen sucht dringend Fachpersonal sowie Lehrlinge. Das ist das Fazit einer Bilanz, die der langjährige Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Andreas Baier, vor dem Wirtschaftsausschuss der Stadt gezogen hat.

„Die 1500 bis 1600 Beschäftigten bei den 359 Handwerksfirmen in der Stadt reichen aus, um effizient zu arbeiten. Die Nachfrage ist aber stark. So hören wir immer wieder von Betrieben, dass sie weitere Aufträge übernehmen könnten“, sagte Baier am Dienstagabend in Winsen.

Solche Stimmen kommen vor allem aus dem Elektro- und Sanitärhandwerk sowie dem Karosserie- und Fahrzeugbau. Die Tendenz dürfte dabei für den gesamten Landkreis gelten.

Ein besonders Mangel an Fachkräften herrscht im Bau. Hintergrund dafür ist nicht allein der demografische Wandel. Denn „seit zehn bis 15 Jahren wurde in der Branche zu wenig ausgebildet. Jetzt fehlen die 35 bis 40-Jährigen, die in den Betrieben aufsteigen und Führungsaufgaben übernehmen können“, sagte Baier.

Im gesamten Landkreis gebe es derzeit nur sechs bis sieben Lehrlinge im Bau. Davon arbeitet einer bei einer Firma in der Kreisstadt. Zu wenig, obwohl ein Auszubildender im zweiten Lehrjahr mehr als 1000 Euro im Monat verdient.

Insgesamt bildet in Winsen ein Drittel der Betriebe aus. So lernten Ende April in der Stadt 222 junge Leute. An der Spitze stehen die Kfz-Mechatroniker mit 43 Auszubildenden, es folgen die Tischler mit 28, weil Jugendliche in einem Berufsfortbildungswerk gefördert werden.

Karosseriebauer bilden 23, Lackierer 18 und Friseure 13 Lehrlinge aus. Dabei gibt es in der Stadt 30 Frisier-Salons. „Die Betriebe werden immer kleiner. Für viele ist die Ausbildung aber ein Kostenfaktor, den sie bewältigen müssen“, so Baier.

Als weitere Ursachen für die Misere im Handwerk gelten aber auch die Konkurrenzangebote von Hamburger Firmen, die offensichtlich höhere Löhne zahlen sowie der Trend, immer länger zur Schule zu gehen.

Diese Kandidaten fallen für eine Lehre im Handwerk zunächst aus. Mit den zusätzlichen Schuljahren steigt überdies das Eintrittsalter der Auszubildenden. Baier: „Lag es vor einigen Jahren noch bei 14 bis 16, kommen heute Bewerber, die 18 bis 19 Jahre alt sind.“

Es sei aber nicht immer die richtige Entscheidung, sich für die Schule zu entscheiden. „Dachdecker- oder Maurer-Gesellen verdienen 18 bis 20 Euro in der Stunde. Das wird ein Bürokaufmann kaum erreichen.“

Im Dilemma stecke die Branche beim Thema Flüchtlinge. „Die Gesellschaft und die Kirchen drängen darauf, dass wir Praktika für Asylbewerber bereit stellen“, so der Geschäftsführer. Doch wenn von Anfang an eine Abschiebung drohe, lasse sich dies den Firmen nur schwer vermitteln.

Wichtig sei rasch das Potenzial der ausländischen Bewerber zu kennen. „Dann kann daraus ein Ausbildungsverhältnis werden.“ Voraussetzung ist auch im Handwerk, dass die Flüchtlinge die deutsche Sprache lernen.

Nach den Berechnungen der Kreishandwerkerschaft ergeben sich aus den 1500 bis 1600 Beschäftigten rund 1000 Vollzeitstellen in der Kreisstadt. Bei einem durchschnittlichen Lohn von 2300 Euro brutto im Monat ergibt sich eine Lohnsumme von knapp 28 Millionen Euro. Damit ist die Branche ein erhebliche Wirtschaftsfaktor für Winsen.

„Die Handwerker engagieren sich in Sportvereinen und der Feuerwehr“, so Baier. Auch deshalb gelte es die Branche zu fördern. Seine Bitte: Dies sollten auch alle allgemeinbildenden Schulen tun und mehr Messen organisieren, auf denen sich Firmen vorstellen können.