Harburg
Flüchtlinge erzählen

Heimat verloren – Auf der Suche nach dem neuen Leben

Anas Lala (r.), 27, Koch aus Damaskus, Syrien und Yaser Karmo, Immobilienmakler aus Alipo,  Syrien, leben jetzt im Landkreis Harburg

Anas Lala (r.), 27, Koch aus Damaskus, Syrien und Yaser Karmo, Immobilienmakler aus Alipo, Syrien, leben jetzt im Landkreis Harburg

Foto: Bianca Wilkens / HA

Sie suchen im Landkreis Harburg Zuflucht, um sich ihren Traum vom freien Leben zu erfüllen. Wie sehen die Menschen aus Syrien, Iran, Pakistan, Darfur und Liberia den Landkreis Harburg? Acht Flüchtlinge haben ihre ersten Eindrücke geschildert.

Mohamad Monawar, 30, Ökologie-Student aus Syrien

Mohamad Monawar, 30, Ökologie-Student aus Damaskus, Syrien, wohnt in der Flüchtlingsunterkunft an der Todtglüsinger Straße, Tostedt: „Zuerst war es etwas gespenstisch in Tostedt. Keine Kinder auf den Straßen, keiner zu sehen. Nach zwei, drei Tagen habe ich gemerkt, dass Tostedt ein sehr freundlicher Ort ist.

Mister Helmut (Helmut Winterstein, Sozialarbeiter von Human Care, d. Red) ist die erste Person, mit der ich hier in Tostedt in Kontakt gekommen bin. Ihn habe ich immer gefragt, wenn ich Hilfe brauchte, wenn ich zum Beispiel wissen wollte, wie ich zum Supermarkt komme. Er ist für mich immer noch der Erste, den ich frage, wenn ich etwas brauche.

Er ist so ein positiver Mensch. Das tut gut nach allem, was ich in Ungarn erlebt habe. Mein Cousin und ich wurden von der Polizei gejagt, wir haben versucht, in den Wald zu fliehen. Dabei habe ich mein Geld und mein Handy verloren. Fast einen Monat hat man uns ins Gefängnis gesperrt und zum Fingerabdruck gezwungen. Keiner mochte uns in Ungarn. Hier fühle ich mich zu Hause.

Weil ich vor ein paar Wochen die Nachricht bekommen habe, dass ich zurück nach Ungarn muss, habe ich mir Geld geliehen und einen Anwalt eingeschaltet. Ungarn ist ein schreckliches Land. Ich kann dahin nicht zurück. Seit kurzem heißt es ja, dass die Dublin-Regel für Syrer aufgehoben wurde und wir bleiben dürfen. Das ist jetzt meine einzige Hoffnung.“

Elshazali Abdallah Osman Abdelrahman, Biologe aus Südsudan

Elshazali Abdallah Osman Abdelrahman, 40, Biologe, aus Darfur, Südsudan, seit November 2014 in Neu Wulmstorf: „Als ich nach Neu Wulmstorf kam, war es schon spät. Überall war Licht. Mein erster Eindruck von Neu Wulmstorf war: Oh, was für eine große Stadt. Dann am nächsten Morgen habe ich gemerkt, wie klein der Ort ist.

Deutschland und meine Heimat, der Südsudan, sind sehr unterschiedlich, zum Beispiel ist das Wetter sehr anders. In meinem Land verlieren wir sehr viel Zeit. Wenn wir uns verabreden, kommt es vor, dass man zwei Stunden auf den anderen wartet. Es gibt eine ungeschriebene Regel. Wenn der andere nach zwei Stunden nicht aufkreuzt, kann man gehen. Hier in Deutschland gibt es das nicht. Das ist eine gute Erfahrung für mich. Das Land hat ein sehr transparentes System, das gefällt mir.

Die Menschen hier sind fantastisch, alle sind sehr hilfsbereit. Sie tun ihr Bestes. Sogar Fröschen hilft man über die Straße. Das finde ich seltsam. Zu Hause in meiner Heimat, kann man einen Frosch töten und nichts passiert. Was mich aber frustriert, ist, dass ich schon mehr als ein halbes Jahr in Neu Wulmstorf lebe und auf eine Nachricht warte, ob ich hier bleiben darf oder nicht.

So lange im Ungewissen zu sein, bereitet mir Kopfschmerzen. Auch meine Frau und meine vier Kinder, die noch in Khartoum leben und von mir abhängig sind, sind völlig verunsichert.“

Majd Shuqer, Student aus Damaskus, Syrien

Majd Shuqer, 20, aus Syrien, studierte Arabisch und Journalistik in Damaskus, wohnt im Flüchtlingsheim Neu Wulmstorf: „Es ist ein kleiner Ort, aber mit großem Fortschritt. Ich war überrascht von der Güte der Bewohner von Neu Wulmstorf. Die Menschen im Mehrgenerationenhaus Courage in Neu Wulmstorf helfen uns Flüchtlingen und tun ihr Bestes, dass wir uns wohl fühlen und dass wir mit den Einwohnern Kontakt aufnehmen.

Dadurch können wir die Mauer der Isolierung durchbrechen. Ich werde nie vergessen, was Neu Wulmstorf für uns getan hat. Mein Bruder, mein Onkel und ich haben jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen und suchen nun eine Wohnung. Es gibt zwar Häuser für Familien, nicht aber nur für drei Personen.

Das Heim ist aber nicht gut für mich. Ich kann da nicht gut lernen. Ich brauche ein Zimmer für mich. Denn ich möchte mein Studium hier weiterverfolgen. Ich habe viele Ideen, von denen ich glaube, dass Deutschland davon profitieren kann.“

Anas Lala und Yaser Karmo, beide aus Syrien

Anas Lala, 27, Koch, aus Damaskus, Syrien, hat kürzlich mit seiner Familie eine Wohnung in Neu Wulmstorf bezogen. Zuvor lebte er viele Monate mit Yaser Karmo, 31, Immobilienmakler, aus Alipo, Syrien, in der Flüchtlingsunterkunft in Neu Wulmstorf. Karmo wohnt immer noch dort. Anas Lala: „Zuerst waren wir nur im Wohnheim in Neu Wulmstorf, ohne mit jemandem zu sprechen, ohne Unterricht, ohne die Sprache lernen zu können, und haben gewartet, dass die Ausländerbehörde Ja oder Nein sagt. Seit mehr als einem halben Jahr besuchen wir jetzt die Volkshochschule in Harburg und lernen da Deutsch.

Die Menschen hier im Landkreis Harburg sind sehr freundlich und lustig. Wir haben viele deutsche Freunde, die ich immer anrufen kann, wenn ich Hilfe brauche. Yaser und ich haben uns vorher nicht gekannt, haben aber in den ersten sieben Monaten alles zusammen gemacht. Noch heute arbeiten wir zusammen in einer Essensausgabe und gehen gemeinsam zum Unterricht.

Als Kind habe ich immer davon geträumt, in zwei Länder zu gehen: nach Deutschland und Frankreich. Jetzt bin ich hier in Deutschland. Cornelia Meyer (ehrenamtliche Koordinatorin des Flüchtlingsnetzwerks Neu Wulmstorf, d. Red.) hat mir geholfen, die Wohnung zu finden. Die Vermieter sind sehr freundlich. Dass in unserem Land Krieg herrscht, macht uns traurig. Ich habe zwei Cousinen verloren. Syrien ist so ein schönes Land. Wir haben alles dort. Wir haben da auch nicht rumgesessen, sondern haben gelernt und gearbeitet. Auch hier in Deutschland wollen wir lernen und arbeiten und mit den Deutschen in Kontakt kommen.“

Yaser Karmo: „Uns gefällt an Neu Wulmstorf, dass Gesetze alles regeln. In Syrien muss man, wenn man einen Führerschein haben möchte, Bestechungsgeld zahlen. Hier bezahlt man nicht unter dem Tisch. Ich habe zwar schon länger eine Aufenthaltsgenehmigung, könnte also die Flüchtlingsunterkunft verlassen, habe aber große Probleme, eine Wohnung zu finden. Aber wenn ich dem Vermieter sage, dass ich einen Mini-Job habe, bekomme ich keine Wohnung.“

Amjad Ali Asad, Heilpraktiker aus Pakistan

Amjad Ali Asad, 40, Heilpraktiker, aus Pakistan, lebt seit fast einem Jahr im Neu Wulmstorfer Flüchtlingsheim: „Ich habe längere Zeit in der Küche im Mehrgenerationenhaus Courage gearbeitet, zum Beispiel bei der Essenszubereitung und beim Abwasch geholfen. Die Menschen hier sind sehr freundlich und kooperativ. Ich bin sehr glücklich hier und dankbar für die Unterstützung meiner Courage-Familie, vermisse aber meine Familie in Pakistan.

Jeden Tag schaue ich mir die Fotos an. Mein Mobiltelefon ist das einzige, was ich aus Pakistan auf der Flucht mitgenommen habe. Als ich hierher kam, war mein kleiner Sohn erst 23 Tage alt und sein Bruder ist erst zwei Jahre alt, die Schwestern sieben und vier Jahre. Ich möchte mein neues Leben gemeinsam mit meiner Familie in Deutschland beginnen und hier arbeiten. Meine Frau ist Krankenschwester. Vielleicht kann sie in der Nähe von Neu Wulmstorf im Krankenhaus tätig werden. Ich werde mein Leben lang alles dafür tun, damit meine Kinder in Deutschland eine Zukunft haben. Es ist schwierig, die deutsche Sprache zu lernen. Aber alles ist möglich.

Man muss sich bemühen, dann hat man auch Erfolg. Wenn ich mich hier nach dem Weg erkundige, bekomme ich alles ganz langsam und deutlich erklärt und verstehe es komplett. Ich bin der deutschen Regierung sehr dankbar für den Schutz, den man mir hier bietet.

In Pakistan habe ich als Heilpraktiker eine Praxis geführt. Dann wurde ich verfolgt. Dort bringt jeder jeden um. Die Mullahs wollten mich im Namen des Djihad töten. Sie zwangen mich, meine Praxis zu schließen. Sie drohten damit, sie abzufackeln. Ich floh mit meiner Frau und meinen vier Kindern und wechselte öfter den Beruf, verkaufte zum Beispiel Autos und auch Medizin.“

Mohammed Barry aus Liberia lebt seit 13 Jahren im Kreis

Mohammed Barry, 35, aus Liberia, lebt im Flüchtlingsheim in Neu Wulmstorf: „Wenn mich Leute fragen, seit wann ich in Deutschland bin, sage ich, seit sieben Jahren, weil ich mich schäme. Dabei wohne ich schon seit 13 Jahren in Deutschland, davon seit neun Jahren in Neu Wulmstorf, vorher war ich in Winsen-Tespe. Was sollen die Menschen denken, wenn ich ihnen die Wahrheit sage? Seit 13 Jahren darf ich hier nichts tun, darf nicht arbeiten. Meine Duldung wird immer nur um ein paar Monate verlängert.

Ich frage mich selber, warum man mich hier so lange im Ungewissen sitzen lässt. Ich spreche gut Deutsch. Meine Freundin hat mir die Sprache beigebracht. Trotzdem darf ich nicht arbeiten. Man sagte mir, dass ich meinen Pass vorzeigen solle. Aber ich habe meinen Pass nicht. Seit Jahren tobt der Bürgerkrieg in meinem Heimatland. Meinen Papa und meinen Bruder habe ich schon im Krieg verloren. Es ist schön, dass ich hier nicht in Angst leben muss. Aber ich möchte so gerne mehr Kontakt zu den Neu Wulmstorfern haben.

Manchmal fahre ich mit dem Fahrrad herum, zum Beispiel in den Park, um ein bisschen Zeit totzuschlagen. Manchmal schlafe ich auch bis ein Uhr. Abends schaue ich fern. Mit Bus und Bahn fahre ich selten. Die Fahrkarte ist zu teuer. Meine Sorge ist, wie ich hier endlich ein richtiges Leben anfangen kann.“

Motaz Altahhan und Ahmad Ayoub, beide aus Syrien

Motaz Altahhan, 27, Buchhalter, Damaskus, Syrien, und Ahmad Ayoub, 28, Koch aus Syrien, leben in der Flüchtlingsunterkunft in Neu Wulmstorf: „Die Lebensweise hier ähnelt der in Syrien. Aber komisch finde ich, dass man abends kaum Menschen in Neu Wulmstorf antrifft. Die Straßen sind total leer. Die Menschen hier im Courage sind freundlich. Aber wenn man in Neu Wulmstorf unterwegs ist, fühlt man sich als Ausländer. Deshalb bleiben mein Freund und ich lieber in der Flüchtlingsunterkunft. Insgesamt sind wir zu dritt in einem Zimmer.

Ich vermisse meine Arbeit. Ich möchte hier so gerne Deutsch lernen und arbeiten, Erfahrungen machen, wusste aber lange nicht, ob ich hier bleiben kann. Bevor ich nach Deutschland kam, war ich in Ungarn. Dort zwang mich die Polizei, meinen Fingerabdruck zu hinterlassen. Zunächst hieß es daher, dass ich nach dem Dublin-Prozedere wieder nach Ungarn abgeschoben werden soll. Darüber war ich sehr bestürzt. Ich fühlte mich, als wäre ich in einem Gefängnis, in dem ich auf die Entscheidung warte: Werden sie mir meine Freiheit geben oder nicht?

Aber jetzt schöpfe ich wieder Hoffnung. Nach den neuen Regelungen kann ich wohl doch hier Asyl beantragen. Gleiches gilt auch für meinen Freund Ahmad Ayoub. Ihn hat man in Italien verprügelt. In Syrien musste er seine Frau und seine Kinder verlassen und sorgt sich sehr um sie.“

Mohammad Jaffari aus Teheran, Iran

Mohammad Jaffari, 23, aus Teheran, Iran, wohnt im ehemaligen Appartementhaus Rosengarten, in der Flüchtlingsunterkunft in Tötensen: „Mein erster Kontakt zu den Deutschen war zu dem Hausmeister in der Flüchtlingsunterkunft in Tötensen. Er ist ein guter Mann und hat mir geholfen, Deutsch zu lernen.

Ich denke, die Menschen mögen uns hier. Sie helfen uns jeden Tag. Wir treiben hier Sport zusammen. Ich gehe öfter in der Woche auf den Fußballplatz und bolze da mit den deutschen Nachbarn und anderen Flüchtlingen. ZuHause habe ich fast alle Sportarten gemacht: Breakdance, Parcours, Fitness, Boxen, Fußball. Aber ich bin Christ und in meinem Land werden Christen getötet. Ich kann im Iran nicht arbeiten, nicht studieren. Es ist wie bei der Mafia. Deshalb bin ich geflohen.“