Harburg
Schefflerheim

Wilhelmsburg: Ombudsleute helfen Menschen ohne Lobby

Sie sorgen gemeinsam dafür, dass die Wünsche der Bewohner des Wilhelmsburger Schefflerheims Gehör finden: Peter Michelmann (Heimbeirat, von links), Detlef Semyras und Tanja Scheffler

Sie sorgen gemeinsam dafür, dass die Wünsche der Bewohner des Wilhelmsburger Schefflerheims Gehör finden: Peter Michelmann (Heimbeirat, von links), Detlef Semyras und Tanja Scheffler

Foto: Martina Berliner / HA

In Hamburg werden Ombudsleute für Menschen mit Behinderung oder Demenz gesucht. Es geht um mehr als nur Betreuung. Beispiel Detlef Semyras: Er engagiert sich im Schefflerheim.

Wilhelmsburg.  Über das eigene Leben zu bestimmen, ist das Bedürfnis eines jeden Menschen. Auch im Alter, mit beginnender Demenz oder Behinderung hängen Lebensqualität, Glück und Freude wesentlich von persönlicher Teilhabe an der Gemeinschaft, Gestaltungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten ab.

Die neue Hamburger Fachstelle für Bürgerschaftliches Engagement in Wohn- und Versorgungsformen sucht Männer und Frauen, die die Interessen von Menschen mit Pflege- und Assistenzbedarf vertreten und unterstützen möchten. Die Freiwilligen werden zu ehrenamtlichen Wohngemeinschafts-Begleitern, Wohn-Paten oder Ombudspersonen ausgebildet und in der Praxis begleitet.

„Senioren haben keine Lobby. Es geht darum, Alten und Kranken ein Gesicht und eine Stimme zu geben“, sagt Detlef Semyras. Der 64-Jährige macht sich schon seit langem für Schwache stark. Er ist einer von aktuell drei Ombudsmännern und etwa einem Dutzend Heimfürsprechern Hamburgs. Eigentlich brauche jedes Pflegeheim und alle Einrichtungen der Behindertenhilfe wie die ambulanten Wohngemeinschaften die Unterstützung eines Außenstehenden, sagt Semyras.

Berufliche Vorkenntnisse seien dazu nicht nötig, sagt der erfahrene Helfer. Alles Wichtige aus dem sozialen und rechtlichen Bereich vermittle die Schulung. Mitbringen müsse man nur ein großes Herz für Pflege- und Hilfsbedürftige und das Anliegen, dazu beizutragen, dass deren Wünsche Gehör finden. „Es brauche die Gabe, anderen gut zuzuhören. Und die Fähigkeit, mit unterschiedlichsten Menschen zu kommunizieren.“

Der Wilhelmsburger selbst engagiert sich zurzeit in „seinem“ Stadtteil im Malteserstift und im Schefflerheim. Ein Ombudsmann ist nötig, wenn es zwar einen gewählten Beirat gibt, dieses Gremium aber allein nicht in der Lage ist, die Interessen der Bewohner zu vertreten. Im Schefflerheim ist das der Fall, weil hier vor allem psychisch erkrankte Menschen betreut werden. Viele der 21 Männer und Frauen haben zuvor auf der Straße gelebt, etliche sind drogensüchtig.

Detlef Semyras schafft es trotzdem, einen guten Draht herzustellen. Ein bis zweimal wöchentlich kommt er in die Einrichtung neben der Emmauskirche, meistens zur Mittagszeit. „Bei Tisch sind die Menschen gesprächiger als in ihren Zimmern.

Und die Qualität des Essens ist ja ein zentraler Punkt. So wie die Pflege. Oder die Hygiene.“ Er ermuntert dazu, Probleme anzusprechen und gibt weiter, was er gehört hat. „Möglichst direkt und auf kurzem Dienstweg.“

Mit Tanja Scheffler, die das Heim einst gemeinsam mit ihrer Mutter in den Räumen der ehemaligen Wilhelmsburger Geburtsklinik aufgebaut hat und es jetzt mit einer ihrer Töchter leitet, liegt er auf einer Wellenlänge. „Um eine menschenwürdige Pflege zu erreichen,l müssen wir die Menschen fragen, was für sie wichtig ist. Ganz gleich, ob es für uns selbst Bedeutung hat – für die befragten Bewohner hat es eine“, sagt sie.

Detlef Semyras Aufgabe beschränkt sich nicht auf die Vermittlung zwischen Heimbewohnern und allen, die zur Einrichtung gehören: Pflege- und Reinigungspersonal sowie Leitung. Auch die Kommunikation mit Angehörigen gehört dazu. Aber die findet im Schefflerheim eher selten statt. Denn die Bewohner dort haben oft niemanden, der sich um sie sorgt.

Wohngemeinschafts-Begleiter dagegen pflegen in der Regel intensiven Kontakt zu Angehörigen von behinderten oder pflegebedürftigen Menschen. Schließlich unterstützten sie sie beim Aufbau einer Wohn-Pflege-Gemeinschaft. Etwa, indem sie die Moderation von Treffen übernehmen und die Selbstorganisation der Gruppe stärken.

Zu Detlef Semyras‘ Aufgaben als Ombudsmann gehört auch die Kommunikation mit den zuständigen Behördenvertretern. Dass er sich lange Zeit als Lokalpolitiker engagiert hat, sei dafür hilfreich, sagt der Sozialdemokrat. Gerade politisch interessierte Menschen sollten sich seiner Meinung nach für Alte und Kranke einsetzen. Aber auch, wer auf diesem Gebiet noch keine Erfahrung habe, könne die Herausforderung bewältigen.

Ob Ombudsperson oder Wohngemeinschaftsbegleiter – diese Ehrenämter erfordern gemeinsames Analysieren von Problemen und Finden von Lösungen. Darin liegt naturgemäß Konfliktpotenzial. „Man muss einfühlsam sein und allen Beteiligten gegenüber den richtigen Ton wählen“, sagt Detlef Semyras.

Letzteres gilt auch für sogenannte Wohnpaten, deren Aufgabe die Befriedigung zwischenmenschlicher Bedürfnisse Alter oder Behinderter ist. Sie besuchen Heime oder Wohngemeinschaften, lesen den Bewohnern vor, begleiten sie zu Veranstaltungen, spielen mit ihnen oder unternehmen gemeinsame Spaziergänge. Und bringen auf diese Weise Farbe in deren oft einsamen Alltag.

Detlef Semyras beschränkt seine Besuche im Schefflerheim auf jeweils zwei bis maximal drei Stunden, obwohl er dort weitaus mehr Zeit verbringen könnte, ginge es nach den Wünschen seiner Schützlinge.

Manche Anliegen erledigt er vom Schreibtisch aus. Insgesamt investiere er für das Ehrenamt des Ombudsmanns 15 bis 20 Stunden pro Woche, schätzt er. Die Mühe zahle sich aus, obwohl er lediglich eine Aufwandsentschädigung erhält. Detlef Semyras fühlt sich dennoch belohnt.

Interessierte sind zu einer Infoveranstaltung eingeladen. Sie findet am Dienstag, 6. Oktober, um 18 Uhr im Saal des „Haus der Kirche“ in Harburg statt, Eingang Harburger Ring 20. Anmeldung und weitere Infos bei Martina Kuhn, Hamburger Fachstelle Bürgerschaftliches Engagement in Wohn- und Versorgungsformen Tel: 040 43 29 42 36, m.kuhn@stattbau-hamburg.de