Harburg
Tourismus-Test

Und das Highlight in Harburg ist – Tretboot fahren

Abendblatt-Tourist Martin Wittler im Tretboot auf der Außenmühle

Abendblatt-Tourist Martin Wittler im Tretboot auf der Außenmühle

Foto: Martin Wittler / HA

Abendblatt-Reporter Martin Wittler ist unser Test-Touri und nimmt sich jeweils drei Stunden Zeit. Heute: Was ihm in Harburg empfohlen wurde.

Harburg. Ich bin geborener Harburger, kenne mich deshalb eigentlich bestens in meiner Stadt aus, aber für einen Tag tue ich so, als wäre ich auf Durchreise und versetze mich in die Lage eines Touristen, der sich in Harburg überhaupt nicht auskennt. Der Clou: In nur drei Stunden fährt mein Anschlusszug, aber ich möchte in der Zwischenzeit so viel wie möglich erleben und nach Möglichkeit auch noch etwas essen gehen. Wohin wird der mir empfohlene Weg mich letztlich führen?

Angekommen mit einem Zug am Harburger Fernbahnhof begebe ich mich ins dichte Gewusel an den Gleisen. Ich folge den Schildern, die mich zum Reisezentrum in der kleinen Bahnhofshalle führen und gelange schließlich an einen Infoschalter der Deutschen Bahn. „Was hat Harburg mir zu bieten, wenn ich drei Stunden Zeit habe“, frage ich. Die Dame am Info-Schalter ist nett und hat einen naheliegenden Tipp für mich. „Direkt auf der anderen Straßenseite ist das Phoenix-Center. Dort können Sie ein paar Stunden bummeln und auch etwas essen“, lautet ihre Empfehlung. Shopping wäre zwar eigentlich mehr etwas für Frauen, aber bei mehr als 110 Geschäften gäbe es da durchaus auch etwas für Männer zu entdecken. Shoppen also – na, ja.

Aber ich folge dem Rat und begebe mich ins Phoenix-Center. Die Buchstaben des Einkaufspalasts leuchten mir bereits entgegen, als ich aus dem Foyer des Harburger Bahnhofs trete. Zu übersehen ist das Phoenix-Center also sicher nicht. Dort reihen sich Klamotten-, Lebensmittel-, Kosmetik-, und Elektronikmärkte aneinander. Locker eingestreut sind Imbissläden und kleine Cafés. Hier soll ich also auf Empfehlung essen gehen? Nun gut – ein Snack für den Weg findet sich hier natürlich. Doch „nett essen gehen“ stelle ich mir dann doch anders vor.

Wegweiser zu Sehenswürdigkeiten sind in Harburg nicht zu finden, zumindest sind sie nicht sonderlich offensichtlich. Oder sollte es gar keine Attraktionen geben? Deswegen frage ich einfach mal bei der Information des Phoenix-Centers nach, was in Harburg denn sehenswert ist. Mir wird ein Besuch des Harburger Rathauses nahegelegt. Das kommt doch einem Tipp für Touristen schon recht nahe.

Aber jetzt wird es schwieriger, denn ich muss mich nach dem exakten Weg erkundigen. Die Frau an der Information ist freundlich und gibt ihr Bestes, um mir zu helfen. Doch schon die Frage nach dem Center-Ausgang, der mich Richtung Rathaus leitet, führt an Grenzen. Denn Beschreibungen wie „nutzen sie den Ausgang Moorstraße“ nützen mir nichts. Per Handzeichen gelingt es der Frau schließlich, mich auf den richtigen Weg zu bringen.

Am Rathaus angekommen, sticht natürlich der sprudelnde Brunnen ins Auge. Die vielen Menschen, die sich gerade in der Mittagssonne entspannen, gucken allerdings etwas irritiert drein, als ich wie wild Fotos mit meiner Kamera schieße. Während ich anschließend Bilder vom Harburger Rathaus mache, rennt mir eine junge Frau sogar hinterher: „Haben Sie da gerade Fotos von mir gemacht?“, fragt sie mich eindringlich.

Ein Tourist, der Bilder von Sehenswürdigkeiten macht, scheint in Harburg also weniger ins Weltbild zu passen, als jemand, der willkürlich Bilder von Passanten schießt. Interessant. Noch interessanter wird es aber, als ich mich durch die Drehtür ins Rathaus begebe. Hier stehen ein paar Flyer in Regalen. Ich klopfe an einer Tür mit der Aufschrift Auskunft an. Drinnen sitzt eine Frau in einem mit Kisten vollgestellten Raum und schaut zwischen ein paar Postkästen auf, als ich eintrete. Ich frage nach einer Touristeninformation . Ihr ist nicht bekannt, wo ich die in Harburg finden könnte.

Auf meine weitere Frage, was ich mir in Harburg denn in den verbleibenden zwei Stunden noch ansehen könnte, ernte ich im Rathaus zunächst Ratlosigkeit: „Ich komme nicht von hier.“ Ich schon, denke ich mir und muss mir kurz ein Lachen verkneifen. Dann empfiehlt sie mir einen Spaziergang um die Außenmühle. Das sei „ein netter See“. Und wie komme ich da hin? Jetzt wird es richtig spannend. Ich soll Richtung Marktkauf gehen, an der Deutschen Bank vorbei und dann den Krummholzberg entlang. Oder doch die Maretstraße? Ja, die Maretstraße war gemeint. Dann liefe man direkt auf das Restaurant „Leuchtturm“ zu. „Aber da würde ich nichts essen. Viel zu teuer.“ An der Außenmühle könne man auch Tretboot fahren. Dann kramt sie zwischen mehreren Kästen einen Flyer hervor, drückt ihn mir in die Hand, zeigt mir noch mal die grobe Richtung und verabschiedet sich.

Der Flyer zeigt ganz Hamburg, Harburg ist darauf nur klein in der Ecke zu erkennen. Ich mache mich also auf Richtung Außenmühle. Ortsunkundig, mit einer Wegbeschreibung, die Gebäude und Straßennamen als Orientierungspunkte hat, die ich auch nicht kenne. Mit einem Stadtplan in der Hand, auf dem nichts erkennen ist. Auf Touristen scheint Harburg nicht wirklich eingestellt zu sein.

Der geschilderte Weg, vorbei an etwas heruntergekommenen Hinterhöfen und Baustellen, würde manchen Touristen möglicherweise abschrecken. Ich halte durch und lande tatsächlich an der Außenmühle und beim Tretbootverleih. Sechs Euro kostet mich die halbstündige Fahrt auf einem etwas unhandlichen Tretboot in Schwanenform. Doch es gibt auch andere. Ein etwas unmotivierter Mitarbeiter hilft mir auf das Boot und ich fahre los. Alleine auf einem Schwan auf der Außenmühle hoffe ich, dass mich jetzt möglichst niemand erkennt.

Das Tretboot quietscht zwar, aber eigentlich ist es doch ganz schön. Und so geht die Fahrt zum versöhnlichen Ende schneller vorbei als gedacht. Genau wie das dreistündige Zeitfenster sich nun dem Ende zuneigt und ich vom Touristen wieder zum Harburger werde. Harburg bleibt für mich ein wunderschöner Stadtteil, doch ob ein Tourist, der sich auf meiner Tour befunden hätte, zum gleichen Fazit gekommen wäre, ist eine andere Frage.