Harburg
Projekt der Bücherhalle

Die Hauptsache ist: Reden!

Ahmad aus Syrien, Vytas aus Litauen, Wang Wei aus China, Gruppenleiter Volker Dierssen, Tatjana aus Russland, Gruppenleiterin Mariana Munk (v.l.)

Ahmad aus Syrien, Vytas aus Litauen, Wang Wei aus China, Gruppenleiter Volker Dierssen, Tatjana aus Russland, Gruppenleiterin Mariana Munk (v.l.)

Foto: Christine Weiser / HA

Bei der Gesprächsrunde Dialog in Deutsch treffen sich Harburger und Zuwanderer jede Woche in der Bücherhalle

Harburg.  Der Tag, als Deutschland in Rio de Janeiro Fußballweltmeister wurde, wird Millionen Fans hierzulande für immer im Gedächtnis bleiben. Auch für Wei hat der 13. Juli 2014 eine besondere Bedeutung. An diesem Tag kam die Chinesin in Deutschland an.

Jetzt sitzt Wei mit Vytas aus Litauen, Tatjana aus Russland und Ahmad aus Syrien in einem kleinen Raum in der Bücherhalle Harburg, schreibt ihren Namen auf eine Karteikarte und holt sich einen Tee. „Bitte bedient euch“, sagt Volker Dierssen, der gemeinsam mit Mariana Munk die Gesprächsrunde Dialog in Deutsch leitet. Der Name ist Programm, darüber hinaus ist das Angebot niedrigschwellig, die Atmosphäre locker. Niemand muss seine Identität preisgeben, Vornamen reichen aus, man duzt sich. Es gibt keine Hausaufgaben und keine Tests. Besprochen wird, was die Teilnehmer interessiert. „Tricks, wie wir ein Gespräch anstoßen können, haben wir schon“, sagt Mariana Munk und lächelt. Sie zieht Fotos aus einer Mappe, und bittet Tatjana, Wei, Ahmad und Vytus ein Bild auszusuchen.

75 Bücherhallen in der Hansestadt bieten wöchentlich Treffen an

Tatjana, die seit 2011 in Deutschland lebt, hebt ein Foto hoch, auf dem ein unordentlicher, mit Papieren übersäeter Schreibtisch zu sehen ist. Sie beschreibt die großen Stapel Zeitschriften, ein angebissenes Brötchen, vollgestopfte Regale und mutmaßt, es müsse sich um den Arbeitsplatz eines Wissenschaftler handeln. Ihr ist anzumerken, dass sie Unordnung gar nicht mag. „Das ist kein normales Zimmer“, sagt die Russin, die aus der Nähe von Moskau stammt, und wird beinahe philosophisch: „Aber das ist das Leben und das sieht nun mal nicht aus wie eine Ansichtskarte.“ Seit 2009 können Menschen wie Tatjana, Vytas, Wei und Ahmad die Gesprächsrunde Dialog in Deutsch besuchen. In jeder der 75 Büchereien der Hansestadt finden die Treffen, die von Ehrenamtlichen geleitet werden, wöchentlich statt. „Die Veranstaltung richtet sich an Zuwanderer, die ihre Deutschkenntnisse verbessern wollen“, sagt Sarah Politt, die das Projekt seit April koordiniert. Seitdem die Zahl derjenigen steigt, die, um Krieg und Elend zu entgehen, in Hamburg Zuflucht finden, erhalten auch Projekte, die Zuwanderern und Asylsuchenden Hilfe anbieten, mehr Aufmerksamkeit. „Die Hilfsbereitschaft ist sehr groß. Momentan haben wir einen Riesenzulauf von Menschen, die sich engagieren wollen“, sagt Sarah Politt. Die Hamburgerin hat einen verstärkten Zulauf zu den Terminen festgestellt. „Es gibt Gruppen, die platzen aus allen Nähten. Außerdem waren wir mit dem Angebot zuletzt viel unterwegs in den Einrichtungen“, sagt Sarah Politt.

In der Harburger Bücherhalle ist Dialog in Deutsch fest etabliert. „Es kommt immer jemand. Manchmal nur zwei, drei, aber oft auch neun oder zehn Teilnehmer“, sagt Mariana Munk. Vytas kommt regelmäßig. Er hat sich ein Foto von einem Felsen ausgesucht. „Ich stamme aus Vilnius, dort ist es flach. Seit meiner Kindheit träume ich daher von hohen Bergen, den Alpen zum Beispiel“, sagt Vytas. Der Litauer ist vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen und hofft, bald Arbeit als Bauzeichner zu finden.

Spätestens nach Vytas’ Plädoyer für die Schönheit von Gebirgen nimmt die Gesprächsrunde von ganz allein Fahrt auf. Volker Dierssen und Mariana Munk schauen zu, wie Tatjana von einer Wanderung in den südrussischen Bergen erzählt und Wei sagt, sie ziehe Wasser den Bergen vor.

In den Gesprächen lernen Teilnehmer und Gruppenleiter Neues

Mitunter verwandelt sich die Gesprächsrunde in eine Lehrstunde in Weltwissen für alle. Zum Beispiel, als Vytas wissen möchte, ob Wei alle chinesischen Dialekte versteht. Die 36-Jährige, die aus dem Nordwesten des Landes stammt, schüttelt den Kopf. „Nein, Menschen aus Peking verstehe ich nicht. Aber die Schriftzeichen sind im ganzen Land gleich. Ausnahmen gibt es in Taiwan und Hongkong. Dort werden komplizierte Zeichen verwendet.“ Tatjana staunt. Auch Volker Dierssen und Mariana Munk lernen oft etwas dazu. Für die beiden Harburger ist ehrenamtliches Engagement ganz normal. Mariana Munk, die in den 70er-Jahren aus Uruquay nach Hamburg kam und die Elternschule in Harburg geleitet hat, engagiert sich wie Volker Dierssen seit vier Jahren in dem Projekt. Der Beamte, der in Winsen in der Einbürgerungsbehörde arbeitet, wollte nach dem Umzug „unter Leute kommen“.

Aber auch Wei und den anderen bringt die Gesprächsrunde mehr als Sprachpraxis. Als Wei von einem Spaziergang auf den Energieberg berichtet, erzählt Mariana Munk, wie der Berg zu seinem Namen kam. „Energieberg klingt toll, aber vor vielen Jahren war das eine Mülldeponie. Als herauskam, dass Gift ins Grundwasser läuft, wurde der Hügel abgedeckt. Und heute wird dort mit Windrädern Strom erzeugt.“

Wei, die ab Oktober Soziologie in Würzburg studiert, findet die Deutschen vorbildlich, wenn es um Umweltschutz geht. Aufmerksam hören Tatjana und Vytas zu. Nur Ahmad schweigt. Er ist seit zehn Monaten in Deutschland und spricht nur wenige Sätze Deutsch. Als es um Sport geht, leuchten seine Augen. Schwimmen mag er. Für Fußball fehlen ihm Freunde. Aber die will er finden und wiederkommen zum Dialog in Deutsch.