Harburg
Trotz Insolvenz

Bäckerei Willert will den Neuanfang

Geschäftsführer Sören Willert

Geschäftsführer Sören Willert

Foto: Christiane Tauer / HA

Obwohl das Familienunternehmen aus Pattensen im Mai Insolvenz angemeldet hat, blicken die Chefs optimistisch in die Zukunft. Der Betrieb läuft weiter.

Pattensen. Die Damen im Verkaufsraum reichen ein Brot nach dem anderen über den Tresen, während weiter hinten, in der Produktion, die Öfen und Bleche so wie immer bereitstehen, um am nächsten Morgen wieder den Teig fertig zu backen.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Bäckerei Willert aus dem Winsener Ortsteil Pattensen am 5. Mai dieses Jahres Insolvenz angemeldet. „Es war ein schwerer Gang, aber ich wusste, dass wir Liquiditätsprobleme bekommen werden und habe deshalb gehandelt“, erklärt Sören Willert.

Der 27-Jährige ist gemeinsam mit seinem Cousin Tobias Willert, 32, Geschäftsführer des Familienunternehmens und betont, dass der Betrieb an allen 13 Standorten wie gewohnt weiter läuft und keiner der 115 Mitarbeiter entlassen werden musste. Ganz im Gegenteil: „Wir suchen nach wie vor händeringend Fachkräfte.“

Der einzige Unterschied ist, dass derzeit nicht die beiden Cousins Herren im eigenen Haus sind, sondern Insolvenzverwalter Tjark Thies aus Hamburg die Richtung vorgibt. Der promovierte Rechtsanwalt ist Fachanwalt für Insolvenzrecht und vom zuständigen Amtsgericht Lüneburg als Verwalter eingesetzt worden. Er arbeitet nun gemeinsam mit den Willerts daran, den Betrieb, der einen Jahresumsatz von 3,8 Millionen Euro erreicht, zukunftssicher zu machen.

Dass er den Gang zum Amtsgericht überhaupt antreten musste, begründet Sören Willert mit rückläufigem Umsatz, der wachsenden Konkurrenz durch Discounter und zu spät eingeleiteten Modernisierungsmaßnahmen. „Am Ende ist uns einfach die Zeit ausgegangen.“

Erst 2013 hatte der Betriebswirt das 1952 von seinem Opa Werner Willert senior gegründete Unternehmen übernommen. Sein Vater Wolfgang war gestorben, und so musste der Sohn mit gerade einmal 25 Jahren ran.

Gemeinsam mit seinem ebenfalls noch recht jungen Cousin und Bäckermeister Tobias versuchte er, Abläufe in der Produktion zu optimieren, das Sortiment umzugestalten und ein Verkaufstraining für die Mitarbeiter einzuführen. Onkel Werner Willert junior, der den Betrieb gemeinsam mit seinem Vater geführt hatte, war in Rente gegangen.

Die jungen Männer wollten die Bäckereien mit dem ausstatten, was eine Bäckerei heutzutage braucht, um am Markt bestehen zu können: mehr Snacks, mehr warme Gerichte, mehr Platz zum Verweilen. „Die Menschen essen heute außer Haus“, sagt Sören Willert. Da reicht es eben nicht mehr, ihnen nur ein unbelegtes Brötchen zum Verkauf anzubieten.

Veränderungen brauchen jedoch Zeit, und davon hatten die Willerts irgendwann nicht mehr genug. Ende April musste Sören Willert einsehen, dass er die Gehälter seiner Mitarbeiter nicht mehr zahlen konnte. Der Gang zum Amtsgericht wurde unumgänglich, sonst wäre aus dem Ganzen schnell eine Insolvenzverschleppung geworden.

Willert füllte einen 26-seitigen Antrag zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens aus und fuhr wieder zurück nach Pattensen. Keine Stunde später hatte er Tjark Thies am Telefon, der ihm mitteilte, sein vom Amtsgericht bestellter, vorläufiger Insolvenzverwalter zu sein. Am 1. Juli wurde das Insolvenzverfahren dann offiziell eröffnet.

Sören Willert hofft nun, gemeinsam mit Tjark Thies und zwei Beratern das umzusetzen, was sie vor der Insolvenz bereits umsetzen wollten. Entlassungen werden voraussichtlich auch in Zukunft kein Thema sein, denn die Bäckerei versucht sogar, weitere Filialen dazuzugewinnen, um die Produktion der Ware – Willert stellt alles selbst her – noch effektiver zu gestalten. „Ob eine Maschine nun zehn oder 20 Kilo Teig rührt, ist ihr egal, aber wir haben mehr Nutzen davon“, sagt er.

Auch bei der Produktfrische hat es bereits eine Veränderung gegeben. Statt wie bisher nur einmal am Tag werden die Filialen nun zweimal beliefert. So können die Fahrer zum Beispiel den beliebten Butterkuchen – das Aushängeschild der Bäckerei Willert, dessen Rezeptur nur Tobias Willert und sein Vater Werner kennen – noch am Tag der Herstellung in die Geschäfte bringen.

Beim Wareneinsatz wollen sie eine Ersparnis von fünf Prozent erreichen, und auch beim Personal wird nun so geplant, dass in einer Filiale nur zu Spitzenzeiten mehr Verkäufer sind.

Anfang kommenden Jahres, so hofft Sören Willert, könnte der Insolvenzverwalter den Betrieb wieder an ihn und seinen Cousin übergeben. Ob das tatsächlich möglich ist, wird sich zeigen. Tjark Thies bezeichnet die Situation der Bäckerei als „ambivalent“. Zwar seien die Cousins „hochmotiviert“, die Filialen lägen jedoch überwiegend in Wohnlagen, so dass etwa ein Umschwenken auf Snacks nur eingeschränkt möglich sei.

„Ein Erhalt des Betriebs in seiner jetzigen Gestalt macht nur Sinn, wenn abzusehen ist, dass er langfristig überleben kann“, sagt Thies und verweist nach wie vor auf die Möglichkeit, dass ein externer Investor den Betrieb oder Teile davon übernimmt.

Eine Folgeinsolvenz, so Thies, sei der Familie Willert, den Gläubigern und vor allem den Arbeitnehmern nicht zuzumuten.