Harburg
ADOLPHSEN EINSICHTEN

Papst Franziskus: Ein Rundschreiben an alle Christen

Papst Franziskus scheut sich nicht auch unbequeme Wahrheiten zu benennen

Papst Franziskus scheut sich nicht auch unbequeme Wahrheiten zu benennen

Foto: Claudio Peri / dpa

Papst Franziskus bringt frischen Wind in seine Kirche und sagt, was gesagt werden muss. Kirchen haben die Pflicht sich einzumischen.

Harburg. Papst Franziskus bringt frischen Wind in seine Kirche. Er wird immer beliebter. Nicht nur, weil er ein menschenfreundlicher Kirchenmann ist, sondern auch, weil er das sagt, was gesagt werden muss. Jetzt hat er seine zweite Enzyklika, ein Rundschreiben an alle katholischen Christen, aber auch an alle Menschen guten Willens, veröffentlicht. Titel: „Laudato si“. Deutsch: „Gelobt seist du, Herr!“ Das sind die Anfangsworte des wunderbaren Sonnengesangs von Franz von Assisi aus dem 13. Jahrhundert. Der Papst nimmt den Gründer des Franziskanerordens, diesen Liebhaber aller Geschöpfe Gottes, als ein Beispiel für eine authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie.

Nicht nur der Mensch lobt den Schöpfer, sondern alle Tiere und Pflanzen. Schon durch ihr Dasein. „Alle Geschöpfe der Erde fühlen wie wir, alle Geschöpfe streben nach Glück wie wir. Alle Geschöpfe der Erde lieben, leiden und sterben wie wir, also sind sie uns gleichgestellte Werke des allmächtigen Schöpfers, unsere Geschwister.“ In „Laudato si“ wird auch die Anweisung des heiligen Franz zitiert, im Klostergarten eine Ecke unbepflanzt zu lassen, „damit die wilden Kräuter ihren Blick zu Gott, dem Schöpfer solcher Schönheit“ erheben können. Dem können heutige Naturschützer, die nicht mehr von Unkraut sprechen. Freuen wir uns also über Wildblumenwiesen!

Dem Recht auf Leben widerspricht das aggressiv ausgeübte Unrecht

Franziskus ist weit entfernt von Naturschwärmerei und Blauäugigkeit. Der Respekt vor der Mitwelt durchzieht die Enzyklika. Es sei höchste Zeit für einen radikalen Wandel im Verhalten der Menschen. Im Blick auf die nachfolgenden Generationen müssen wir unser Verhalten ändern.

Schonungslos beschreibt er die verheerenden Konsequenzen der Brennstoffwirtschaft. Auch das Aussterben der Arten dürfe niemanden gleichgültig lassen. Der Lobpreis der Menschen, Tiere und Pflanzen schlage um in Schmerzensschreie. Das alles ist nicht neu. Neu ist hingegen für viele, dass der Papst einen Zusammenhang zwischen den viel zu vielen Armen und der Anfälligkeit des Planeten herstellt. Dem Recht auf Leben widerspricht das aggressiv ausgeübte Unrecht.

Die zentralen Themen des Rundschreibens lesen sich wie eine Magna Charta einer geistigen und mentalen Revolution: Alles sei in der Welt miteinander verbunden. Das wunderbare Wirtschaftswachstum wende sich gegen den Menschen, wenn es nicht von einem echten moralischen Fortschritt begleitet werde. Der Eigenwert und die Würde jedes Geschöpfs habe oberste Priorität. Vor allem brauche es aufrichtige und ehrliche Debatten. Es dürfen keine wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Interessen ohne Bindung an den menschlichen Sinn der Ökologie geben. Die Konsum- und Wegwerfkultur widerstrebe der Nachhaltigkeit, der Schonung und Pflege der Schöpfung. Nach biblischem Auftrag sei der Mensch ihr Hüter und Bewahrer.

Wir brauchen ein ökologisches Wirtschaftswunder mit menschlichem Antlitz

Die Veröffentlichung des Rundschreibens forderte sofort heftigen Widerspruch heraus. Ganz besonders bei konservativen Christen und Politikern. Beispielhaft seien republikanische Politiker in den USA zitiert. So der Präsidentschaftskandidat Rick Satorum: „Der Papst soll die Wissenschaft den Wissenschaftlern überlassen.“ Ein anderer: „Der Papst soll sich auf seine wesentlichen Aufgaben konzentrieren.“ Jeb Bush, ebenfalls Präsidentschaftskandidat, zum Katholizismus konvertiert, konkretisiert das. Er gehe nicht am Sonntag in die Kirche, um sich über Wirtschaft und Politik belehren zu lassen. Drei Aussagen. In die Welt posaunt, ehe die drei die Enzyklika gelesen haben. Das ist mehr als Stimmungsmache und Ignoranz, wie man sie von der tea-party kennt. Die drei hätten mindestens bedenken können, dass Franziskus sich von namhaften Wissenschaftlern hat beraten lassen. Wären sie klug, könnten sie wissen, dass es eine Trennung von persönlichem Glauben und dem Eintreten für ein gerechtes und friedliches Zusammenleben nach dem Willen Gottes in der katholischen Soziallehre nicht gibt. So haben auch Franziskus‘ drei Vorgänger zu einer radikalen Veränderung im Verhalten der Politik und der Wirtschaft aufgerufen. Das Christentum hat von Anfang an eine politische Perspektive. Die römisch-katholische Kirche und die protestantischen Kirchen berufen sich auf die jüdischen Wurzeln, u.a. auf die Sozialkritik der alttestamentlichen Propheten. Gut biblisch ist es, dass der Gottesdienst am Sonntag und der Gottesdienst im Alltag der Welt untrennbar verbunden sind.

Als evangelischer Theologe kann ich „Laudato si“ nur zustimmen. Mit dem Vorsitzenden des Rates der Ev. Kirche in Deutschland, Bischof Bedford-Strohm, sage ich: Die Kirchen haben von ihrem Auftrag her die Verpflichtung, sich in diesen aktuellen Prozess politischer Willensbildung einzumischen. Es ist ein gutes Zeichen ökumenischer Verbundenheit, wenn gemeinsam die Leidenschaft für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen aller Geschöpfe und eine gerechtere Ordnung in den weltweiten Wirtschaftsbezeichnungen eingefordert wird. In der Tat: Wir brauchen ein ökologisches Wirtschaftswunder mit menschlichem Antlitz. So bleibt die Kirche wie der Schuster bei ihrem Leisten. „Laudato si“ und der Rat der Ev. Kirche wollen beide Impulse geben und neue Leitbilder für die UN-Generalversammlung Ende September. Sich so einzumischen in öffentliche Belange bleibt die Verpflichtung der Kirchen. Die haben sich weder der Papst noch alle Christen selbst auferlegt. Sie ist ihnen von Gott gegeben.

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor der Hamburger St.-Michaelis-Kirche