Harburg
Adolphsens Einsichten

Kampf dem Schreckgespenst der „Rationalisierung“

Helge Adolphsen schreibt alle zwei Wochen im Abendblatt

Helge Adolphsen schreibt alle zwei Wochen im Abendblatt

Foto: Michael Rauhe

Helge Adolphsen schreibt über Kostensenkung und Stellenabbau. Und über Menschen, die sich gegen die Zwänge der Gesellschaft wehren.

Ein Schreckgespenst geht um. Es hat einen Namen: Rationalisierung. Es treibt sein unheimliches Wesen überall. In der Wirtschaft: 130 Stellen werden bei der Volksfürsorge in Hamburg gestrichen. Stellenabbau auch bei Banken, Schließung von Filialen der Sparkassen und Geldinstitute. Konzentration nennt man das. Kosten müssen reduziert werden. So geht Wirtschaft. Zeitungen rationalisieren auch. Man muss in größeren Räumen denken. Und Kosten senken. Der Politikteil einer Zeitung für Hamburg wird weit weg in Berlin gemacht. Die Seite „Wissen“ auch. Sinnvoll. Hoffentlich nicht auch die Regionalteile. Damit das Gespenst Rationalisierung keine Angst mehr verbreitet, lockt man damit, dass alles qualifizierter und professioneller wird. Man bildet Kompetenzzentren. Klingt gut.

Rationalisierung auch in den Kommunen. Das Ortsamt Neugraben hatte mal eine Bauabteilung. Da konnte man zu dem Mitarbeiter gehen, ohne sich anzumelden, und um Rat fragen oder Anträge besprechen. Jetzt kann man sich online beim Bezirksamt Harburg anmelden. Wenn man Internet hat.

Auch in Kirchen wird rationalisiert

In Finkenwerder gab es kürzlich einen Aufschrei: „Rote Linie überschritten!“ Nach der Abschaffung des dortigen Ortsamtes sollen nun die Bauhöfe von Finkenwerder und Wilhelmsburg zusammengelegt werden, auf dem Gelände der igs. Der Bezirksamtsleiter Andy Grote spricht nur scheinbar tröstende Worte: Im Verhältnis zu anderen Orten halten wir in Finkenwerder immer noch mehr Service vor. Und was bleibt auf der Strecke? Eine bürgernahe Verwaltung, kurze Wege und die Identität mit dem Lebensort.

Auch in beiden großen Kirchen wird kräftig rationalisiert. Die beiden Zauberworte lauten: Regionalisierung und Fusionierung. Pfarrstellen werden halbiert, geviertelt oder gestrichen, Gemeinden zusammengelegt. Die katholische Kirche in Harburg verfolgt das Ziel: Aus 5 bis 6 Gemeinden macht eine. Immerhin beteiligt sie das Kirchenvolk und diktiert nicht von oben. Nicht nur der Priestermangel zwingt sie zur Bildung von Großgemeinden, auch das Geld. Verloren aber geht die Nähe der Menschen zu ihrer Kirche und die tiefe Verwurzelung in ihrer Gemeinde. Auch in der evangelischen Kirche werden Gotteshäuser geschlossen. Die hohe Baulast ist nicht mehr zu finanzieren. Die Ortsgemeinden schrumpfen. Klagen und Jammern helfen nicht. Der Widerstand formiert sich. 128 Kirchengemeinden aus allen 27 Kirchenkreisen gründeten einen Verein „Ortsgemeinden im Aufwind“. Ihren Protest richteten sie in einem offenen Brief an die Kirchenleitung: „So geht es nicht weiter!“

Engagierte Gemeindemitglieder gründeten in Ahrensburg einen Förderverein

Ein Kollege, Pastor auf einem Dorf, sprach auf einer Protestveranstaltung das aus, was viele bewegt: „Man hat uns den Schlachter und den Kaufmann weggenommen. Auch die Banken schließen. Und nun auch noch unsere Kirche?“

Wirksamer als Kritik und Protest ist es, was in Ahrensburg geschah. Da sollte eine Kirche entwidmet und das Gemeindehaus verkauft werden. Ein engagiertes Gemeindeglied gründete einen Förderverein zur Erhaltung der Kirche. Der Verein schloss einen Vertrag mit der Kirchengemeinde über die Nutzung und Finanzierung. Von oben wurde das quittiert mit einer juristisch formulierten Abmahnung der Gemeinde. Das kommt einer Entmündigung gleich. So etwas darf man sich nicht gefallen lassen! Das Ende des Streits: noch offen.

Auch in anderen Dörfern unserer Region tut sich was

Das Dagegen sein ist das eine. Dafür sein das andere. Die Initiative ergreifen, Verantwortung übernehmen, Gleichgesinnte suchen und selbst das Heft in die Hand nehmen ist angesagt. Auch in den Dörfern unserer Region. Wer aufmerksam diese Zeitung liest, hat entdeckt, was sich da tut.

In Sprötze wurde erstmalig ein „Repair-Café“ veranstaltet. Evelien Nissen hatte die Idee. Kaputte Haushaltsgeräte konnten ins Gemeindehaus gebracht werden. Ehrenamtliche fachkundige Menschen reparierten umsonst. Der Bürgermeister war begeistert. Endlich hatte das Dorf wieder eine „Kneipe“! Der Nachmittag bei Kaffee und Kuchen führte die Dorfbewohner zusammen. Es war wie ein Dorffest.

Ashausen hat keinen Laden. Eine Gruppe plant das Projekt „Ein Dorfladen für Ashausen“. Vorgesehen ist ein Neubau mit einem großen Laden, Fachgeschäften und barrierefreien Wohnungen. Und das auf Genossenschaftsbasis. An der Genossenschaft kann sich jeder beteiligen und Anteile erwerben. Wer das tut, hat das Gefühl, ein Mit-Bauherr zu sein. So wächst Gemeinsinn und das Gefühl: Wir sind das Dorf! Im Hessischen ist ein Dorfladen zum „Rollator-Treff“ geworden. In unserer älter werdenden Gesellschaft ein probates Mittel gegen Isolierung und Einsamkeit.

Bemerkenswert die „72-Stunden-Aktion“ der niedersächsischen Landjugend: 98 Ortsgruppen beteiligen sich. In Wilstedt haben 20 Mädchen und Jungen in drei Tagen eine Grillhütte auf einem Spielplatz aufgebaut. Und nebenbei auch noch den Spielplatz gesäubert. So kann die Jugend auch sein!

Geld regiert die Welt, wenn wir resignieren

In Stelle präsentiert der Verein „KunstWerkStelle“ Kunst in Scheunen und Remisen. In Dibbersen wird wie in anderen Orten ein Straßenfest veranstaltet. Das führt Menschen zusammen und stärkt die Verbundenheit. Auch Buchholz engagiert sich kulturell. Mit der Buchholzer Kulturnacht startet das Gemeinschaftsprojekt an diesem Sonnabend mit 40 Aktionen im Stundentakt.

Sage niemand, die Dörfer hätten abgewirtschaftet. Sie sind im Aufwind und werden lebendig, aber nur, wenn ihre Bewohner selbst anpacken, Ideen verwirklichen und mit der eigenen Motivation andere motivieren. Sie nehmen sich die Freiheit, das zu tun, was sie wollen und brauchen. Geld regiert die Welt, wenn wir resignieren. Geld darf die Kreativität nicht töten. Menschen können etwas tun gegen die Zwänge einer Gesellschaft, die nur auf Geld und Wirtschaft fixiert ist. Sie sind müssen keine Opfer sein, sie müssen aber selbstbewusste Gestalter ihres Lebens sein. Sie müssen nur beherzigen, dass gemeinsames Engagement stark macht.

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor der St.-Michaelis-Kirche in Hamburg.