Harburg
Verkehrskonzept

Tostedt will Platz für Radfahrer schaffen

Foto: Bianca Wilkens / HA

Trotz Radweg auf Straße fahren? Heute stellt die Tostedter Verwaltung ein neues Radverkehrskonzept im Planungsausschuss vor.

Tostedt. Die Gemeinde Tostedt will mehr Raum für Radler schaffen. Ein Radverkehrskonzept, das die Verwaltung der Samtgemeinde Tostedt erarbeitet hat, geht heute Abend, 18 Uhr, in der Sitzung des Planungs- und Umweltausschusses in die politische Diskussion. Damit greift Tostedt einen Trend auf, der längst in Metropolen wie Hamburg angekommen ist: Dort setzt jeder Dritte ausschließlich aufs Rad und lässt Auto oder Motorrad stehen. Auch in der Samtgemeinde Tostedt bietet es sich an, das Fahrrad zu nutzen, da viele Ziele in einem Radius von zwei Kilometern erreicht werden können.

Laut Untersuchung war der PKW der häufigste Unfallgegner der Fahrradfahrer

Zentraler Gedanke des Konzeptes ist, die Radfahrer vom Fuß- und Radweg auf die Straße zu bringen. „Die Statistik zeigt, dass es häufiger zu Kollisionen kommt, wenn der Radfahrer auf dem Radweg und nicht auf der Straße fährt“, sagt Renate Witte, Sprecherin der ADFC-Ortsgruppe Tostedt. „Wenn ein Radfahrer hingegen auf der Straße unterwegs ist, fährt er im Sichtbereich des Autofahrers und kann nicht so leicht übersehen werden“, betont auch Karin Sager, Vorsitzende des ADFC-Kreisverbandes Harburg. „Das sagt die Unfallstatistik schon seit 40 Jahren.“

Nach einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2013 war der PKW der häufigste Unfallgegner der Fahrradfahrer (74,3 Prozent). Bei Unfällen mit einem PKW war der Radfahrer nur zu 24,7 Prozent Verursacher. „Die Unfallforschung wirbt für das Radfahren im Mischverkehr im Sichtbereich des Kraftfahrers, um diese hohen Zahlen zu verringern“, sagt Karin Sager.

Fahrräder sind auch Fahrzeuge

Noch immer ist es aber schwer, diese Erkenntnis durchzusetzen, weil sich die Radfahrer auf dem Fuß- und Radweg sicherer fühlen. Das will die Verwaltung der Samtgemeinde Tostedt ändern. „Der Grundgedanke, dass auch ein Fahrrad ein Fahrzeug ist und auf die Straße gehört, soll künftig stärker Fuß fassen“, sagt Samtgemeindebürgermeister Peter Dörsam. Deshalb schlägt die Verwaltung unter anderem vor, die Benutzungspflicht der Radwege aufzuheben und Einbahnstraßen für Fahrräder zu öffnen, wenn es denn die Verkehrssituation zulässt.

Die passionierte Fahrradfahrerin Renate Witte, die bis zu 30 Kilometer lange Strecken radelt und jeden Tag aufs Fahrrad steigt, weiß aus eigener Erfahrung, dass es funktioniert. „Selbst auf der viel befahrenen Bahnhofstraße in Tostedt bin ich mit dem Rad unterwegs und habe nie aggressive Autofahrer erlebt. „Es geht“, sagt sie.

Erklärtes Ziel des Radverkehrsnetzes ist, die einzelnen Wohngebiete mit unterschiedlichen Destinationen in Tostedt und den Nachbargemeinden zu verbinden. Herausgekommen ist ein Netz mit den Landes- und Kreisstraßen sowie der Bundesstraße 75 als Hauptachsen für den Radverkehr.

Zwei Jahre haben sich die Bauleitplaner mit dem Konzept auseinander gesetzt

Bei neuen Straßenbaumaßnahmen und anderen Bauvorhaben sollten gleich die Wünsche und Bedürfnisse von Fahrradfahrern berücksichtigt werden, sagt Katrin Peper, Bauleitplanerin in der Gemeinde Tostedt. Als die Verwaltung beispielsweise mehrere Bushaltestellen mit Überdachungen versehen ließ, hat sie im gleichen Zug Abstellbügel errichtet, damit Einwohner, die Bus und Bahn fahren, ihr Rad sicher an den Haltestellen anschließen können. Ähnlich könnten die Radfahrer bei der Sanierung der Kreisstraße 75 Richtung Neddernhof berücksichtig werden. Allerdings liegt da die Entscheidung beim Landkreis, da er der zuständige Baulastträger ist.

Zwei Jahre lang haben sich die Bauleitplaner Katrin Peper und Tim Wilms-Splinter neben der alltäglichen Arbeit mit dem Konzept auseinander gesetzt. Eine Fleißarbeit, bei der die Verwaltung Wert darauf legte, die Bürger einzubinden wie etwa beim Mobilitätstag im Mai 2012. Im Oktober 2014 lud die Verwaltung die Bürger zu einer Radtour durch die Gemeinde Tostedt ein. 30 Tostedter nutzten die Gelegenheit, um sich auf der Fahrt unter anderem mit Fragen der Straßenverkehrsordnung – wo gehören die Radfahrer hin und wie verhalten sie sich richtig? – auseinander zu setzen und um auf Mängel aufmerksam zu machen.

Zu schmaler Fußweg an der Niedersachsenstraße in Todtglüsingen

Auch Renate Witte nahm an der Tour teil und hat eine lange Liste an Verbesserungsvorschlägen zusammengestellt. Beispiel Niedersachsenstraße in Todtglüsingen. Die entlang zu radeln sei fast eine Qual, sagt sie. „Der Fußweg ist zu schmal, und man muss die Straße queren.“ Aus der Radtour ging übrigens die neue Tostedter ADFC-Gruppe hervor. „Wir sind gespannt, wie das Radverkehrskonzept jetzt umgesetzt wird“, sagt Witte.

Jeden Dienstag, 19 Uhr, organisiert der ADFC Tostedt eine bis zu 35 Kilometer lange Tour in die nähere Umgebung Tostedts. Die nächste Tagestour ist am Sonntag, 26. Juli, 10 Uhr, zum Melkhus in Sittensen