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Seemannsgarn-Battle beim „FlohZinn“-Markt

Hermann Wiese (l.) und Jo Koning erzählen in den Wilhelmsburger Zinnwerken Geschichten zu skurrilen Gegenständen aus der Hafenwelt

Hermann Wiese (l.) und Jo Koning erzählen in den Wilhelmsburger Zinnwerken Geschichten zu skurrilen Gegenständen aus der Hafenwelt

Foto: Thomas Sulzyc

Beim neuen Kulturformat „Seemannsgarn-Battle“ spinnen Hafensenioren in Wilhelmsburg beim Erklären von Museumsstücken um die Wette.

Wilhelmsburg. Wozu ein Zentimetermaß dient, meint jeder zu wissen. Aber wenn Hermann Wiese und Jo Koning vom Hafenmuseum Hamburg ihr Seemannsgarn um Gegenstände aus der Hafenwelt spinnen, lösen sie selbst bei alten Seebären Zweifel am eigenen Verstand aus. Beim „FlohZinn“-Markt in den Wilhelmsburger Zinnwerken haben sich beiden Meister der Verwirrung zum Seemannsgarn-Battle unter die Landratten gemischt.

Experimentierstube für neue Kulturformate

Der Flohmarkt mit lässiger Sofa-Lounge und Bühne ist eine Experimentierstube für neue kulturelle Formate. Der Seemannsgarn-Battle, was so viel bedeutet wie Seemannsgarnwettbewerb, ist eine Art Wissenshow, in der die beiden nur scheinbaren Kontrahenten Hermann Wiese und Jo Koning die List der Lüge anwenden, um spielerisch Wissenswertes aus Hafen und Seefahrt zu vermitteln. Hamburgischer könnte ein Kulturformat kaum sein.

Wiese und Koning liefern zu alten Dingen aus dem Hafen jeweils eine wahre und eine erfundene Erklärung. Jeder vertritt seine Geschichte mit der Inbrunst der Überzeugung. Am Ende muss das Publikum entscheiden, wer lügt. Wer dem Seemannsgarn auf die Schliche kommt, erhält zu Belohnung Freikarten für das Hafenmuseum Hamburg.

Auftakt im Hafenmuseum

Die Idee geht auf die Museumsleiterin Ursula Richenberger zurück. Premiere hatte der Seemannsgarn-Battle vor Kurzem im Hafenmuseum. Beim „FlohZinn“-Markt testeten Koning und Wiese die als Show getarnte Museumspädagogik erstmals außerhalb der Hafenschuppen.

Bei dem Wort Abzieher denkt die gemeine Landratte wohl eher an einen Koberer, diese Schnacker auf der Reeperbahn, die ahnungslose Touristen in ihre zwielichtigen Etablissements lotsen wollen. Tatsächlich handelt es sich um ein Werkzeug aus der Hafenwirtschaft. „Damit kratzt du dir den Dreck an den Fingernägeln weg“, schmeichelt sich Hermann Wiese geschickt mit einem Scherz beim Publikum ein, um dann sachlich zu erklären: Mit dem Abzieher würden natürlich sogenannte Peakhakenstiele hergestellt. Klingt vernünftig, denn das Gerät sieht wie zum Schaben gemacht aus. Oder doch nicht?

Jo Koning liefert eine andere Erklärung: Mit dem Abzieher würden Beschriftungen von Seekisten entfernt. Ein eigenes Werkzeug für eine so profane Tätigkeit – kann es das wirklich geben? Aber tatsächlich: Hafenarbeiter haben den Abzieher bis etwa Mitte der 1970er-Jahre benutzt, um Farbe von den Holzkisten zu kratzen. Erst als Container den Hafen eroberten, geriet der Abzieher in Vergessenheit.

Wiese und Koning haben Gefallen an dem Battle gefunden

Hermann Wiese stützt sich so überzeugend lässig wie ein Ewerführer auf einen grünen Messstab aus Holz, dass dieses Werkzeug doch wirklich nur zur Messung der Wassertiefe bei Ebbe eingesetzt werden konnte. Oder? Das Publikum neigt ihm zu glauben – und sitzt damit dem Seemannsgarn auf. Tatsächlich haben Hafenarbeiter Kisten damit vermessen. Heute gibt es dazu den Zollstock oder Lasergeräte. Hermann Wiese, früher mehr als 23 Jahre bei Blohm & Voss beschäftigt, und Jo Koning wollen den Seemannsgarnbattle fortführen und versprechen: „Wir kommen mit neuen Gegenständen wieder.“