Harburg
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Zukunftsvisionen: Die schlauere Hafencity erschaffen

Die Experten auf dem Podium (v.l.): Hans Christian Lied, Dr. Ferdarouss Adda, Gorch von Blomberg, Doris Wache und  Julian Petrin

Die Experten auf dem Podium (v.l.): Hans Christian Lied, Dr. Ferdarouss Adda, Gorch von Blomberg, Doris Wache und Julian Petrin

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Der Binnenhafen kann neue Maßstäbe für eine urbane Quartiersentwicklung setzen. Sowohl städtebaulich als auch interkulturell.

Harburg.  Befragt nach seiner Vision für den Binnenhafen 2020 sagte Stadtplaner Julian Petrin sinngemäß: Es werden dort 2400 Menschen leben, 80 Prozent davon sind Zuwanderer. Das Viertel wird so bunt und vielfältig sein wie jenes südlich des Basars von Istanbul. Und mittendrin gibt es einen Beachclub.

Petrin ist bekannt dafür, dass er Stadt anders, offener, visionärer denkt, als viele andere, die sich mit dieser Thematik professionell auseinandersetzen. Manche seiner Thesen wirken auf konservative Vertreter seiner Zunft zuweilen recht provokativ. In altbekannten Strukturen bewegt sich der Absolvent der Technischen Universität Hamburg-Harburg jedenfalls nicht.

Der Binnenhafen vollzieht einen rasanten Wandel

Das wurde auch am Freitagabend bei der Podiumsdiskussion zum Auftakt des 15. Binnenhafenfestes im Konferenzsaal des TuTech-Hauses deutlich. „Nachhaltige Quartiersentwicklung – wie geht das?“ hieß das Thema, zu dem sich unter der Leitung von Frank Ilse, Leiter der Regionalredaktion Harburg des Hamburger Abendblattes, fünf ausgewiesene Experten austauschten. Der übereinstimmende Tenor: Der Binnenhafen ist eines der spannendsten und wichtigsten Stadtentwicklungsgebiete Hamburgs. Und es hat das Potenzial, in den kommenden Jahren Beispielhaftes für maritimes wie multikulturelles Großstadtleben zu kreieren.

Gegenwärtig vollzieht der Binnenhafen einen rasanten Wandel zum Mischquartier aus Arbeit und Wohnen. Etwa 6000 Beschäftige zählen die mehr als 160 hier ansässigen Unternehmen. Auf der Schloßinsel und am Schellerdamm entstehen gerade mehr als 500 Wohneinheiten, in denen bis Ende 2016 etwa 2000 Menschen leben werden. Und mittendrin liegt ja auch noch das Hotelschiff „Transit “, das in den kommenden Jahren dauerhaft bis zu 220 Flüchtlinge beherbergen wird.

„Bildung ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration“

Sie einzubinden in die Entwicklung des Binnenhafens, sei eine der großen Herausforderungen des Quartiers, da waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig. „Integration vollzieht sich vor allem im persönlichen Kontakt mit den Flüchtlingen“, so Doris Wache vom Harburger Integrationsrat. Dort engagiert sich auch Dr. Ferdaouss Adda, die am Elbcampus der Handwerkskammer als Koordinatorin für Integration und Sprachförderung arbeitet. Für sie ist klar: „Bildung ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration.“

Das wissen auch die zahlreichen Initiativen, die sich in den vergangenen Monaten rund um die Transit gebildet haben, allen voran die Flüchtlingsinitiative Binnenhafen . Einer der Mitbegründer ist Gorch von Blomberg, zugleich Vorstandsmitglied der Kulturwerkstatt und Mitorganisator des Binnenhafenfestes. Obgleich er den Binnenhafen mit einem großen Labor verglich, in dem vieles ausprobiert und getestet werde, städtebaulich wie im Zusammenleben verschiedener Kulturen, bescheinigt er dem Quartier schon jetzt eine große Integrationskompetenz. Die Kardinalfrage sei für ihn jedoch: „Wollen wir, dass die Flüchtlinge irgendwann wieder weg sind, oder dass sie bleiben?“ Dann aber müsse zwingend auch geklärt werden, wo und wie. „Teilhabe bedeutet auch Arbeit. Das aber ist auch eine Frage der Spielräume“, sagte Petrin.

„Bei uns ist doch alles viel zu reguliert. Es wird zu viel Energie in Regeln und Restriktionen investiert“

Von denen gebe es aus seiner Sicht generell zu wenig: „Bei uns ist doch alles viel zu reguliert. Es wird zu viel Energie in Regeln und Restriktionen investiert.“ Dadurch könne sich der Mensch kaum noch ausprobieren und verliere sein Selbstorganisationstalent. „Im Falle der Flüchtlinge bedeutet das auch, dass damit ein Teil ihrer Skills flöten geht, von denen wir sicher profitieren könnten“, so Petrin.

Ein weiteres Hemmnis im Werden und Wachsen des Quartiers sah die Expertenrunde in der Abtrennung von Harburgs City durch die Bahntrasse und die B 73. „Die Zäsur ist da, sie ist Realität“, sagte Hans Christian Lied, im Bezirksamt für die Stadt- und Landschaftsplanung zuständig. Die Option, die Bahntrasse in einem unterirdischen Tunnel verschwinden zu lassen, hält er aus finanziellen wie topografischen Gründen für ausgeschlossen. Und brachte deshalb einmal mehr die umstrittene Landschaftsbrücke ins Spiel, „die sicher eine gewisse Strahlkraft hätte“.

Ebenso wichtig sei aber auch, für eine vernünftige soziale Durchmischung im Quartier zu sorgen. Es dürfe im Binnenhafen „nicht nur hochpreisiges Wohnen“ geben. „Projekte für Studentenwohnungen gibt es schon. Nun müssen auch Sozialwohnungen folgen, die letztlich ja 30 Prozent aller Wohneinheiten ausmachen sollen“, so Lied.

Eine bessere, schlauere Hafencity zu erschaffen, kleinteiliger und weniger klotzig, daran sollte Harburg weiter arbeiten, findet Lieds Kollege Petrin. So könne der Binnenhafen am Ende wirklich neue Maßstäbe für eine urbane Quartiersentwicklung setzen.