Harburg

„Meine Kinder sind echte Hanseaten“

In unserer neuen Serie beschreiben Menschen ihr Wohnquartier, erzählen, warum sie es mögen und was sie stört. Heute, in Teil 1, sagt Ibrahim Batal: „Ich bin Harburger“

Braune Augen, ein Teint wie Milchkaffee. Im Schnauzer deuten noch einige dunkle Barthaare darauf hin, dass der ergraute Schopf einst schwarz gewesen sein muss. Ibrahim Batal ist auf den ersten Blick als Südländer zu erkennen. Und sobald er den Mund aufmacht, verrät sein Zungenschlag die Herkunft. Der Mann ist zweifellos Türke. Er aber schüttelt den Kopf. „Ich bin Harburger. Mit Leib und Seele“, fügt er mit Nachdruck hinzu.

Ibrahim lebt seit Jahrzehnten in der Marienstraße. „Weit oben, beim Exerzierplatz.“ Diese Präzisierung ist ihm wichtig, weil er immer wieder gefragt wird, ob er womöglich ein Nachbar von Mohammed Atta gewesen sei, dem Selbstmord-Attentäter, der 2001 ein Flugzeug ins World Trade Center steuerte. „Der war in Nummer 54 zu Hause, ich wohne in Nummer 91“, sagt Ibrahim und zuckt die Schultern, als würde das alles erklären.

Seine Distanz zu Terror und Islamismus ist groß, viel weiter als ein paar Häuserblocks. Er ist Moslem, das ja, aber jede Art von religiösem Fanatismus liegt ihm fern. Aus Zeitmangel käme er nur ganz selten dazu, in die Moschee zu gehen, sagt er. Und wenn er das Bedürfnis spüre, ein Gotteshaus zu besuchen, gehe er auf die Schnelle auch manchmal in christliche Kirchen, die lägen seinem Weg näher. Er sei schon in der Marienkirche und in der Johanniskirche gewesen. Ob katholisch oder evangelisch, das sei ihm egal.

Ibrahims Alltag orientiert sich nicht primär an Mekka. Für ihn ist Harburg der Nabel der Welt. Seit 1999 besteht sein persönlicher Kosmos im Wesentlichen aus einem kleinen Laden an der Harburger Rathausstraße. Über der Glastür steht in großen Lettern „FriKiRa“, Frisches Kiosk am Rathaus. „Kiosk mit Grammatikfehler“ lacht Ibrahim und zuckt gleichgültig die Schultern. Anfangs hat man ihn, den Türken, hier nicht haben wollen. Benachbarte Geschäftsleute sammelten Unterschriften gegen ihn, versuchten, ihn finanziell in die Enge zu treiben. „Das ist längst vorbei. Vergessen.“ Ibrahim macht eine wegwerfende Handbewegung. Die Verhältnisse haben sich zum Besseren geändert, vom menschlichen Umfeld her und auch draußen, auf dem Rathausplatz. „Man hat alles schöner gemacht. Die Mauer, die auf der anderen Straßenseite stand, wurde niedergerissen, das Gebüsch ist auch weg. Jetzt hat man freien Blick, niemand kann sich mehr irgendwo verstecken. Und es gibt auch viel weniger Trinker als früher.“

Ibrahims Blick schweift durch das Schaufenster über den Brunnen, die Sitzgelegenheiten, das knallblau gestrichene Metall-Kunstwerk und das Bronze-Standbild der Ringer. Er lächelt. Früher hat er auch mal gerungen, im Haus der Jugend. Und sonnabends getanzt in der Disco an der Außenmühle. Er ist gern spazieren gegangen im Stadtpark, im Göhlbachtal und in Meyers Park. Eine schöne Zeit!

Heute lebt er praktisch im Geschäft. Sieben Tage die Woche. Ibrahim schließt um vier Uhr früh auf und sperrt um 22 Uhr zu. Sein Dasein spielt sich ab zwischen Tabak- und Backwaren, bunten Salaten und Zeitschriften. Alkoholische Getränke hat er kürzlich aus dem Angebot genommen. Nicht etwa aus religiösen Gründen. Sondern weil er die schweren Kisten nicht mehr schleppen kann. Der harte Alltag fordert schon jetzt, mit gerade mal 52 Jahren, hohen Tribut vom Körper. Balsam für Ibrahims Seele sind die sozialen Kontakte, die sein Beruf mit sich bringt.

Geschäftsleute und Ärzte, Journalisten und Lokalpolitiker, Angestellte, Arbeiter und Rentner – sie alle schätzen nicht nur Ibrahims Angebot. Sie mögen vor allem ihn selbst, der immer gut gelaunt ist und stets bereit für einen Spaß oder einen Klönschnack. Für viele Stammkunden ist Ibrahim mehr als der Kaufmann von Nebenan. Er ist ein Freund sogar für die, die eigentlich gegen Fremde in Deutschland sind. Ein alter Mann, der lauthals gegen Asylanten wettert, während er wie jeden Tag seine Zeitung holt, schweigt sichtlich verwirrt, als er auf Ibrahims türkische Wurzeln aufmerksam gemacht wird. Schließlich murmelt er: „Aber das ist doch etwas ganz anderes! Er ist doch schon ewig hier und gehört zu uns!“

Ibrahim kam 1977 14-jährig aus Mittelanatolien. Der Vater hatte Arbeit bei der Phoenix gefunden. Die Familie lebte damals in Wilhelmsburg. Ibrahim lernte Lagerist bei der Firma Großmann und Zentralheizungs- und Lüftungsbau bei Rückert. Bereits während seiner Ausbildung erhielt Ibrahim die deutsche Staatsbürgerschaft. An den Moment, in dem er dem neuen Vaterland die Treue schwor, erinnert er sich bis heute. Deutschland ist sein Land. In der Türkei kennt er kaum noch jemanden. Denn er hat weder Zeit noch Geld, die alte Heimat zu besuchen.

Für Ibrahim ist es selbstverständlich, dass seine Familie nach Kräften ihren Beitrag zum Wohlstand der Gesellschaft beiträgt, der sie angehört. Natürlich werde in seinem Hause Deutsch gesprochen. Auch von seiner Frau, die wie er aus Anatolien stammt. „Nur streiten tun wir auf Türkisch“, sagt er. „Aber das kommt selten vor.“ Pause. „Ich bin ja fast nie da.“ Ein Scherz, doch in seinem Lächeln liegt auch Wehmut. „Sie ist meine Jugendliebe“, erklärt er und lässt keinen Zweifel daran, dass in seinem Herzen kein Platz ist für Träume vom Paradies und 70 Jungfrauen. Alles was er liebt, existiert im Hier und Jetzt. Seine Frau, die sechs Kinder und sechs Enkel. Er arbeitet jeden Tag dafür, ihnen gute Startchancen zu geben. Dass alle Sprösslinge eine gute Ausbildung haben, einige sogar die Uni besuchten, darauf ist er ungeheuer stolz. Ob Sohn oder Tochter – das macht für ihn keinen Unterschied. Eines seiner Mädchen habe Flugzeugbau studiert und arbeite jetzt in Toulouse, erzählt er.

Und noch etwas lässt ihm die Brust schwellen. „Als Hamburger gilt man ja erst in dritter Generation. Meine Kinder sind also echte Hanseaten. Ich dagegen bin nur ein Quiddje!“, sagt Ibrahim und grinst, weil nur wenige wissen, dass in Hamburg hochdeutsch sprechende Zugezogene halb scherzhaft, halb spöttisch Quietje oder Quiddje genannt werden. Ibrahim findet es lustig, andere zu verblüffen und sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Er spricht ja nicht wirklich hochdeutsch und ist schon lange kein Zugezogener mehr. Er ist eben Harburger, mit Leib und Seele.