Harburg
Neu Wulmstorf

Sieben Jahre Haft für Mord an Elfjähriger

Das Landgericht Stade verurteilte den 19-jährigen Bruder der in Neu Wulmstorf getöteten Aya zu langer Haft. Er beteuert weiter seine Unschuld. Vater erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

Stade/Neu Wulmstorf. Die ganze Zeit hatte der Angeklagte Ahmed A. im Prozess vor dem Landgericht Stade geschwiegen. Gestern äußerte er sich zum ersten Mal. Nachdem Richter Berend Appelkamp ihn fragte, ob er den Ausführungen der Verteidigung noch etwas hinzufügen möchte, antwortete er: „Äh ja, ich war’s nicht.“ Das sagte er so schnell, dass das „nicht“ fast unterging.

Doch das Gericht ist anderer Ansicht und verurteilte ihn zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe wegen Totschlags – wie von der Staatsanwaltschaft gefordert. Die Jugendstrafkammer des Landgerichts Stade sah es als erwiesen an, dass Ahmed A. seine kleine Schwester Aya zu Hause, im Reihenhaus an der Theodor-Heuss-Straße in Neu Wulmstorf, zwischen 14.50 und 16.20 Uhr, „unter massiver Gewaltanwendung gegen Oberkörper und Hals“ getötet hat. „Das Kind ist erstickt“, sagte Richter Berend Appelkamp.

Bei der Urteilsverkündung lehnte sich der Ahmed A., in Jeans, weißem Adidas-Kapuzenpulli und Turnschuhen, nach vorne, schaute den Richter an, als könne er das Gesagte nicht glauben. Er knetete unaufhörlich seine Hände und wackelte mit dem rechten Bein. Aber dann hatte er sich unter Kontrolle, verschränkte die Arme vor der Brust, schaute nach oben und kniff die Augen zusammen, als ob er einen Punkt oben an der Wand fixierte.

Nach Ansicht des Gerichts hat Ahmed die Leiche in einen Müllsack gesteckt, diesen in das Gartenhäuschen auf dem Grundstück versteckt, das Häuschen abgeschlossen und den Schlüssel in den Vorgarten geworfen. Kurz nach 16 Uhr, so die Kammer, täuschte Ahmed A. seinem Vater vor, dass Aya bei einer Freundin Hausaufgaben mache und lockte den Vater dorthin, damit er sie abhole. Später habe Ahmed eine Entführung seiner Schwester vorgetäuscht.

Doch ein Rätsel bleibt: das fehlende Motiv. Mehrere Zeugen hatten im Laufe der Verhandlung bestätigt, dass Ahmed A. seine Schwester geliebt habe. „Warum soll er seine über alles geliebte Schwester getötet haben?“, fragte die Verteidigerin Annette Voges. Sie erinnerte in ihrem Schlussplädoyer auch daran, dass die kleinste Schwester an einem der Verhandlungstage in der Pause fröhlich auf dem Schoß des Angeklagten gesessen habe. Für das Gericht jedoch sind die Indizien eindeutig: Die Beamten fanden DNA-Spuren innen und außen am Müllsack. Dass diese in Folge eines Umzugs an den Müllsack kamen, schloss Appelkamp aus. „Das hätte noch mehr Faserspuren noch sich gezogen“, sagte er. Zudem wies die Polizei DNA-Spuren des Angeklagten an der Kleidung von Aya nach. Zeugen bestätigten, dass Ahmed um 13 Uhr in der Nähe des Wohnhauses gesehen wurde. Im Blut des Mädchens wurde ein Anti-Depressivum gefunden, dass er besorgt hatte.

Zwar räumte der Richter ein, dass einige Spuren vom Kontakt zwischen den Geschwistern herrühren könnten. „Aber in der Gesamtheit und in der Massivität der Spuren hat die Kammer kein Zweifel, dass der Angeklagte der Täter ist“, so Appelkamp. Den Vater schloss das Gericht als Täter aus.

Ihn hatte die Verteidigung in ihrem Schlussplädoyer ins Spiel gebracht, die auf Freispruch ihres Mandanten plädiert hatte. „Ich beschuldige niemanden Täter zu sein“, sagte Annette Voges. „Aber ich muss Zweifel deutlich machen und im Interesse des Mandanten handeln.“ Aus Sicht der Verteidigung bleibt im Dunkeln, ob der Vater zum Zeitpunkt der Tat ebenso zuhause war.

Offenbar ist die Beziehung zwischen Vater und Sohn schwer gestört. Das Gericht zeichnete das Bild einer konfliktträchtigen Beziehung. Grund dafür war die Religion. Der Vater, streng muslimisch, lehnte den westlichen Lebensstil seines Sohnes ab. Er verlangte, dass Ahmed A. regelmäßig die Moschee besucht. Sein Sohn aber wollte ausgehen und seine Zeit mit seiner Verlobten verbringen.

Leistungsdruck hat offenbar ebenso zu Streitereien geführt. Trotz Realschulabschluss schickte der Vater seinen Sohn zum Gymnasium und soll ihn dazu drängt haben, einen arabischen Schulabschluss in einem Fernstudium zu erwerben. „Damit fühlte sich Ahmed A. überfordert“, so Richter Appelkamp. Seine schulischen Leistungen nahmen ab. Zwar erwarb er den Realschulabschluss, widersetzte sich aber immer mehr seinen Eltern.

Im Herbst 2012 zog er aus, wohnte bei Freunden, konsumierte Drogen. Im vergangenen Jahr versöhnte er sich mit seinen Eltern und kehrte nach Hause zurück. Doch ein Problem blieb: seine Verlobte. Da sie keine Muslimin ist, wurde sie laut Gericht von der Familie nicht akzeptiert. „Der Vater verlangte von Ahmed A., sich von der Verlobten zu trennen“, erläuterte Appelkamp. Dieser familiäre Konflikt sei in die Urteilsfindung eingeflossen, so der Richter.

Die Verteidigung kündigte an, in Revision zu gehen. Der Vater erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. „Die Polizei hat von Anfang an gegen uns agiert", sagte er. „Ahmed kann es nicht gemacht haben. Ich möchte den wirklichen Täter haben und nicht auch noch meinen Sohn verlieren. Das lassen wir nicht auf uns sitzen."