Harburg
Tostedt

Eine Stromtrasse sorgt für Aufruhr

Die Fernleitung Suedlink könnte durch Tostedt verlaufen – weil Stader und Rotenburger sie „verschoben“ haben

Tostedt. Wenn 2022 die letzten deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet sind, werden die Karten bei Stromerzeugung und -verbrauch neu gemischt. Mit Windenergie, die im Norden erzeugt wird, müssen weite Teile Süddeutschlands versorgt werden. Weil die bestehenden Leitungen für den Stromtransport in solchen Mengen und über solche Entfernungen nicht ausreichen, müssen neue Ferntrassen her. Das Projekt Suedlink, das der Netzbetreiber Tennet im Auftrag der Bundesnetzagentur realisiert, umfasst zwei Stromtrassen, von Wilster nach Grafenrheinfeld (Bayern) und von Brunsbüttel nach Großgartach (Baden-Württemberg). Zu 80 Prozent auf der rund 800 Kilometer langen Strecke überlappen sich diese Trassen, das heißt, die Leitungen hängen am selben Mast. Tennet richtet im Rahmen der Bürgerbeteiligung Info-Abende aus und machte am Mittwoch in Tostedt Station.

Tennet hat aus einem 100.000 Quadratkilometer großen Suchraum vier Trassen herausgearbeitet und daraus die Variante „Mitte-West“ als Planungsgrundlage vorgeschlagen. Diese verläuft durch die Kreise Stade, Rotenburg, Verden und Heidekreis. Entlang der Trasse haben im Februar Bürgerdialogveranstaltungen stattgefunden. Dabei konnten Bürger Anregungen und Änderungswünsche einreichen. „Die Anregungen wurden gesammelt, anonymisiert und ausgewertet“, sagt Paula Walther vom Tennet-Projektteam. Rund 100 Alternativtrassen kamen daraufhin in die Überprüfung. Drei davon berühren nun den Landkreis Harburg, namentlich die Samtgemeinde Tostedt.

Etwa 90 Einwohner kamen zum Info-Abend, zu dem die Samtgemeinde und der Landkreis Harburg in die Schützenhalle geladen hatten. Und die fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Der Tenor: „Warum dürfen Bürger im Kreis Stade oder Rotenburg die Trasse einfach so zu uns verschieben?“ Die einen sahen die Naturschutzgebiete in Gefahr, so Otters Bürgermeister Herbert Busch. „Man tut so, als hätte der Kranich ein Navi und weiß, wo er lang fliegen muss“, sagte er. Carsten Peters vom Landkreis Harburg (Wirtschaftsförderung) bestätigte, „damit haben auch wir Bauchschmerzen.“ Marius Strecker von Tennet stellte klar: „Das genau kommt auf den Prüfstand.“ Und auch, dass die Tostedter selbstverständlich noch Zeit und Möglichkeit hätten, ihre Anregungen einzubringen, auch wenn noch vor Weihnachten der Trassenantrag bei der Bundesnetzagentur gestellt werde. „Die Antragskonferenzen finden Anfang 2015 statt. Es wird eine Vielzahl von öffentlichen Veranstaltungen geben. Man kann auch per Post oder per E-Mail teilnehmen.“

Trotzdem gab’s Kritik am Verfahren. „Die Alternativen von Bürgern der Vorschlagstrasse gleichzustellen, halte ich für fragwürdig“, sagte Tostedts Samtgemeindebürgermeister Peter Dörsam. Auch Peters bemängelte, dass der Landkreis Harburg erst im Oktober von den Alternativen erfahren habe. „Wir sind verärgert. Wir könnten jetzt schmollen, aber ich will lieber unsere Interessen vernünftig einbringen.“

Wie Strecker erläuterte, würden Trassen geplant anhand von sogenannten Raumwiderständen – Siedlungen, Industriebetriebe, Windräder, Flugplätze, Naturschutzgebiete – und Bündelungsoptionen, das heißt, die Leitung soll dort verlaufen, wo es schon Autobahnen, Bahn- oder Stromtrassen gibt. Unter diesen Kriterien schneidet „Mitte-West“ am besten ab, „das heißt aber nicht, dass es eine konfliktfreie Lösung ist“, sagt Strecker. Die endgültige Entscheidung trifft die Bundesnetzagentur aufgrund der Bundesfachplanung, ein länderübergreifendes Raumordnungsverfahren im Zuge der Energiewende. „Erst im Planfeststellungsverfahren wird der genaue Verlauf der Leitung festgelegt“, so Strecker.

Einige Zuhörer fragten nach der Möglichkeit, Erdkabel zu verlegen. Paula Walther erklärte hierzu: „Wir haben nur die Genehmigung für Freileitungen. Erdkabel sind nur dort vorgesehen, wo sie auf Siedlungen treffen.“ Erdkabel zu verlegen sei, abhängig von der Bodenbeschaffenheit, etwa um das Vier- bis Achtfache teurer als die Freilandleitung mit etwa 1,4 Millionen Euro je Kilometer. Die Stromleitung werde sich optisch nicht von einer herkömmlichen Leitung unterscheiden, die Masten seien mit im Schnitt 65 Metern etwas höher, die Isolatoren etwas größer.

Infos unter suedlink.tennet.eu, relevant sind die Alternativen 69, 73 und 115