Harburg
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Ein Apfel am Tag hält den Doktor fern

Abendblatt-Serie über den Apfel, unser liebstes Obst. Heute: Warum es so gesund ist Äpfel zu essen

Ehestorf/Harburg. Keine andere Frucht beschäftigt die Menschen so sehr wie der Apfel. Ein Apfel war es, der auf das geniale Haupt des Physikers Isaac Newton fiel und so den Impuls dafür gab, dass er ergründete, warum Bälle immer auf dem Boden landen und nicht im Himmel hängen bleiben. Der Apfel steht für gesunde Nahrung schlechthin, ist Sinnbild für die Ursünde, beliebtes Stillleben-Motiv, Liebesorakel und Symbol der Hoffnung. Grund genug für das Freilichtmuseum am Kiekeberg, dem Apfel eine eigene Ausstellung zu widmen. Für das Abendblatt erläutern Experten des Museums unterschiedliche Facetten der Frucht. Heute: Warum sich der Verzehr von Äpfeln lohnt.

Kaum eine andere Frucht findet so oft ihren Weg in die deutschen Mägen wie der Apfel. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch der beliebtesten Frucht liegt bei 25 Kilogramm. Zum Vergleich: Die Banane erzielt lediglich einen Pro-Kopf-Verbrauch von 10 Kilogramm. Warum ist der Apfel bloß so beliebt?

Viele Vitamine, hoher Nährwert und wenig Kalorien. Diese Kombination macht die Frucht unschlagbar. „Es ist eine unheimlich günstige Zusammensetzung an Inhaltsstoffen, die auf den Körper wirken“, sagt Karin Maring. „Ein Apfel deckt schon 20 Prozent des Tagesbedarfs an Vitamin C ab.“ Sie muss es wissen. Die 58-Jährige aus Harburg ist Ökotrophologin. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin des Freilichtmuseums am Kiekeberg stand sie auch bei der Konzeption der Ausstellung im Agrarium zur Lebensmittelproduktion, Ernährungswirtschaft und Landwirtschaft beratend zur Seite.

Zudem ist der Apfel reich an Kalium, der entscheidende Mineralstoff, um die Energiespeicher der Muskeln aufzubauen. „Ein Getränk aus einem Viertel Apfelsaft und Rest Wasser ersetzt ein isotonisches Sportgetränk“, sagt Karin Maring. Es steckt also viel Wahrheit im englische Sprichwort „One apple a day keeps the doctor away“ (Ein Apfel am Tag hält den Doktor fern). Unbekannt ist vielen die heilende Wirkung eines geriebenen Apfels bei Durchfall. Ein geriebener Apfel enthält Pektine, die im Darm aufquellen und dadurch die überschüssige Flüssigkeit aufsaugen.

Karin Maring weiß noch zahlreiche weitere Vorzüge des Apfels aufzuzählen, etwa den sekundäreren Pflanzeninhaltsstoff, der das Krebsrisiko mindert oder die gesunde Wirkung des Kauens, die den Speichelfluss anregt. Sie empfiehlt, den Apfel gründlich abzureiben, um Schadstoffe und Pestizidrückstände zu entfernen und dann den Apfel mit Schale zu essen. Denn besonders in der Schale stecken viele Nährstoffe.

Schon früh wurde der Apfel verzehrt. Bis ins Mittelalter belegen zahlreiche archäologische Quellen den Konsum der Frucht. Aus heutiger Sicht war der Apfel damals aber ungenießbar. Er hatte einen hohen Säuregehalt und nur wenig Fruchtfleisch. Die römische Gartenbaukunst brachte dann süßere Sorten nach Mitteleuropa. Die Römer verstanden es, den Apfel beispielsweise mit Propfen zu veredeln. In der Menge hielt sich der Konsum aber in Grenzen, da der Apfel bei der Lagerung und beim Transport schnell Schaden nahm.

Noch heute ist die Lagerung des Apfels eine schwierige Angelegenheit. Die Äpfel sollten möglichst in einem kühlen, frostfreien, dunklen Raum mit hoher Luftfeuchtigkeit gelagert werden. Doch die wenigsten Haushalte können solche Bedingungen bieten. Die logische Konsequenz: öfter kleinere Mengen kaufen, findet Karin Maring. Vor allem aber rät sie davon ab, Äpfel zusammen mit anderen Früchten zu lagern. Das Gas Methylen, das Äpfel ausströmen, beschleunigt zum Beispiel den Reifungsprozess von Bananen und lässt sie schnell matschig werden.

Es dauerte, bis die Haushalte den Apfel vielfältig verwendeten. Das Apfelmus kam zwar schon im späten Mittelalter auf. Allerdings hat es nichts mit der heutigen süßen Version zu tun. Damals vermengte man die Äpfel mit Wein, Salz und Eiern. Mit der Industrialisierung änderten sich die Ernährungsgewohnheiten und ermöglichten den Transport überschüssiger Waren mit Eisenbahn und Dampfschiffen. Der Obstanbau wurde stark vorangetrieben. Allein in Preußen verdoppelte sich die Anbaufläche von 113.126 Hektar im Jahr 1878 auf 254.595 Hektar nur 20 Jahre später.

Einen ordentlichen Konsumschub bekam der Apfel, als er zur beliebten Koch- und Backzutat wurde. Rezepte von Apfelkompott, -marmelade und -gelee fanden ihren Weg in die Kochbücher wie auch in Butterteig gebackene Äpfel, Eierkuchen mit Äpfeln, Apfelkuchen, Apfeltorten und Bratäpfel. All diese unterschiedlichen Zubereitungsmöglichkeiten waren nur möglich, weil der Apfel nun regelmäßig verfügbar war und immer weiter in verschiedene stabile Sorten veredelt wurde.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts war es aber immer noch verpönt, frisches Obst zu essen. Mehr noch: Es galt sogar als gesundheitsschädlich. Heute weiß man, dass das eine Mär ist. Das Gegenteil ist der Fall. Nichtsdestotrotz rät die Ökotrophologin Karin Maring davon ab, die Apfelkerne zu zerkauen, da sie eine geringe Menge Blausäure enthalten und Übelkeit hervorrufen können. Das Verschlucken von Apfelkernen ist hingegen unbedenklich. Die Kerne werden vom Organismus wieder ausgeschieden. Eine Regel, die Karin Maring noch aus der eigenen Kindheit kennt, hat sich überholt: Dass man nach Steinobst kein Wasser trinken sollte. Die Warnung habe vermutlich weniger mit dem Obst als mit der schlechten Trinkwasserqualität in früheren Zeiten zu tun, vermutet Karin Maring.

Wer den Apfel nicht stückweise essen will, trinkt ihn einfach. Nachdem der Industrie der Durchbruch zur Hitzesterilisierung von Obstsäften gelang, steigerte es noch einmal den Verbrauch. Heute trinkt jeder Deutsche im Jahr insgesamt fast 40 Liter Fruchtsaft und Fruchtnektar, davon zwölf Liter Apfelsaft. Damit ist er das beliebteste Fruchtsaftgetränk, entweder pur oder als Apfelschorle.

Die geübten Köche wissen: Bestimmte Apfelsorten eignen sich für eine bestimmte Zubereitung: Boskoop für Apfelkuchen, Cox Orange für Bratäpfel, Berlepsch für Apfelmus, Elstar und Jonagold als Tafelapfel. Mal abgesehen vom Vitamin- und Nährstoffgehalt besticht der Apfel also vor allem mit seiner Vielfalt. Karin Maring mag ihn besonders gerne als Mus oder Kompott. Er ist aber auch als Gelee, getrocknet oder als Obstsalat und zugleich in deftigen Speisen genießbar. Und das Beste: Es gibt ihn auch „to go“.