Harburg
Neugraben

Kirchturm als Heimat für Greifvögel

Naturschutz-Preis für Engagement der evangelischen Michaelisgemeinde in Neugraben. Webcam zeigt die Bruthöhle

Neugraben. Das Geläut scheint sie nicht zu stören: Ein Turmfalken-Weibchen hat mit seinem Partner Anfang April den Turm der Michaeliskirche in Neugraben bezogen. Es bebrütet dort gerade sechs Eier. Während das Weibchen auf den Eiern sitzt, versorgt das Männchen sie mit Nahrung. Frische Mäuse mag die junge Mutter am liebsten. Für den fantastischen Ausblick über Neugraben, der sich ihr bietet, hat das Turmfalken-Weibchen der Gemeinde derzeit eher keinen Sinn.

Vor zehn Jahren hatte der Kirchengemeinderat der Evangelisch-Lutherischen Michaeliskirche beschlossen, den historischen Turm der Backsteinkirche aus dem Jahr 1911 für Vögel zu öffnen, die darauf angewiesen sind, Nistplätze in luftiger Höhe zu finden. „Früher waren alle Kirchtürme in der Stadt besetzt. Wir haben derzeit in Hamburg noch etwa 160 Brutpaare, aber die Zahl der Turmfalken in Hamburg ist stark abnehmend, weil viele Gemeinden ihre Kirchtürme taubensicher machen. Damit aber nehmen sie auch Vögeln wie den Turmfalken, Dohlen oder Schleiereulen die Brutmöglichkeiten. Wir versuchen da, Aufklärungsarbeit zu leisten“, sagt Marco Sommerfeld, Referent für Vogelschutz beim NABU Hamburg.

Sicherlich, am Anfang habe es auch im Kirchengemeinderat der Neugrabener Michaelisgemeinde Bedenken gegeben, ob es richtig sei, den Turm für Vögel zu öffnen und sogar einen Brutkasten einzubauen, sagt Jens Marcus Wasserstraß vom Gemeinderat. Aber die seien aus dem Weg geräumt worden und hätten sich als nichtig herausgestellt. Weder stören die brütenden Vögel die Kirchgänger oder gar den Gottesdienst, noch fühlt sich das Federvieh im Turm vom Gebimmel gestört. Die Symbiose ist perfekt. Damals hatte sich die Gemeinde vom NABU beraten lassen, und schon nach einem Jahr war die extra angefertigte Brutkiste im Michaelisturm schon besetzt. Aus Wasserstraß ist inzwischen ein echter Kenner der Spezies Greifvogel geworden.

Das sechste Ei, erklärt der Kirchenmann, habe das Weibchen am 15. April gelegt. Am 14., beziehungsweise am 15. Mai, rechnet Wasserstraß, müssten die Turmfalken-Küken schlüpfen. Vor einigen Jahren musste der Hobby-Ornithologe den sonntäglichen Kirchgang der Gemeinde empfindlich stören. „Eines der Jungen hatte sich offensichtlich verflogen und war aus Versehen vor der Kirche gelandet. Ich musste den Vorplatz absperren, damit der junge Turmfalke in Ruhe Kraft sammeln konnte, um wieder ins Nest fliegen zu können“, sagt Wasserstraß.

Jetzt wurde die Michaelisgemeinde für ihr Engagement für die Turmbrüter mit der Plakette „Lebensraum Kirchturm“ vom NABU ausgezeichnet. „Langsam scheint unsere Aufklärungsarbeit Früchte zu tragen. Iimmer mehr Kirchen öffnen wieder ihre Türme. Mittlerweile sind schon mehr als 700 Kirchen in Deutschland für ihren Einsatz für den Artenschutz mit dieser Plakette ausgezeichnet worden“, sagt Sommerfeld. In Hamburg ist die Michaelisgemeinde erst die zweite Kirche, die vom NABU ausgezeichnet wird.

Die Neugrabener Gemeinde hat aber nicht nur ihren Kirchturm für Vögel geöffnet, sondern auch vor ihrer Kirche einen „Bienengarten“ angelegt, in dem Pflanzen wachsen, die Bienen und anderen Insekten als Nahrung dienen. Im Jahr 2007 startete der NABU zusammen mit dem „Beratungsausschuss für das deutsche Glockenwesen“ das Projekt „Lebensraum Kirchturm“. Vor zwei Jahren, sagt der Leiter der NABU-Gruppe Süd, Frederik Schawaller, habe die Thomasgemeinde den Kirchturm der Kirche in Altenwerder für Turmfalken geöffnet und als potenziellen Brutplatz hergerichtet.

„Aber hier, in der Michaeliskirche in Neugraben ist die einzige Webcam in Hamburg installiert“, so Schawaller. Unter der Internetadresse: www.nabu-hamburg.de/falkenwebcam lässt sich das Brutverhalten des Turmfalken Weibchen der Michaelisgemeinde ausgezeichnet beobachten. Besonders interessant dürfte der Blick durch die Webcam am Schlüpf-Datum sein.

Finanziert wurde die Webcam aus dem Topf für das Projekt „Aktiv für Neugrabens StadtNatur“. An diesem Projekt können sich Gartenbesitzer, Unternehmen oder auch Bezirke beteiligen. Mehr Infos dazu gibt es auf der NABU-Homepage unter www.nabu-hamburg.de/stadtnatur.