Harburg
Kommentar

Die Angelegenheit schadet

Es wäre so eine schöne Geschichte gewesen: Die 100-jährige, die auf der Liste steht und verstand.

Wilma Stöterau, die als Elder Stateswoman den jungen Bezirkspolitikern ihre Weisheit zukommen lässt und so nicht nur Respekt für sich, sondern für ihre ganze Generation einwirbt. Fragt man nach, bricht dieses Bild schnell in sich zusammen: Wilma Stöterau wird von ihrer Familie vor der Presse abgeschirmt und kann oder will offensichtlich nicht mehr für sich selber sprechen, geschweige denn für zehntausende von Wählern, die sie im Ernstfall zu vertreten hätte.

Die Kandidatur der Wilma Stöterau ist also offensichtlich eine Farce und man fragt sich, wer dafür verantwortlich ist. Wollte Frau Stöterau tatsächlich selbst kandidieren und niemand traute sich, es ihr auszureden? Immerhin kann man auf Platz zehn bei der FDP mit ziemlicher Sicherheit keinen Schaden anrichten. Oder wurde Wilma Stöterau einfach aufgestellt, um mit einer voluminösen Liste darüber hinwegzutäuschen, dass die Harburger FDP mit ihren kaum mehr als 100 Mitgliedern eher ein politisches Leichtgewicht ist? Oder setzte man darauf, dass der Sensationseffekt der Superseniorenkandidatur der Mini-Partei Aufmerksamkeit beschert und dass es wohl nicht auffliegen würde, dass die Kandidatin offenbar nicht in der Lage ist, souverän Politik zu gestalten? Hat also Immo von Eitzen für einen billigen Effekt quasi seine eigene Großmutter verkauft?

Fakt ist: Die Angelegenheit schadet. Sie schadet Wilma Stöterau, die ansonsten in Würde hätte altern und in Erinnerungen schwelgen können. Sie schadet der FDP, die so keinen seriösen Eindruck hinterlässt. Sie schadet allen anderen Kandidaten, die es eventuell im hohen Alter noch einmal wissen wollen. Und es schadet der Demokratie, wenn Parteien so arrogant sind, zu denken, sie könnten dem Wähler jeden Kandidaten vorsetzen – egal, wie fähig.