Harburg

Die Festkultur kehrt zurück

Mehr als 400 Gäste feiern in der ausverkauften Empore in Buchholz den ersten Opernball in der Geschichte der Stadt

In einem knöchellangen hellblauen Kleid, einen Pelzbolero über den Schultern, schreitet Susanne Gehrke über den lilafarbenen Teppich vor dem Veranstaltungszentrum Empore. Herren dagegen sind ja grundsätzlich bei Abendgesellschaften in ihren Möglichkeiten beschränkt, ihre Persönlichkeit modisch auszudrücken. Aber im Smoking mit Fliege macht ihr Ehemann Ortwin in der Buchholzer Fußgängerzone ebenfalls eine auffallend elegante Figur. Susanne und Ortwin Gehrke haben sich stilvoll gekleidet, um den ersten Opernball in der Geschichte der Stadt Buchholz zu feiern.

Mehr als 400 Menschen, viele davon Unternehmer aus Buchholz und Umgebung, haben am Sonnabend bis Sonntag 4.30 Uhr den von der Buchholzer Wirtschaftsrunde veranstalteten Opernball gefeiert. Die inszenierte Sehnsucht nach etwas feudalem Glanz ist offenbar ein Bedürfnis, das zuletzt zu kurz gekommen scheint. Susanne Gehrke erwartet, dass sich der Opernball in Buchholz dauerhaft etablieren wird. Ortwin Gehrke findet die Wiederbelebung der Festkultur wichtig, zu der sich die Menschen schön kleiden. Der Buchholzer hatte im Jahr 2006 sogar den Semperopernball in Dresden besucht, der zu den wichtigsten Bällen in Deutschland zählt. „Es war mir dort aber zu aufgesetzt“, sagt er.

In Buchholz sind Abendkleid und Smoking zwar der vorgeschriebene Dresscode. Und die Currywurst trägt Blattgold. Aber von dem Vorwurf einer übertrieben operettenartigen Inszenierung ist der Buchholzer Opernball so weit entfernt wie Richard „Mörtel“ Lugner beim Wiener Opernball von einem Tanz mit Kim Kardashian. Die gemietete Begleiterin beschränkte sich ja trotz Gage aufs Zuschauen. Buchholz verzichtet auf eingekaufte Prominenz. Nicht einmal geladene Gäste gibt es. Der Opernball ist der Star: „Bei uns ist jeder Gast ein Prominenter. Es ist ein Ball für die Bürger und kein Promi-Event“, sagt Empore-Geschäftsführer Onne Hennecke. Dazu passt, das die Idee für einen Opernball beim Grünkohlessen geboren worden sei, wie Gastgeber Wolfgang Schnitter, der Vorsitzende der Buchholzer Wirtschaftsrunde, erzählt.

Die Sitzplatzkarten waren bereits im Oktober ausverkauft

Der Anspruch einer gehobenen, aber liberalen Festkultur für alle drückt sich auch in den Preisen aus. Das Glas Champagner der Marke Pierre Moncuit kostet erschwingliche 9,50 Euro. Das Glas Veltins Bier gibt es für faire drei Euro. 75 Euro haben die Gäste für eine Sitzplatzkarte im Saal bezahlt. Diese Plätze waren bereits im Oktober ausverkauft. Die Wandelkarte für Gäste ohne Sitzplatz kostet in Buchholz 29 Euro. Zum Vergleich: Beim Semperopernball legen Flaniergäste 299 Euro auf den Tisch, Sitzplatztickets kosten bis zu 1800 Euro.

Wie beim traditionsreichen Opernball in Wien eröffnen Debütantenpaare den Opernball in Buchholz. Zwar tragen die Damen keine Krönchen im Haar und keine schneeweißen Roben. Aber einheitlich in bordeauxroten Maßkleidern gewandet, fällt ihre Ausnahmerolle jedem auf. Die Tradition des Opernballs entstand in Wien und geht bis in die Jahre 1814/15 zurück. Damals hießen die festlichen Tanzveranstaltungen Soirée und Opernredoute. Den ersten auch so genannten Opernball feierte Wien im Jahr 1935.

Viele Besucher hoffen, dass der Opernball in Buchholz eine ähnlich lange Tradition enwickelt. „Ich wünsche mir, dass er sich etabliert und zu einem gesellschaftlichen Ereignis werden kann“, sagt der Immobilienunternehmer Arndt Bömelburg. Angriffslustiger gibt sich der IT-Unternehmer Heico Hagemann: „Wir wollen Wien nicht Konkurrenz machen, aber ein bisschen in die Richtung“, sagt er gut gelaunt. Alle vier im „langen Schwarzen“ gekleidet, beobachten die Freundinnen Christine Gieler, Gaby Hagemann, Heide-Lore Rojahn und Ariane Wellens zu Beginn vom Rang aus, wie sich Buchholz im Dreivierteltakt dreht. „Man fühlt sich wie in einen alten Film mit Hans Moser versetzt“, sagt Ariane Wellens. Die Buchholzer seien noch etwas verhalten, aber sie würden es auf ihre norddeutsche Art genießen, analysiert sie das gesellschaftlichen Treiben.

Der Opernball ist das aufwendigste Ereignis in der Geschichte der Empore

Zu späteren Stunde muss Johann Strauß der modernen Popmusik weichen. Die Opernballgäste tanzen ausgelassen im Solostyle. Perfektion beim Tanz zeigt eine Formation des Tanzsportkreises im TSV Buchholz 08. In der Nordheidestadt wissen die Menschen, wie man sich im Rhythmus bewegt – hier ist Tanzen Bundesligasport. Mit dem Entertainmentprogramm zwischendurch schafft sich der Buchholzer Opernball seine eigene Identität.

Der Opernball ist die aufwendigste Veranstaltung in der 22 Jahre alten Geschichte des Veranstaltungszentrums Empore. Mitarbeiter haben das Haus in lilafarbenes Licht getaucht, was die Gäste anerkennend honorieren. Onne Hennecke weiß, was das für ein Kraftakt war: „Meine Techniker haben mich auf den Mond gewünscht.“