Eine Schule ohne Lehrer

Die Produktionsschule Harburg bereitet Jugendliche mit Problemen auf den handwerklichen Berufsalltag vor

Die Frage, die Gorch von Blomberg an seinem ersten Tag an der Produktionsschule Harburg gestellt wurde, klang absolut harmlos. „Sind Sie Lehrer?“, wollten die ihm anvertrauten Jugendlichen vom damaligen Mittvierziger wissen. „Hätte ich in dem Moment ‚ja‘ gesagt, hätte ich niemals ein Bein an den Boden bekommen und meinen neuen Job sofort wieder an den Nagel hängen können“, erinnert er sich an den kritischen Moment vor dreieinhalb Jahren.

Denn die Produktionsschule heißt zwar Schule und ist als Bindeglied zwischen Regelschule und Beruf ins Hamburger Bildungssystem eingebunden. Aber hier ist alles anders: Anstatt in Klassenzimmern wird in Kontor, Küche und Werkstätten für Holz, Elektro- und Metallarbeiten gelernt. Es gibt keine durch Pausengong geregelten Schulstunden im 45-Minuten-Takt, sondern Arbeitszeiten von 8 bis 15 Uhr. Keine Zensuren, sondern monatliche Verhaltens-Beurteilungen. Und keine Lehrer und Schüler, sondern „Bildungsbegleiter“ und „Teilnehmer“.

„Unsere Teilnehmer haben schwierige Schulerfahrungen, sind angeeckt oder wurden stets abgelehnt, sind oft nicht mehr hingegangen. Aber sie sind noch schulpflichtig“, erklärt Gorch von Blomberg. Wie seine fünf Kollegen ist er tatsächlich kein Lehrer. „Entscheidende Qualifikation für diese Arbeit ist kein akademischer Abschluss, sondern Empathie. Man muss ein Herz für Jugendliche haben“, sagt der Bootsbaumeister, der einst im Harburger Hafen ein eigenes Unternehmen betrieb. Nur einen Steinwurf von seiner alten Wirkungsstätte entfernt leitet er jetzt in der Holzwerkstatt und im Kontor 15- bis 18-Jährige an.

Beispielsweise Harjinder Singh, der im Sommer seinen Hauptschulabschluss an der Harburger Goethe-Schule geschafft hat. „Ich habe hier einen Einblick ins Handwerk bekommen und schon zwei Bewerbungen für eine Lehrstelle als Tischler geschrieben“, erklärt der Halb-Inder stolz. Seite an Seite mit dem Afrikaner Angelo Orlando schwingt er eifrig seinen Hammer. „Das ist ein gutes Team hier, auf der Gesamtschule war eher jeder für sich“, erzählt Harjinder, während er aus dem Holz ausrangierter Paletten grob gezimmerte Garten-Sitzmöbel fertigt.

Produktionsschulen funktionieren wie richtige Unternehmen. Mit dem Verkauf der selbst hergestellten Produkte wird ein Teil der Betriebskosten erwirtschaftet. Die sogenannten „Chiller-Sessel“ sind zurzeit neben Feuerkörben der Verkaufsschlager der Harburger Einrichtung, die sich unter dem Motto „World of Energy“ dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben hat. Damit die transparent-kalkweiß lasierten Outdoor-Möbel länger halten, schützen sie „Füße“ aus alten Autoreifen vor Nässe von unten.

In der Metallwerkstatt schneidet Sahin Özbek mit der Stichsäge abgefahrene Pneus von verrosteten Felgen. Der Junge mit kurdischen Wurzeln lebt in Wilhelmsburg. Auch die Elbinsel ist Standort einer der insgesamt sieben Hamburger Produktionsschulen. Dennoch hat sich Sahin für Harburg entschieden. „In Wilhelmsburg kennen mich zu viele“, lautet seine Begründung. So wie der 17-Jährige wünschen sich viele der Teilnehmer, noch einmal von vorn beginnen zu können, ohne auf Vorurteile zu stoßen.

„Wir haben keinen Einblick in die Schulakten und kennen die Vorgeschichten nicht. Wir begegnen jedem der Teilnehmer vorbehaltlos und offen. Diese Haltung überträgt sich auf die Jugendlichen. Mobbing ist kein Problem bei uns“, sagt Gorch von Blomberg. Vermittelt werden Werte wie Respekt, Toleranz, Freundlichkeit, Hilfs- und Leistungsbereitschaft und Sauberkeit. Es geht in der Produktionsschule um handwerkliche Basisqualifizierung. Um berufliche Orientierung. Und um Betriebs- und Ausbildungsreife.

Bildungsinhalte im engeren Sinne spielen eine eher untergeordnete Rolle. Dabei hat jeder Teilnehmer einmal wöchentlich sechs Stunden Unterricht bei Greetje Otzen. Zumindest theoretisch. Heute hätten zwölf Teilnehmer mit der Sozialpädagogin zusammen sitzen sollen. Tatsächlich ist die Hälfte anwesend. Ein Klassenzimmer zu betreten, bringen einige auch nach Monaten in der Produktionsschule nicht über sich.

„Die größte Herausforderung für mich sind die Schädigungen aus der vorangegangen Schulzeit und die extrem unterschiedliche Vorbildung. Mein Unterricht kann sich nicht an einen Lehrplan halten. Es geht vor allem darum, die Jugendlichen so weit zu kriegen, dass sie sich eine gewisse Zeit konzentrieren können“, erklärt die 31-Jährige. Dennoch: Von dem Dutzend der kürzlich zur Hauptschul-Abschlussprüfung angetretenen Kandidaten haben zehn bestanden.

„Wir sind relativ erfolgreich“, sagt Schulleiter Ulf Luth, Diplom-Biologe. „Von 50 Teilnehmern gehen zwar weniger als zehn in eine betriebliche Lehre, aber immerhin mehr als zehn in eine geförderte Ausbildung. Und es gibt niemanden, der uns so verlässt, wie er gekommen ist. Wir schaffen es, eine Veränderung hervorzubringen. In der Regel zum Guten.“