Harburg

Der Erzbischof als letzte Hoffnung

Elternrat der Katholischen Schule Neugraben wünscht sich finales Machtwort von Thissen zur Rettung der KSN

Harburg. Als der scheidende Hamburger Erzbischof Werner Thissen am vergangenen Sonnabend in der Domkirche St. Marien sechs neue Diakone weihte, sah er sich einmal mehr mit Protesten gegen die Schließung des Stadtteilschulzweigs der Katholischen Schule Neugraben (KSN) konfrontiert. Mehr als 50 Schüler und Elternvertreter hatten sich an der Danziger Straße im Stadtteil St. Georg versammelt, um mit Transparenten friedlich für den vollständigen Erhalt der KSN zu demonstrieren.

„Dass der Erzbischof die Prozession unterbrach, um zu uns zu kommen, war für mich ein ermutigendes Zeichen“, sagt Pablo Christian, Mitglied des Elternrats der KSN. Thissen habe sehr nachdenklich gewirkt, als ihm die Wunschzettel der Neugrabener Schüler übergeben wurden. „Das hat mir Hoffnung gegeben, dass unsere Bemühungen um die Rettung des katholischen Schulstandorts vielleicht doch nicht vergebens sind“, so Christian.

Mitte Mai dieses Jahres hatte der Katholische Schulverband im Rahmen seiner großen Schuloffensive die Aufgabe des Stadtteilschulzweigs verkündet. Aus „baulichen und ökonomischen Gründen“ sei die Entscheidung alternativlos, hatte Verwaltungsdirektor Volker Reitstätter die schrittweise Abwicklung des Stadtteilschulzweigs bis 2019 begründet. Internen Berechnungen zufolge würde die Ertüchtigung der Schulbauten Investitionskosten von 15 bis 20 Millionen Euro erfordern. Das könne sich der Verband mit Blick auf das Gesamtsystem seiner 21 katholischen Schulen aber nicht leisten.

Seitdem brodelt es nicht nur in der KSN an der Cuxhavener Straße 379. Auch Vertreter der Gemeinde Heilig Kreuz und der Lokalpolitik sparten nicht mit Kritik an dem Beschluss des Erzbistums. So erinnerte Christoph de Vries, Familienpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, daran, dass die KSN mit mehr als 700 Schülern viertgrößter katholischer Schulstandort sei und damit auch eine wichtige Funktion im Stadtteil mit seinen sozialen Brennpunkten habe. „Ich hoffe, dass der Protest, der sich in Neugraben formiert, noch zu einem Umdenken führt“, hatte de Vries dem Abendblatt Ende Mai gesagt.

Diese Hoffnungen haben sich bislang nicht erfüllt. Im Gegenteil. Mit den sinkenden Temperaturen draußen ist auch das Klima bei den vielen Gesprächen zum Thema frostig geworden. Dass die Proteste unvermindert anhalten, macht die Doppelspitze im katholischen Schulverband, Volker Reitstätter und Schuldzernent Erhard Porten, offenbar zunehmend dünnhäutiger. Anders ist kaum zu erklären, dass die Sitzungen der Arbeitsgruppen zur „Projektsteuerung Neugraben“, in denen Schulverband, Lehrer der KSN und Elternvertreter die konkrete Umsetzung des Schulentwicklungsplanes beraten haben, bis auf Weiteres ausgesetzt sind.

Mehr noch hat der Schulverband jüngst in mehreren Schreiben unverhohlen Druck auf all jene ausgeübt, die sich mit dem Schicksal der KSN nicht abfinden wollen. Im Vorfeld der Protestaktion am St.-Marien-Dom erreichte alle Lehrkräfte der KSN ein Brief, in dem Matthias Nordbeck, Leiter der Abteilung Schule, nachdrücklich an die „Loyalitätspflicht“, einschlägig bekannte Gesetze und Vorschriften sowie das geltende Kirchenrecht erinnerte.

Die Botschaft ist angekommen: Kein einziger Lehrer hatte sich am Sonnabend blicken lassen. „Haben sich etliche Lehrkräfte nach Bekanntwerden der Aufgabe des Stadtteilschulzweigs noch kritisch geäußert, so hört man heute von Einzelnen allenfalls noch unter vier Ohren ein Wort zum Thema“, sagt Pablo Christian. Das Klima der Angst habe auch die Kollegialität innerhalb der Lehrerschaft zerstört: „Viele sind eingeschüchtert, es grassiert bleiernes Schweigen.“ Das ist kaum verwunderlich: Da es bereits im kommenden Schuljahr keine fünften Klassen mehr geben wird, werden einige Lehrer die KSN bereits im Sommer verlassen müssen.

Derweil beschränkt sich die Einflussnahme nicht nur aufs Lehrerkollegium. In einem dem Abendblatt vorliegenden Schreiben an die Mitglieder der „Projektgruppe Neugraben“ vom 12.November forderten Reitstätter und Porten den „freiwilligen“ Rückzug aller Eltern, „die die Entscheidung des Schulentwicklungsplanes nicht mittragen können“. Willkommen sei hingegen, wer den Prozess zukunftsorientiert mitgestalten wolle.

„Das ist ungeheuerlich, wir lassen uns den Mund aber nicht verbieten“, gab sich Pablo Christian kämpferisch: „Kirche lebt doch davon, dass sie Hoffnung gibt. Und nicht dadurch, dass sie Angst verbreitet.“ Ein ermutigendes Zeichen des guten Willens wäre es, würde das Erzbistum auf das vorgeschlagene Moratorium eingehen, und die Entscheidungen hinsichtlich der KSN wenigstens ein Jahr auf Eis legen, um den zweifelhaften Investitionsbedarf noch einmal neu zu berechnen. „Das wäre ein wichtiger Teilerfolg für uns und ein Zeichen wahren Gottvertrauens", so Pablo Christian. Das sieht der neue Generalvikar Ansgar Thim offenbar anders. „Glaube allein reicht nicht, die Finanzen müssen auch stimmen“, ließ er die KSN-Eltern wissen.