Wilhelmsburg

Das Geschäft mit der blanken Not

In vielen Wohnungen am Ernst-August-Deich leben schwer vermittelbare Mieter. Unternehmen verdienen gut an ihnen

Wilhelmsburg . „Soziale Verantwortung übernehmen? Hamburg hilft!“ – so wirbt die Hamburgische Investitions- und Förderbank (IFB) bei Eigentümern für ihr Förderprogramm zum „Ankauf von Belegungsbindungen im Wohnungsbestand“. Mithilfe von „Sanierungszuschüssen“ bis 25.000 Euro sollen so die Chancen für „Zielgruppen mit besonderen Schwierigkeiten am Wohnungsmarkt“ – Leistungsempfänger, psychisch Erkrankte, Menschen mit Behinderungen – verbessert werden. Manche Vermieter kassieren zwar beträchtliche Summen, kommen ihren Verpflichtungen aber – wenn überhaupt – nur zögerlich nach, wie das Beispiel Ernst-August-Deich15 zeigt. Überprüfungen finden nicht statt.

Wenn bei der nächsten Sturmflut die Deiche brechen, ist das tief gelegene Areal zwischen Reiherstieg-Holzhafen und Klütjenfelder Hafen wohl kaum zu retten. Mitten auf dem unwirtlichen Niemandsland am Hafenrand heißt es in vielen Kellerräumen am Ernst-August-Deich schon heute: „Land unter“. Im Haus mit der Nummer 15 steht nicht nur die Pumpe für das einsickernde Grundwasser still – schimmlige Matratzen modern vor sich hin, stechender Urin-Geruch wabert durch die Luft. Haus- und Kellertüren sind seit Monaten nicht verschließbar, das Treppenhaus ist verdreckt, Einbruchspuren sind an verrammelten Wohnungstüren zu erkennen. Briefkästen sind zertrümmert. Und: Klingelschilder ohne Namen. Die Trostlosigkeit hat einen Ort.

In diesem Haus wohnt Manfred L. seit dem 1. Juli. Normalerweise zieht niemand freiwillig in die Häuserzeile, doch der 49-Jährige stellt nach seinem persönlichen Sprung über die Elbe klar: „Ich bin froh, überhaupt eine Wohnung gefunden zu haben.“ Für den Hartz-IV-Empfänger ist der Umzug ein Aufstieg – vorher lebte er im Männerwohnheim. Als erstes hat L. im neuen Domizil auf eigene Kosten einen neuen Briefkasten angeschraubt. Doch einen Brief hat er bis heute nicht bekommen. Die Post weigert sich mit dem Vermerk „Vorübergehend keine Zustellmöglichkeit“, Sendungen an das marode Haus Nummer15 auszuliefern. Seit zwei Jahren sei das so, sagen die Mieter – ein Stück Dritte Welt mitten in Hamburg.

Das Ausbleiben der Post ist bei weitem nicht das einzige Manko, das L. beklagt. Die Gasheizung funktionierte beim Einzug nicht. Zwei Holzfenster sind außen vergammelt, zerstört von den Wurzeln eines Bäumchens, das L. kurz nach seinem Einzug eigenhändig entfernt hat: „Ich dachte, mein Vermieter Paul&Rottgardt sei ein seriöser Anbieter, weil die Heilsarmee viele Wohnungssuchende hierher geschickt hat“, sagt L. In den ersten kühlen September-Nächten hat er gefroren. Die Heizungsmonteure kamen erst, nachdem er den Mieterverein eingeschaltet hatte. 387 Euro warm für eine kalte Wohnung – ein stolzer Preis. Die Kaltmiete für die 36 Quadratmeter große Wohnung beträgt 327 Euro. „Eine Wuchermiete in Anbetracht der Lage und des miserablen Zustands des Hauses“, sagt Dr. Rolf Bosse vom Mieterverein zu Hamburg: „Auf einem engen Wohnungsmarkt wie in Hamburg war es nur eine Frage der Zeit, bis Immobilienspekulanten auf die Idee kommen, die Stadt und die Mieter auf dreiste Art abzuzocken.“

Obwohl der Mieterverein dem Vermieter eine Frist bis zum 4. September gesetzt hatte, ist die Mängelliste nicht abgearbeitet: Die maroden Fenster in Küche und Schlafzimmer wurden nicht ausgetauscht, die Schließbleche der Wohnungstür nicht erneuert, der Keller nicht nutzbar gemacht. Trotzdem kassierte die in Hummelsbüttel ansässige GbR immer die volle Miete von der ARGE – und noch mehr: 7500 Euro sind bereits im Rahmen von „Programm A“ aus dem Säckel der IFB für den Ankauf der Belegungsbindung durch die Stadt auf das Konto des Unternehmens geflossen, weil es eine „Wohnung für integrationsbedürftige Mieter“ zur Verfügung gestellt hat. Wenn Manfred L. ein Jahr durchhält, wird noch einmal der gleiche Betrag fällig.

Und was sagt der Vermieter dazu? Zuerst wenig, dann gar nichts mehr. Im Vorgespräch klagen der Firmenchef und seine Mitarbeiterin über die Schwierigkeiten, Handwerker zu beauftragen, beide brüsten sich mit ihrer „sozialen Ader“ – am Ende des Telefonats wollen beide nicht zitiert werden. „Das Argument des Vermieters, er handle bei der Wohnungsvergabe aus sozialer Verantwortung, ist eine Frechheit“, wettert dagegen Dr. Bosse vom Mieterverein, „er macht auf Samariter und stopft sich die Taschen voll.“ Nach Abendblatt-Informationen gehören dem Unternehmen deutlich mehr als ein Dutzend Wohnungen in dem Ensemble am Ernst-August-Deich. Wohnungen in dem Haus wurden vor zwei Jahren mit rund 30.000 Euro annonciert. Das Geschäft mit der „schwierigen Klientel“ scheint sich zu lohnen. Das bestätigt auch Maren Siewert, Betreuungsleiterin der Heilsarmee im Jakob-Junker-Haus: „Es gibt in diesem Bereich einige weniger seriöse Vermieter, die das Geld kassieren und nur wenig in den Wohnungen machen – der Vermieter von Herrn L. gehört leider dazu.“ Das Unternehmen agiere eher aus finanzieller Berechnung und vertröste die Mieter oft, wenn die Beseitigung von Mängeln anstehe.

Das Problem: Eine Überprüfung der verwendeten Fördergelder findet nicht statt, nur der Standard der Wohnung muss stimmen. Die IFB zahlt, kontrolliert aber nicht. Das sei eigentlich die Aufgabe der Bezirke, sagt IFB-Sprecher Torsten Fragel: „Unser Job ist es, Vermieter zu beraten und die Fördergelder auszuzahlen.“ Norman Cordes, Sprecher des Bezirksamts Mitte, bestätigt die Zuständigkeit des Bezirks und des Wohnungsamts, konstatiert aber: „Wir haben zu wenig Personal. Es gibt keinen TÜV, der überwacht, ob die Fördergelder in die Gebäudestruktur investiert werden.“ Es existiere eine „Überwachungslücke“, sagt Cordes, der „politischen Handlungsbedarf“ sieht. Maren Siewert von der Heilsarmee erläutert: „Der Mieter unterschreibt dem Vermieter, dass er ein Jahr dort wohnt.“ Das Papier werde dem Amt vorgelegt, dann fließe die nächste Tranche.