"Zum 100-Jährigen"

Das Aus nach 199 Jahren für Landgasthaus in Hittfeld

Nun ist Schluss mit Bratkartoffeln: Familie Steinwehe schließt ihr Landgasthaus "Zum 100-Jährigen" in Hittfeld am Sonntag.

Hittfeld. In einem Jahr hätten Georg Steinwehe und seine Frau Petra gern einen ganz besonderen runden Geburtstag gefeiert. Im Mai wäre die Landgaststätte "Zum 100-Jährigen" in der Harburger Straße 2 in Hittfeld nämlich 200 Jahre alt geworden. Doch das Ehepaar, das das Traditionslokal seit 40 Jahren und in sechster Generation betreibt, gibt auf. Ohne geeigneten Nachfolger schließt das Haus am Sonntag, 12. Mai, um 22.30 Uhr, endgültig seine Türen. Damit geht eine langjährige Familientradition und auch ein Stück Hittfelder Geschichte zu Ende.

Viele Stammgäste besuchen regelmäßig die Traditionsgaststätte

Der "100-Jährige" gehört zu den ältesten Landgasthäusern Niedersachsens. Es hat Tradition. Und es gibt dem Hittfelder Ortskern mit dem historischen Häuserensemble eine besondere Note. Viele Stammgäste, zu denen auch Dieter Bohlen gehörte, schauten regelmäßig vorbei, um zu klönen, etwas von Georg Steinwehes hausgemachter Wurst zu essen oder sich eine Portion Bratkartoffeln servieren zu lassen, die weit über die Ortsgrenzen hinaus als Spezialität des Hauses bekannt sind.

Ein Blick zurück: Gegründet wird die Hofstelle Nr. 12 an der Harburger Straße zwischen 1412 und 1497. "Als noch die Frachtwagen von Harburg aus durch die Lüneburger Heide rumpelten und der Königlich-Hannoversche Postillon mit "Trara" sein Kommen ankündigte, stand schon das Gasthaus an der alten Handelsstraße und hieß seine Gäste willkommen", heißt es dazu auf der Georg Steinwehes Homepage.

Das gastronomische Juwel befindet sich seit 1814 in der Hand seiner Familie. Damals kaufte Johann Hermann Heinrich Steinwehe die Hofstelle. Zwei Jahre später nimmt er die Brennerei wieder in Betrieb, stellt den Hittfelder Korn her, der 1892 auf der Gewerbe- und Industrieausstellung in Harburg als preisgekrönter Korn den Namen "Der Hundertjährige" erhielt und der Gaststätte schließlich ihren Namen gab.

Johann Christoph Georg Steinwehe tritt 1910 das väterliche Erbe an. 1949 verstirbt er an Lungenkrebs. Es folgt sein Sohn Georg Steinwehe IV. Ihm verdankt das Gasthaus "Zum 100-Jährigen" seine Raritäten und Antiquitäten, die noch immer das Innere schmücken. Er baut 1967 den Kuhstall zu dem heutigen hinteren Gastraum aus. Georg Steinwehe IV. stirbt 1990. Im Jahr 1987 übernimmt sein Sohn Georg Steinwehe V. offiziell das Gasthaus, das er schon vorher mit seiner Frau bewirtschaftete. Mit viel Liebe renoviert er das unter Denkmalschutz stehende Gasthaus, um es in seiner ursprünglichen Art zu erhalten. 1998 baut er die Küche komplett neu und kann so als gelernter Koch die Speisekarte erweitern. Mit der Gaststätte und der Brennerei ist heute der eigene Landwirtschaftsbetrieb der Familie Steinwehe verbunden. Aus eigener Schlachtung bieten sie ihren Gästen stets etwas Besonderes an.

"Wir haben viel Herzblut, Arbeit und Kosten in das Haus gesteckt. Aber jetzt sind wir mit unseren Kräften am Ende", sagt Petra Steinwehe. Wirtschaftlich sei es den Geschäftsleuten zwar immer gut gegangen. Das Haus habe zwei Weltkriege relativ unbeschadet überstanden, wurde von Georg Steinwehe und seiner Frau saniert. "Aber die Rahmenbedingungen haben es uns nicht einfach gemacht, unseren Betrieb über die Jahre aufrecht zu erhalten", sagt sie und meint damit unter anderem die vielen Auflagen, die der Denkmalschutz vorgibt. Neue Fenster oder andere Modernisierungsmaßnahmen müssen genehmigt, Fördergelder lange vorher beantragt werden. Problematisch waren aber auch die Parkverbotsschilder vor dem Haus, die zu den Öffnungszeiten des Gasthauses griffen. Auch Personal zu finden, das bereit sei, am

Rahmenbedingungen erschwerten der Familie den Betrieb des Gasthauses

Wochenende und an Feiertagen zu arbeiten, sei zusehends schwieriger geworden, sagt Steinwehe. Eine schwere Erkrankung ihres Mannes habe schließlich die Entscheidung vorangetrieben, das Gasthaus endgültig zu schließen. "Das ist uns alles andere als leicht gefallen und wir sind alle sehr traurig darüber. Es ist, als würden wir uns damit selbst das das Herz herausreißen", sagt die passionierte Gastronomin. "Aber momentan ist das für uns der einzige Weg."

Die gemeinsamen Töchter wohnen zwar noch vor Ort, wollen den Familienbetrieb aber nicht fortführen. "Sie haben unsere Kämpfe auch gesehen. Ich kann ihre Entscheidung verstehen", sagt die Gastronomin. Andere geeignete Nachfolger gibt es nicht. "So sterben die alten Traditionshäuser leider langsam aus."