Winsen

Schule: "Sitzenbleiben bringt es nicht"

Pädagogen und Politiker im Landkreis Harburg begrüßen größtenteils die Pläne der neuen Landesregierung - wenn die Förderung ausgebaut wird.

Hittfeld/Buchholz/Winsen . Nach Hamburg überlegt nun auch Niedersachsen, das Sitzenbleiben in der Schule abzuschaffen. Die neue Landesregierung von SPD und Grünen hat in ihrem Koalitionsvertrag als Ziel festgeschrieben, "Sitzenbleiben und Abschulung durch individuelle Förderung überflüssig zu machen". Das Hamburger Abendblatt hat bei Schulleitern, dem Kreiselternrat und Schulpolitikern im Landkreis Harburg nachgefragt: Wie ist Ihre persönliche Haltung zum Thema Sitzenbleiben?

Am Gymnasium Hittfeld liegt die Sitzenbleiberquote unter drei Prozent. "Es wird bei uns weniger wiederholt, sondern eher die Schule gewechselt", sagt Schulleiter Stefan Weinreich. Die Schulwechselquote liegt unter fünf Prozent. "Ich selbst bin nicht generell für und nicht generell gegen das Sitzenbleiben", sagt er. Seine Schule fördert lernschwächere Schüler der Klassen 5 bis 9 mit dem Programm "Lernen plus". Dabei gehen Schüler sechs bis acht Wochen in Förderstunden, die von Lehrern der Schule unterrichtet werden. "Man muss immer vom Kind her gucken", sagt Stefan Weinreich. "Für manche Kinder ist das Wiederholen eines Schuljahres sinnvoll, für manche in ihrer Gruppe stark verwurzelte Kinder ist es nicht sinnvoll. Die Möglichkeit des freiwilligen Wiederholens muss bestehen bleiben."

Heiderose Wilken, Leiterin der Realschule Vierkaten in Neu Wulmstorf, findet es "im Prinzip gut", wenn das Sitzenbleiben abgeschafft wird. Wichtig sei dann aber, dass ein Unterstützungssystem mit hinreichend Förderstunden für leistungsschwächere Schüler eingeführt werde - "sonst scheitert die ganze Reform". Sie gibt aber zu bedenken, dass man nachdenken müsse, was man mit Schülern mache, die leistungsmäßig mit einer Schulform nicht klar kommen. "Wir müssten überlegen, ob man Kinder nicht länger gemeinsam beschult."

Wenn ein Kind etwa in zwei Fächern wie Chemie und Physik Probleme habe, sei es besser, das Kind zu unterstützen und Defizite aufzuarbeiten, sagt die Schulleiterin der Oberschule Hanstedt, Susanne Graßhoff. "Wenn ein Kind aber sechs Fünfen hat, muss man mit den Eltern absprechen, ob eine Wiederholung nicht sinnvoller ist."

Auch Mitglieder des Schulausschusses des Landkreises Harburg machen sich Gedanken zum Thema Sitzenbleiben. Die Ausschussvorsitzende Martina Oertzen (CDU) spricht sich für "gezielte Förderung aus" Sie gibt aber zu Bedenken: "Ein Kind braucht Erfolgserlebnisse für sein Selbstwertgefühl. Es kann daher durchaus sinnvoll sein, eine Klasse zu wiederholen, wenn eine individuelle Förderung nicht zielführend war."

Udo Heitmann (SPD) sagt: "Die pädagogische Keule des Sitzenbleibens mag bei dem einen oder anderen Schüler greifen, aber allgemein bringt sie nichts." Volkmar Block von den Grünen hingegen ist prinzipiell gegen das Sitzenbleiben: "Das ist eine pädagogische Maßnahme aus einer anderen Zeit. Wenn ein Schüler sitzen bleibt, ist das eine persönliche Niederlage. Das wirkt sich negativ auf die Persönlichkeitsstruktur aus."

Für Judith von Witzleben-Sadowsky, Vorsitzende des Kreiselternrats im Landkreis Harburg, ist das ebenfalls der Grund, warum sie persönlich die Pläne der neuen Landesregierung begrüßt. Die betroffenen Schüler seien in der Klasse als Sitzenbleiber stigmatisiert und litten darunter, sagt sie. "Sie leben dann mit der Angst, erneut sitzen zu bleiben." Sie ist davon überzeugt, dass Schüler den Unterrichtsstoff nicht zwingend besser verstehen, nur weil sie eine Klasse wiederholen. Viel wichtiger sei es, auf spezielle Förderung und Nachhilfe zu setzen - wofür es wiederum genügend Ressourcen geben müsse.

Erfahrungen mit dem Verzicht aufs Sitzenbleiben kann Anke Stenzel, Leiterin der Heideschule in Buchholz, vorweisen. An ihrer Schule ist es wie bei allen anderen Grundschulen in Niedersachsen nur nach Klasse zwei und drei möglich, nicht versetzt zu werden. Lediglich auf besonderen Antrag der Eltern können Schüler auch die anderen Klassen wiederholen. Hinzu kommt, dass einige erste und zweite sowie dritte und vierte Klassen an der Heideschule jahrgangsübergreifend unterrichtet werden. "Die Schüler merken es dann meistens gar nicht, wenn sie nicht in die nächsthöhere Klasse wechseln, weil sie ja im selben Klassenverband bleiben." Diese Erfahrung wirke sich positiv aus.

Für Kerstin Albers-Bullerjahn, didaktische Leiterin der Integrierten Gesamtschule (IGS) Buchholz, ist der Wegfall des Sitzenbleibens ebenfalls schon lange Alltag. "An einer IGS, an der Schüler mit unterschiedlichen Leistungsniveaus in einer Klasse unterrichtet werden, geht es darum, dass jeder sein Bestes gibt", sagt sie. Anstatt Schüler mit dem Sitzenbleiben zu sanktionieren, wollen die Lehrer an der IGS sie zur Leistung anspornen und auf ihre unterschiedlichen Lernwege eingehen. Das Argument der Gegner des Sitzenbleiben-Abschaffens, auch an der Universität oder in der Ausbildung könne man durch Prüfungen fallen, entkräftet sie damit, dass man den Umgang mit Schwierigkeiten im Leben nicht prophylaktisch trainieren könne, damit es später besser klappe.

Sollte der Wegfall des Sitzenbleibens in Niedersachsen tatsächlich flächendeckend eingeführt werden, wäre das ein Novum in Deutschland. Einige Länder haben das Sitzenbleiben lediglich für einen Teil der Schüler abgeschafft: In Hamburg für die Klassen 1 bis 9, in Berlin für Sekundarschulen.