Jesteburg

Im Wunderland der Cremes und Pasten

Fachdrogerien wie die von Hauke Gilbert in Jesteburg und Claus Quast in Neuenfelde sind bedroht, obwohl sie sehr kundennah sind.

Jesteburg/Neuenfelde. In alten Zeiten, als Kräutertee und Schuhputzcreme noch nicht als Massenware im Supermarkt standen, sondern handverlesen über die Ladentheke gingen, waren die Drogisten im Ort die erste Anlaufstelle für Haushaltsfragen. Sie wussten, mit welchem Reiniger sich der Kaffeefleck aus Omas Damast-Tischtuch entfernen lässt und welches Zaubermittelchen die Haut so schön zum Strahlen bringt. Ihre Drogerie war die Kontaktbörse der Hausfrauen, die Heimat des Nützlichen und eine Arztpraxis im Kleinen.

Auch Hauke Gilbert aus Jesteburg steht in dieser besonderen Tradition. Seine Jesteburger Drogerie ist eine der wenigen Fachgeschäfte in Deutschland, die die Flut von Drogeriemarktketten wie Rossmann, dm oder Budnikowsky seit den 1980er-Jahren überlebt hat, und das liegt seiner Meinung nach an zwei Dingen: Spezialisierung und Beratung. "Die Drogerien, die jetzt noch existieren, werden sich halten, denn wir haben etwas Besonderes", ist er sich sicher. Gleichwohl ist ihm bewusst, dass heute sicherlich kein junger Drogist auf die Idee kommen würde, einen neuen Laden zu eröffnen.

Die Fachdrogerie ist ein Auslaufmodell. Von bundesweit 3380 Geschäften im Jahr 2006 ist ihre Zahl laut Verband Deutscher Drogisten auf nunmehr 2010 im Jahr 2011 gesunken. Aktuelle Zahlen für 2012 liegen noch nicht vor. Nach Angaben der jeweiligen Landesverbände gibt es in Hamburg nur noch "eine Handvoll" Fachdrogerien, wie Geschäftsführer Winfried Adler sagt. "1999 hatten wir noch 27 aktive Mitglieder." In Niedersachsen seien es 30 bis 50, sagt Vorsitzender Klaus Marholdt. Genauere Zahlen kann er nicht nennen, weil zum einen nicht alle Drogisten Mitglieder im Verband sind und zum anderen nicht klar definiert ist, welche Handelsform ganz genau dazu zählt.

In Hauke Gilberts schmuckem Fachwerkhaus aus dem Jahre 1756 findet der Kunde von Zahnpasta über Kerzen und WC-Reiniger bis hin zum Farbeimer alles, was man für den Alltag braucht. Ohne die Spezialisierung auf Fotografie und Parfums, räumt er ein, wäre seine Drogerie über die Jahre aber vielleicht ins Schlingern geraten. Die Konkurrenz lauert nämlich nicht nur in den großen Drogerieketten, sondern auch in Bau- und Supermärkten. Wer wie die Großen bundesweit agiert, kann seine Produkte zu völlig anderen Preisen am Markt einkaufen als der kleine Einzelhändler.

Um ihnen zu trotzen, ist Kundenberatung und Qualität für ausgebildete Drogisten oberstes Prinzip. Obwohl beispielsweise eine Schlecker-Filiale nur wenige hundert Meter von seinem Geschäft entfernt lag, hat sich Hauke Gilbert nie Sorgen gemacht. Ihm war klar, dass Schlecker anders als er eine Klientel ansprach, für die der günstigste Preis am wichtigsten war. Den Niedergang des Unternehmens hat er zwar nicht mit Freude, aber doch mit Genugtuung verfolgt. "Wir haben uns immer gefragt, wie eine Drogerie, die nur auf billig setzt, existieren kann", sagt er. Nun wisse er, dass das Modell eben doch nicht funktioniere.

Acht Mitarbeiter, davon zwei in Teilzeit, beschäftigt der 39-Jährige in seinem Geschäft. Vater Gerd, 72 Jahre alt, gelernter Drogist, so wie bereits sein Vater, kümmert sich noch um die Buchhaltung. Familientradition ist in diesem Beruf durchaus häufig. 25 Jahre ist die Jesteburger Drogerie in Gilbertscher Hand, davor betrieb sie eine andere Familie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ob Hauke Gilberts achtjährige Tochter den Betrieb übernehmen wird, steht in den Sternen. "Sie spielt gerne zwischen den Regalen, so viel kann man schon mal sagen", witzelt er.

Auffällig ist, dass der Niedergang der Fachdrogerien in einem ungewöhnlichen Widerspruch zu den Ausbildungszahlen steht. Die steigen seit dem Jahr 2001 kontinuierlich an. Dümpelten sie deutschlandweit im Jahr 1999 etwa bei 174 Azubis, gab es laut Verband Deutscher Drogisten im vergangenen Jahr 1192 angehende Drogisten zu verzeichnen. Als Grund dafür nennt Hauke Gilbert das Umdenken bei den großen Märkten. Budni und dm zum Beispiel würden seit einiger Zeit wieder stark auf ausgebildete Fachkräfte setzen. Es kann ja nicht schaden, wenn die Verkäufer im Markt auch wissen, welche Inhaltsstoffe die Pflanzenschutzmittel haben, die sie verkaufen.

Claus Quast weiß das aus dem Effeff. Der Inhaber der Drogerie in Neuenfelde ist Drogist mit Leib und Seele und sein 500 Quadratmeter großes Geschäft wie ein buntes Wunderland aus Weinkorken, Plastikbeuteln für geschlachtete Gänse und Flohsamen für eine bessere Verdauung. Der 56-Jährige könnte blind durch die verwinkelten Räume gehen, er wüsste sofort, welche Tube wo zu finden ist.

Anders als bei den Gilberts in Jesteburg hat er sich nicht auf einen Bereich spezialisiert, aber so wie bei ihnen ist auch die Quastsche Drogerie Familiensache. Vater Klaus Quast, 85, zog 1954 von Blankenese in die alte Meerrettichscheune am Arp-Schnitger-Stieg. In Blankenese gab es damals sieben Drogerien, aber in Neuenfelde keine einzige, in diese Lücke stieß er hinein. Für die Menschen im Ort sind die Quasts seitdem Nahversorger für alle Lebenslagen, und sie haben über die Jahre ihr Sortiment sogar erweitert. "Früher gab es hier etwa 15 Geschäfte", sagt Claus Quast. Als nach und nach immer mehr Händler aufgaben, fragten die Leute bei ihm auf einmal auch nach Kaffeemaschinen - und als guter Geschäftsmann musste er da natürlich reagieren.

Heute ist der Vater von vier Kindern gelassen genug, um zu ertragen, dass keines von ihnen eine Drogistenausbildung absolviert hat und somit vorerst kein Nachfolger in Sicht ist. Aber wer weiß schon, was in zehn Jahren sein wird? "Das größte Problem ist die Warenbeschaffung", sagt Claus Quast. Es gibt eben immer weniger Fachdrogerien, mit denen er sich Bestellungen teilen kann, denn kaum ein Händler liefert noch kleinere Mengen.

Und dann ist da noch eine Sache, mit der Drogisten wohl ewig leben müssen. "Beim Namen Drogist denken ja vor allem junge Leute zuerst, wir wären entweder Drogendealer oder Junkies", sagt Hauke Gilbert und grinst. Um Irritationen zu vermeiden, hat er deshalb vor zehn Jahren den "Handel mit Drogen" aus seinem Briefkopf gestrichen.