Wilhelmsburg

Suche nach Freiraum auf der Elbinsel

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Stefanie Maeck

Das MS-Dockville-Kunstcamp vor dem Musikfestival reflektiert schon mal den Festivalraum auf der Elbinsel Wilhelmsburg.

Gesucht: Kreative aus aller Welt, die mit anderen Kreativen zusammen arbeiten und wohnen wollen, die frische Luft, Wind und Wetter mögen und die Hamburg-Wilhelmsburg von Israel oder Großbritannien aus mit dem Finger auf der Landkarte finden können. Gefunden: Das MS-Dockville Kunstcamp, das nun bereits zum fünften Mal vor dem eigentlichen Popmusikfestival im August über die Bühne geht. Hatte im ersten Jahr Daniel Richter die Leitung des Kunstcamps inne und war alles vergleichsweise klein, so sind seit Juli Künstler aus England, Österreich oder Israel in Wilhelmsburg, um beim Kunstcamp miteinander zu leben und zu arbeiten.

Gaston Zahr aus Israel steht bei strahlendem Sonnenschein und mit verwuschelten Haaren auf dem wildbewachsenen Dockville-Gelände am Reiherstieg Hauptdeich/Ecke Alte Schleuse. Aus den Paletten, die er aufgebaut hat, soll binnen 48 Stunden sein Kunstwerk entstehen. Er ist einer von 50 internationalen Künstlern, die beim Kunstcamp über den Festivalraum nachdenken. Denn die Kuratorinnen Dorothee Halbrock, Laura Raber und ihr Team haben das Camp unter ein Motto gestellt: Es hat genau fünf Buchstaben und es heißt: "Flaum" - eine Wortneuschöpfung aus den Worten Festival und Raum, die dazu einladen soll, über die Möglichkeiten des Festivalraums nachzudenken. Kann ein Festivalraum zum Ort für neue Begegnungen werden?

Der englische Künstler Tony Hornecker hat das ganz wörtlich verstanden und baut in die wild wuchernde Wildnis des Geländes ein Stundenhotel. Die Künstlerin Bettina Khano aus Berlin steht neben einer Stange, die sich mit 20 Spiegeln in den Himmel reckt und in denen sich der düstere Rethespeicher, Himmel, Boden und Besucher spiegeln. Je nachdem, wie sich der Besucher bewegt, ergeben sich neue Eindrücke und Perspektiven in einer ganz sinnlich körperlichen Erfahrung. Die Künstlerin trägt einen geflochtenen Hut gegen die Sonnenstrahlen, die ihr Gesicht schon gebräunt haben: "Es geht um Bewegung und Natur und darum, dass es nicht die eine Wahrheit gibt."

Das Kunstcamp mündet schließlich in einen öffentlichen Teil, bei dem der Besucher quasi als Work in Progress interagieren und selbst koproduzieren soll. Zum Beispiel Bedeutungen. Symposien, Künstler-Workshops und Performances auf dem nestartig verwachsenen Gelände des Dockville-Geländes sollen den Raum weiter denken und ihn in Besitz nehmen. Interessant sind dabei mehr die Fragen denn die Antworten. "Der Besucher bekommt ein Flaum-Kit und Feedbackkarten. Auf dem Gelände findet er Dialogpartner, denn uns interessieren Deutungsmöglichkeiten", sagen die Kuratorinnen über ihr innovatives Konzept einer künstlerischen Kunstvermittlung.

Kuratorin Julia Riedler steht mitten zwischen wildverwachsenen Büschen und umgestürzten Bäumen, die später das Bühnenareal "Butterland" bilden werden und erklärt: "Das Kunstcamp lebt vom Zusammen zwischen Künstlern, Handwerkern und später Besuchern." Und es lebt von Möglichkeiten, die sich aus dem Zusammen von Besuchern, Künstlern und Kunstwerken ergeben.

Noch ist alles im Aufbau. Eva und Gerhard Pichler von Zweintopf sind gerade aus Österreich angereist und stehen gerade vor mannshohen Gräsern auf dem malerischen Gelände am Reiherstiegknie irgendwo im Niemandsland hinter dem Reiherstiegviertel, wo unter der Woche die Lkws langrauschen. Hier in die Wildnis wollen sie ihre Installation einfügen. Eva hält einen Pflock in der Hand und er murmelt hinter seiner Carrera-Sonnenbrille etwas von einer Sense für das Gras. Ihre geplante künstlerische Intervention ist eher kritischer Natur: Aus gebrauchten Festivalpavillons wollen sie eine stille Installation schaffen, die daran erinnert, wie Zonen für Festivals kurzfristig aufgehübscht werden und dann wieder in Vergessenheit geraten. Eine Arbeit, die für das von Aufwertungstendenzen gebeutelte Wilhelmsburg nicht uninteressant sein dürfte. Für ein Wilhelmsburg, das mit dem Dockville-Festival zum Anlaufpunkt von bis zu 20.000 jungen und partyfreudigen Besuchern aus aller Welt werden könnte. Das Zusammen von Kunst und Musik, das mit der Kinderfreizeit Lüttville erst das Festival ausmacht, ist das eigentliche Gesamtkunstwerk Dockville.

Auf dem vom Wasser umrahmten Gelände der Industriebrache am Deich ist auch Kim Coleman unterwegs. Klein, zierlich und quirlig erzählt die Künstlerin mit den pechschwarzen Haaren aus London auf Englisch von dem, was sie zwischen den Bäumen der Industriebrache in Wilhelmsburg vorhat. "Suntrap" soll die Videoinstallation der Künstlerin heißen, die zu einer Bühne für die Stadt wird, dafür hat sie überall in Hamburg Bilder eingesammelt. Mittlerweile kann sich das künstlerische Line Up des Dockville-Festivals genauso sehen lassen, wie das musikalische: Street Art Künstler Evol geht mit an den Start und ist nicht ganz unbekannt. Viele Arbeiten spielen zudem mit virtuellen Welten, ganze Performancekollektive aus aller Welt werden anreisen.

Symposien wollen mit dem Besucher das Ganze weiterdenken. Wem das zu theorielastig erscheinen mag, für den mögen die Verheißungen eines dekadenten Vogelballes die Fantasie mehr beflügeln. Es wird Materialien geben, die sich zu eigenen Masken zusammen bauen lassen. Die Kuratorinnen sind gespannt, welche Rollen die Besucher bei adäquater DJ-Beschallung ausleben wollen. Auch hier eröffnen sich Freiräume.

International beachtete Performancegruppen wie Showcase Beat le Mot oder Chicks on Speed werden auf dem wild bewucherten Festivalgelände performen, der Autor Wolfgang Welt wird zu einer Lesung erwartet, die Knarf Rellöm mit seiner Musik beschallt. Schließlich mündet der öffentliche Teil des Kunstcamps, der am 21. Juli beginnt und bis zum 7. August geht, in das Musikfestivalwochenende. Natürlich ist auch hier das Line Up wieder spektakulär: Die britische Elektroband Editors - bekannt durch das Lied "Papillon" haben zugesagt und spielen am Eröffnungstakt. Zusagen von Crystal Castles, Santigold und vielen mehr sind im Ordner.

Wie immer gilt dann: Viele Wege führen nach Wilhelmsburg: Geneigte Festivalbesucher können dort campieren oder mit einem Shuttle-Bus ab S-Bahnhof Veddel anreisen (alternativ fährt der 13er Bus bis Veringstraße Mitte). Karten bietet das Internet zwischen 39,90 (Tagesticket) und um 84 Euro (drei Tage plus Campen).

Das Kunstcamp jedoch ist erst einmal kostenlos (bis auf einen kleinen Obolus bei Veranstaltungen). Von Donnerstag bis Sonntag öffnet es die Pforten zum Koproduzieren. Gaston Zahr und Merav Eitan von "O*Ge Creativegroup" wollen einen Podest beisteuern, in den Badewannen in Buchstabenform eingelassen sind. Sie formen das Wort "Friends". Schauen wollen die Architekten aus Israel, ob die schnellen Freundschaften der Sozialen Medien auch auf dem Festival funktionieren und wollen das quasi mit einem gemeinsamen Fußbad stimulieren. Denn für sie gibt es keine Fremden, sondern nur Freunde, die man eben noch nicht getroffen hat. Vorher geht es aber in den Urlaub. Auch ein Frei-Raum.

Dockville Kunst Camp 21. Juli bis 7. August, Eintritt frei, jeweils Do. bis Sonntag (Symposien am Wochenende). Reiherstieg Hauptdeich/Ecke Alte Schleuse - Festivalwochenende 12.-14.- August Programm und Informationen im Internet. www.msdockville.de

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