Harburg
Justiz: Zigarettendiebstahl wird nicht geahndet

"Freifahrschein für Langfinger?"

Sabine Wieghorst wurde vom Staatsanwalt erklärt, die Strafe würde beim Täter nicht ins Gewicht fallen.

Harburg. Für Tabakhändlerin Sabine Wieghorst (49) und ihren Mann Detlef (60) war es ein ganz normaler Arbeitstag in ihrem Geschäft "Tabak & Konsorten" am Harburger Ring. Bis Uwe B. (27) aus Buxtehude in den Laden kam und eine Stange Zigaretten verlangte. "Die habe ich ihm gegeben. Er wollte dann bezahlen, wühlte in seinen Taschen nach Geld", berichtet Sabine Wieghorst. Doch plötzlich drehte sich der angebliche Kunde um und stürmte aus dem Laden. "Der hatte die Stange geklaut." So leicht wollten die Wieghorsts den Mann jedoch nicht davonkommen lassen. Detlef Wieghorst rannte dem Täter sofort hinterher, verfolgte ihn bis in die Neue Straße. Dort, auf Höhe eines italienischen Restaurants, schnappte er den Buxtehuder. "Der hat ihn angefleht, ihn doch laufen zu lassen. Er sei drogensüchtig und könne nichts dafür."

Unterdessen hatte die Ladenbesitzerin bereits die Polizei gerufen. "Zwei Streifenwagen mit vier Beamten waren nach fünf Minuten bei uns. Das war ganz toll." Die Ordnungshüter nahmen B. mit zur Wache an der Lauterbachstraße. Die Zigaretten im Werte von 58 Euro fanden sich allerdings nicht wieder an. "Wir vermuten, dass Uwe B. einen Komplizen hatte, dem er die Stange schnell zuwarf, als mein Mann hinter ihm her war." Die Tabakhändler erstatteten Strafanzeige.

Nach einigen Wochen erhielten die Wieghorsts Post von der Hamburger Staatsanwaltschaft. In dem Schreiben wurde ihnen mitgeteilt, dass man von weiterer Strafverfolgung gegen Uwe B. absieht. Der Grund: Die Strafe, mit der B. wegen des Zigarettendiebstahls aus dem Geschäft der Wieghorsts rechnen müsste, falle gegenüber anderen Taten, für die er bereits verurteilt worden ist, nicht beträchtlich ins Gewicht, heißt es in dem Papier, das der Harburger Rundschau vorliegt.

"Das ist eine Ermessensentscheidung. Justitia konzentriert sich auf die richtig schwerwiegenden Straftaten. Man sucht sich die dicken Sachen raus", sagt Wilhelm Möllers, Pressesprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft. Besonders Wirtschaftskriminelle profitieren von diesem Prozedere. "Da haben wir dann 400 Taten. Nur die schwersten Fälle werden verfolgt. Sonst könnten wir hier nicht mehr arbeiten."

In der Tat hat Uwe B. die Ermittlungsorgane dieses Jahr schon erheblich beschäftigt. Immer wieder ging es um Zigarettendiebstahl und um Betäubungsmittel-Kriminalität. Deshalb wurde er bereits zu diversen Geldstrafen verurteilt. Außerdem steht noch ein weiteres Gerichtsverfahren an. "Es ist sehr bedauerlich für Familie Wieghorst, dass sie Opfer von einer Straftat geworden ist", räumt Möllers ein.

Das tröstet Sabine Wieghorst jedoch nicht. Sie ist sauer. "Das ist doch ein Freifahrschein für diese Langfinger. Wozu kommt dann noch die Polizei?"

Den Schaden ersetzt ihnen niemand. "Versichern kann man sich nur gegen Einbruchdiebstahl." Sie könnten sich jedoch vorstellen, bei der Staatsanwaltschaft Beschwerde gegen den Bescheid einzulegen. Außerdem schaut sich Sabine Wieghorst ihre Kunden nun ganz genau an. "So ein Ärger. Das passiert uns nicht noch mal."