Die Stadtteilserie

Francop: Hier wird gepflegt, was Bestand haben soll

| Lesedauer: 7 Minuten
Lena Thiele

Der Deich, das Obst, die Gemeinschaft: Der Stadtteil gehört zu dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Mitteleuropas.

Jeder ist mal dran in Francop. Gleiche Pflicht und gleiches Recht für alle, das gilt auch beim großen Erntefest, das alle zwei Jahre im November ausgerichtet wird. Die Kaffeetafel, zu der die Francoper schon mal 70 selbst gebackene Kuchen beisteuern, wird jedes Mal auf einem anderen Hof aufgebaut. Und die bunt geschmückten Erntewagen starten stets von einem anderen Punkt im Ort zum großen Umzug. Das allerdings ist gar nicht so einfach. Denn in Francop gibt es nur eine Straße.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Töchter & Söhne +++

Sie zieht sich einmal entlang des gut 600-Einwohner-Stadtteils und wechselt auf drei Abschnitten den Namen: Vierzigstücken, Hohenwischer Straße, Hinterdeich. Auf einer Seite reihen sich Hofanlagen mit alten Backsteinhäusern und rot geklinkerte Neubauten aneinander. Auf der anderen Seite erhebt sich der Deich vor den dahinter liegenden Obstanlagen.

Äpfel, so weit das Auge reicht

Francop lebt vom Obst. Der Stadtteil, der im 13. Jahrhundert als Altländer Dorf entstand, gehört zur sogenannten Dritten Meile des Alten Landes, dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Mitteleuropas. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wachsen hier die Obstbäume in Reih und Glied, anfangs wurden noch zum großen Teil Pflaumen geerntet. Heute sind es überwiegend Äpfel, dazwischen einige Kirschen und Beeren.

Als der Deich an der Straße noch ein richtiger Schutzdeich war und die Wiesen dahinter Überflutungsgebiet, wurden die Bäume auf natürliche Weise gewässert. Ende der 1970er-Jahre entwickelten die Altländer dann ein ausgeklügeltes Beregnungssystem, um die kostbaren Obstblüten vor Frost zu schützen.

Heute gibt es hier noch etwa zwei Dutzend Obstanbaubetriebe, einige Höfe wurden in den vergangenen Jahren aufgegeben, weil sich kein Nachfolger fand. Doch in vielen Familien übernimmt noch immer ein Sohn den Hof, der nicht mehr landwirtschaftlicher Bauernhof, sondern spezialisierter Obstbaubetrieb ist.

Radeln auf dem Alten Elbdeich

Der alte Deich hat längst keine Funktion mehr. Er ist heute so etwas wie ein lang gezogenes Naherholungsgebiet, grün bewachsen und mit einzelnen Bäumen bepflanzt. Während unten auf der Straße der Verkehr vorbeirauscht, gehört der Alte Elbdeich - seit 1977 Kulturdenkmal - den Spaziergängern und vor allem den Fahrradfahrern.

Im Frühling und im Sommer, wenn die Obstbäume in voller Blüte stehen, radeln zahlreiche Besucher, viele auf den roten Leih-Stadträdern, hintereinander den schmalen Weg entlang und staunen über das rosa-weiße Blütenmeer, das sich unter ihnen ausbreitet. Wer einen Blick zur anderen Seite riskiert, entdeckt irgendwann einen kleinen Teich mit einer Art Landzunge: Das Gutsbrack ist ein bei Deichbrüchen in den vergangenen Jahrhunderten entstandenes Gewässer.

Und im Ortsteil Hohenwisch steht ein kunstvoll verziertes Fachwerkhaus, das einzige seiner Art, das hier noch komplett erhalten ist. Besucher sehen vor allem die schöne Seite des dörflichen Stadtteils, die Bewohner aber kennen auch andere Seiten.

Furcht um den dörflichen Charakter

Tief getroffen hat den Stadtteil die verheerende Sturmflut von 1962, die mehrere Todesopfer forderte und zahlreiche Familien um ihr Zuhause brachte. Am Gutsbrack erinnert ein Flutdenkmal an die Opfer von damals.

Unvergessen ist vielen Francopern auch ein Einsatz der Feuerwehr am 24. November 1973. An diesem Tag setzten die Männer planmäßig ein strohgedecktes Fachwerkhaus in Brand - es musste einem Spülfeld für Elbsedimente weichen. So endete die 123-jährige Geschichte der Domäne Blumensand. Der Hof gehörte einst zum Gut Francop II, dem bedeutendsten der ursprünglich vier Francoper Adelsgüter, und war bekannt für seine Pferdezucht.

An dieser Stelle entstand Anfang der 90er-Jahre eine Deponie für belasteten Schlick aus der Elbe, der zuvor in einer Anlage namens Metha aufwendig von Sand getrennt wird. Heute erhebt sich an dieser Stelle ein Hügel. Die Deponie soll, wenn der Betrieb in ein paar Jahren ausläuft, vollständig zum grünen Park werden.

Doch noch ist der Hügel einigen Menschen ein Dorn im Auge. Früher konnten sie über Weiden zur Süderelbe und bei gutem Wetter bis nach Finkenwerder sehen. Heute drehen sich hier Windräder und der Hügel erinnert stets an die nahe gelegene Hafenindustrie.

Der Verlust von Blumensand hat sich tief ins Gedächtnis eingeprägt und ist noch immer präsent, wenn es heute um den Autobahnbau und vor allem die jahrzehntealten Pläne für eine Hafenerweiterung geht. Für den Bau einer Umgehungsstraße für Finkenwerder haben die Obstbauern bereits einen Teil ihrer Flächen - gegen Entschädigung - abgegeben.

Ein Völkchen für sich

Den Francopern ist ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu eigen, nicht zu verwechseln mit Harmoniesucht, die ist weniger ausgeprägt. Hier geht es geradeheraus zu. Für Befindlichkeiten ist keine Zeit, wenn die Ernte eingebracht werden muss. Offen, ehrlich und bodenständig seien die Menschen hier, sagt Carsten Benitt, in Francop geborener Obstbauer und Feuerwehrmann.

"Wir sind eben ein Völkchen für sich", beschreibt es seine Frau Hanna Benitt, Vorsitzende des Heimatvereins. 130 Mitglieder zählt der Verein, der sich dafür einsetzt, die Francoper Gemeinschaft zu erhalten und zu beleben.

Allzu oft lässt die Arbeit auf den Höfen ein Zusammenkommen zwar nicht zu, doch einige Termine lässt hier niemand so einfach ausfallen. So treffen sich die Männer der Liedertafel Frohsinn von 1877 jeden Donnerstagabend zur Probe im einzigen Gasthaus am Ort, dem Deutschen Haus. Und in fast jedem Haus wohnt ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Francop, die zweimal im Monat in ihrem Gemeinschaftshaus am Deich zusammenkommt.

Feste feiern

Alle zwei Jahre, wenn die Ernte geschafft und die Kühlräume gefüllt sind, kommen die Bewohner, ehemaligen Francoper und Besucher aus Moorburg und Neuenfelde am ersten Wochenende im November zum großen Erntefest zusammen. Entlang der Straße werden die Häuser geschmückt, und dann ziehen die Menschen mit geschmückten Treckern und Bollerwagen von einer Seite zur anderen. Nach dem Umzug wird gefeiert, immer auf einem anderen Hof, um keinen Hofbesitzer über die Maßen zu belasten. Auch bei der Organisation wechselt sich die Feuerwehr mit Heimatverein, Reitverein und Gesangverein ab.

+++ Die Stadtteil-Patin: Lena Thiele +++

"Mehrere Schultern tragen das eben besser, als wenn sich einer allein darum kümmern müsste", sagt Hanna Benitt. Das süße Büfett, das bei keinem Fest in Francop fehlen darf, entsteht aus vielen gebackenen Spenden der Francoper. Staubtrockenes ist auf dieser Kuchentafel selten zu finden - dafür umso mehr saftige Apfelkuchen.

In der nächsten Folge am 19.5.: HafenCity

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