Kommentar

Richtig gute Lektüre

Lehrer Ferenc Baratosi von der Nelson-Mandela-Schule hat es auf den Punkt getroffen: Wichtig ist nicht nur, dass Kinder einen Bezug zur Literatur erhalten.

Auch Mangas und Comics erhalten Sprechblasen mit Buchstabeninhalt. Viel wichtiger ist, mit welcher Art von Lektüre diese Aufgabe gemeistert wird. Denn Lesen ist eben nicht das bloße Erfassenkönnen des Sinns von Buchstabenkonstruktionen. Lesen ist die Grundvoraussetzung dafür, dass junge Menschen ihre Umwelt kritisch bewerten können, dass sie gesellschaftliche Veränderungen begreifen und die Finten von Politikern durchschauen. Was passiert, wenn Leser viele Inhalte kritiklos glauben, zeigt der "Stern"-Skandal mit der Affäre um die angeblichen Hitler-Tagebücher. Der Fälscher hatte ein leichtes Spiel, sogar mit abgebrühten Journalisten. Was also Hänschen in der Schule nicht lernt - das Reflektieren über Informationen - lernt Hans erst recht nicht mehr.

Aber Bildung durch Leseförderung fängt viel weiter unten an. Die Kosmetikindustrie verdient mit mehr oder weniger zweifelhafter Reklame viel Geld. So heißt es auf den Beipackzetteln einiger Cremes, dass ihre Benutzung Faltenfreiheit bis ins hohe Alter garantiert. Kritischen Lesern, die mittels Märchenlektüre gelernt haben, dass Wunder eben doch nur das Ergebnis von geschickter Konfabulation ist, sollte diese Lüge auffallen. Und: Wer gelernt hat, zwischen den Zeilen zu lesen, kann sich ein Leben ohne gute Literatur nicht mehr vorstellen.