Harburg

Ein Harburger Schlossherr

Foto: Thomas Sulzyc

Architekt Johann-Christian Kottmeier hat bis zum Abriss 1972 im Ostflügel gewohnt

Harburg. Die Harrborch: 1133 zum ersten Mal erwähnt, bis ins 19. Jahrhundert hinein eine Märchenburg der Welfen. Heute ist nur noch ein Mietshaus, der frühere Westflügel, von dem Harburger Schloss übrig geblieben. Bauhofstraße 8 lautet die so gar nicht feudale Adresse im Harburger Binnenhafen.

Vergessen? Ein Herrschaftssitz mit Kapelle und Zwinger, der prächtiger ausgesehen haben muss als das Celler Schloss heute? Offenbar nicht ganz: Mit dem geplanten Ausbau der sogenannten Schlossinsel im Binnenhafen zu einer kleinen HafenCity rückt das Schlossrelikt wieder in den Fokus der Bevölkerung.

Etwa 80 Menschen besuchen den Vortrag "Ein Schloss in Harburg?" im Helms-Museum - das ist Rekordbesuch in der Reihe "Stadtbild im Wandel". Dicht gedrängt sitzen die Zuhörer in dem vielen zu kleinen Raum oder stehen auf der Treppe. Einige der Gäste denken laut über die Gründung eines Vereins nach, um das Harburger Schloss in irgendeiner Form wieder in Erinnerung zu bringen. So mancher träumt auch vom Wiederaufbau.

In einem Parforceritt schildert Johann-Christian Kottmeier die Geschichte der Harrborch, die zwar die Besatzungstruppen Napoleons überlebte, um dann aber der Industrialisierung zum Opfer zu fallen. Der 57 Jahre alte Architekt, der heute in Hamburg-Ottensen lebt, gilt als der beste Kenner der Baugeschichte des Harburger Schlosses. Er ist dort aufgewachsen, hat 20 Jahre bis zum Abriss 1972 im Ostflügel gelebt. "Mein Jugendzimmer hatte 4,80 Meter hohe Wände", sagt Kottmeier.

So kam Harburg zu einem Schloss: Otto I. von Braunschweig, Lüneburg und Harburg (1495 bis 1549) verzichtete aus Liebe zu einer Bürgerlichen auf den Titel des Kurfürsten. Als Abfindung erhielt er das Harburger Schloss. Das älteste bekannte Bild der Harburger Burg stammt aus 1568 - eine kleine Zeichnung auf einer Elbstromkarte. "Die Baumeister damals", sagt Kottmeier, "legten keine Baupläne an. Sie behielten ihr Wissen lieber für sich."

Wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung der Welfenresidenz in Harburg hatte Georg-Wilhelm von Celle (1624 bis 1705). Landzukäufe in Harburg und Wilhelmsburg halfen beliebten "Heidefürsten", die Ehe mit seiner Mätresse Eleonore d' Olbreuse zu legitimieren. "So ist die Geschichte Harburgs wesentlich von zwei Frauen beeinflusst worden", sagt Kottmeier.

Den Niedergang leiteten Napoleons Truppen ein - mehr aus Versehen. Als die französischen Besatzer 1813 zur Schlacht ausrückten, hatten sie vergessen, die Lichter zu löschen: Der Nordflügel und die Kapelle brannten komplett ab. Kriegsspuren sind noch heute in dem als Harburger Schloss bekannten Mietshaus im Binnenhafen zu sehen. Ein früherer Besitzer und Unternehmer ließ original Kanonenkugeln aus 1757 in die Fassade einmauern.

Später im 19. und 20. Jahrhundert stand das Schloss nur noch im Wege. Im Binnenhafen machten Unternehmer mit Kaffee und Palmöl Geschäfte. Dafür musste beinahe die komplette Altstadt weichen. "Mit der Industrialisierung des Hafens ging die Funktion des Schlosses verloren", sagt Johann-Christian Kottmeier.

Wie wurde der Architekt Schlossbewohner? Sein Vater verwaltete das Schloss im Auftrag seines Großonkels. Dieser war Inhaber der Sachsenring AG, die im Binnenhafen Tragflächenboote entwickelte und baute. Von 1953 bis 1974 lebte Johann-Christian Kottmeier in dem Ostflügel. Er erinnert sich an eine bunte Nachbarschaft: "Vom Professor bis zur Prostituierten." Die Kohlen zum Heizen trug der Junge aus der Fürstengruft hinauf. 1962, währen der großen Sturmflut von der Versorgung abgeschnitten, sitzt die gesamte Hausgemeinschaft bei Kottmeiers in der Wohnung. Seine Mutter habe Vorräte für sechs Monate gehäuft.

Neun Jahre, von 1963 bis 1972, kämpfte Kottmeier mit locker organisierten Sympathisanten gegen den Abriss des Restschlosses - vergeblich. Die Presse sprach vom "Harburger Schlosskrieg". Die Schlossbefürworter fanden keine Lobby in der Stadtverwaltung. Der damalige Bezirksamtsleiter Walter Mohr habe die Reste des Feudalismus tilgen wollen, sagt Kottmeier. Bagger machten 1972 die Welfenresidenz platt.

Heute steht nur der zum Mietshaus umgebaute Westflügel. Das Restschloss gehörte einer Erbengemeinschaft. Für Haus und Grundstück soll die einen Kaufpreis von einer Million Euro verlangen.

Von der Idee eines Wiederaufbaus hält Johann-Christian Kottmeier nichts. Der Hamburger Architekt hat aber eine andere Vision: Wenn bis 2013 auf der Schlossinsel 150 Miet- und 30 Eigentumswohnungen entstehen werden, könnte sich Kottmeier vorstellen, eine Erinnerung an das Schloss im Stadtbild zu schaffen. "Der Ort muss erlebbar sein", sagt der Architekt. Wie, dazu sollen Studenten Ideen entwickeln. Die Patriotische Gesellschaft wolle dazu einen Wettbewerb ausrufen.