Geplanter Umbau

Neuer Streit: Wird die Eppendorfer Landstraße autofrei?

| Lesedauer: 6 Minuten
Lucas Bayer
An der Eppendorfer Landstraße kommt es auf den Bürgersteigen oft zu Konflikten zwischen Radfahrern und Fußgängern. Das soll sich ändern.

An der Eppendorfer Landstraße kommt es auf den Bürgersteigen oft zu Konflikten zwischen Radfahrern und Fußgängern. Das soll sich ändern.

Foto: HA/ANdreas Laible

Anwohner und Geschäftsleute protestieren gegen rot-grüne Idee – und übergeben 4000 Unterschriften. Bürgerbeteiligung gestartet.

Hamburg. „Wir sind überwältigt von dem hohen Interesse, aber dadurch wird es auch kuschelig eng hier drin“, sagt Ralf Staack, kommissarischer Bezirksamtsleiter von Hamburg-Nord. Im großen Saal des Bezirksamts an der Robert-Koch-Straße sind am Montagabend alle Stühle besetzt. Viele Besucher müssen stehen, lehnen an den Wänden oder Tischen. Zur Diskussion steht der geplante Umbau der Eppendorfer Landstraße zwischen Marie-Jonas-Platz und Eppendorfer-Marktplatz.

„Es ist ganz wichtig zu betonen, dass das nicht das Ende des Verfahrens ist, sondern der Beginn“, sagt Staack. Auf dem kurzen Abschnitt der Eppendorfer Landstraße, „dem Herzstück des urbanen Gebiets“, wie der Bezirksamtsleiter es nennt, bestehe ein Spannungsfeld zwischen der Aufenthaltsqualität für Passanten und der verkehrlichen Situation. Unter anderem dieses Problem müsse angegangen werden.

4000 Unterschriften gegen autofreie Zone

Große Aufregung, besonders bei den Gewerbetreibenden, hatte bereits im vergangenen Jahr die Idee von Rot-Grün hervorgerufen, den Abschnitt zur autofreien Zone zu erklären, mit Straßencafés sowie breiteren Wegen für Fußgänger und Radfahrer. Besonders unzufrieden mit diesen Plänen zeigt sich beispielsweise Dieter Ullrich, seit 19 Jahren Betriebsleiter der Konditorei Lindtner. Er startete Mitte 2018 eine Unterschriftenaktion, weil er durch die Umgestaltung massive Einbußen für die Konditorei und für die anderen Geschäfte in der Zeile befürchtet.

„Vielleicht bringen diese Unterschriften die Bezirksregierung zum Umdenken“, sagt Ullrich, als er bei der Auftaktveranstaltung am Montag eine große Mappe an Gernot Lüthje aus dem Fachbereich Planen und Bauen übergibt. Rund 4000 Personen, Anwohner und Gewerbetreibende, haben unterschrieben. „Es gibt noch keine genaue Planung. Heute ist nicht die letzte Chance, bei der sie sich an einer möglichen Umgestaltung der Eppendorfer Landstraße beteiligen können“, sagt Katharine Wegner noch einmal mit Nachdruck. Sie ist Teil der Initiative Tollerort, die das Beteiligungsverfahren betreut.

Um sich einen ersten Eindruck auf der Straße zu verschaffen, führte Tollerort bereits im Juni Befragungen vor Ort durch. Daran nahmen 167 Passanten sowie 20 Gewerbetreibende teil. 80 Prozent davon kamen aus der unmittelbaren Umgebung. Als Änderungswunsch nannten viele der Befragten eine Verbesserung der Fuß- und Radwege, eine Neuordnung des Pkw und ruhenden Verkehrs sowie mehr Grünflächen. Einige Punkte wurden positiv hervorgehoben, so wie sie sind: die ÖPNV-Anbindung, die Vielfalt der Geschäfte und die Altbausubstanz. „Die Ergebnisse sind natürlich nicht repräsentativ, geben aber eine bestimmte Meinungsrichtung vor“, sagt Möne Böcker von Tollerort.

Was wird aus Radfahrern und Autos?

Fleißig vor Ort war auch die Firma SBI, die im Vorfeld der Auftaktveranstaltung Verkehrszählungen auf der Straße durchführte und dabei Interessantes feststellte: „Die Anzahl der Radfahrer auf diesem Teil der Straße ist sehr hoch. An manchen Stellen sind Autofahrer nicht mehr die deutliche Mehrheit“, sagt Michael Großmann von SBI. Die Parksituation für Autos sei dabei nicht problematisch, allerdings gebe es zu wenige Stellplätze für Fahrräder.

Besonders auf den Gehwegen kämen sich Radfahrer und Fußgänger immer wieder in die Quere, sagt Lasse Hirschberger. Der 21-Jährige wohnt auf der Eppendorfer Landstraße und wähle oft den Weg auf der Straße: „Da ist es aber auch nicht so spaßig, sondern oft sehr eng.“ Ein Vorschlag zur Besserung dieser Situation, der bei der Auftaktveranstaltung des Bürgerbeteiligungsverfahrens geäußert wurde: Ein getrennter Fuß- und Radweg. Das könnte zu weniger Platz für die Autofahrer führen, was einige Bewohner der näheren Umgebung beunruhigt.

„Wenn es eine Sperrung für Pkw gibt, sie muss ja auch nur teilweise sein, dann verlagert sich der Verkehr auf die Nebenstraßen“, befürchtet Kay Vogel. Er vermutet, dass das Interesse an dem Beteiligungsverfahren so hoch sei, weil viele eine autofreie Straße fürchten. „Damit haben die Parteien im vergangenen ja auch geworben“, so Vogel.

Ihm sei außerdem nicht klar, warum die Verwaltung für eine mögliche Umgestaltung eines kleinen Abschnitts der Eppendorfer Landstraße, ungefähr 300 Meter, so ein „überdimensionales Verfahren“ anlaufen lasse. Im Allgemeinen finde er es aber klasse, wenn solche Beteiligungsverfahren angeboten werden. Doch es müsse ja nicht für jedes Teilstück angeboten werden. „Warum nicht gleich ein neues Verkehrskonzept für ganz Eppendorf?“, fragen sich einige Besucher im großen Saal des Bezirksamts Nord.

Eppendorfer Landstraße: Bewohner erarbeiten Lösungen

Uwe Meinke wohnt seit ungefähr 50 Jahren an der Eppendorfer Landstraße und sieht den geplanten Umbau äußerst kritisch: „Ich möchte, dass alles so bleibt, wie es ist. Als Radfahrer habe ich hier keine Probleme und die Aufenthaltsqualität ist sehr hoch. Nur im Park könnten vielleicht noch ein paar Bänke mehr aufgestellt werden.“ Es sei nicht nötig, Geld in Infrastruktur zu stecken, bei der doch alles funktioniere. Zwar teilen viele Besucher der Auftaktveranstaltung diese Auffassung, andere sehen aber dringenden Verbesserungsbedarf.

In Kleingruppen erarbeiteten die Bürger mit Umgestaltungswünschen verschiedene Lösungen. Darunter: Anwohnerparken, mehr Fahrradständer oder das Einrichten einer Tempo-30-Zone. Bei all diesen Überlegungen dürfe das Gewerbe aber nicht außer Acht gelassen werden. „Wie das immer so ist, wird es am Ende des Verfahrens einen Kompromiss geben, mit dem hoffentlich die meisten einverstanden sind“, sagt Ralf Staack.

Der nächste Schritt der Planung wird eine Planungswerkstatt sein, die am Montag, 11. November, von 17 bis 21 Uhr, erneut im Großen Sitzungssaals des Bezirksamts Hamburg-Nord stattfindet. Dort werden die vorgebrachten Ideen vertieft und weiterentwickelt.