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20.000 Hamburger feiern Hamburgs Grand Prix für Oldtimer

Marion und Wolfgang Jortzik an der Seite ihres irisblauen Lieblingsstücks, einem MG Midget („Zwerg“) des Baujahrs 1964.

Marion und Wolfgang Jortzik an der Seite ihres irisblauen Lieblingsstücks, einem MG Midget („Zwerg“) des Baujahrs 1964.

Foto: Roland Magunia/HA

Mehr als 2500 Strohballen sorgten an der Strecke für die Sicherheit der Zuschauer, die ein Spektakel erlebten.

Hamburg.  Sie nennen es „Benzingespräche“. Wenn Seelenverwandte über Kurbelwellen, Drehzahlen oder Zylinderköpfe fachsimpeln, zärtlich Lackierungen liebkosen und den Blick auf chromglänzende Auspuffanlagen richten. Voll abgefahren. Wenn Schrauber mit ölverschmierten Händen unter dem Chassis hervorkrabbeln, den speckigen Blaumann richten und mit kindlicher Begeisterung Kotflügel tätscheln. Ältere Baujahre stehen hoch im Kurs. Der schwäbische Ausruf „Heilig’s Blechle“ macht jetzt sogar für norddeutsche Ohren Sinn. Und Rumdröhnen ist nichts Schlechtes. Es riecht nach Schmieröl, verbranntem Gummi und Abgasen. Man muss bereifte Veteranen lieben, um diese Mixtur als Duft wahrzunehmen.

Mehr als 20.000 Hamburger und von weiter her Angereiste inhalierten am Wochenende lustvoll. Hamburgs Oldtimer Grand Prix, erstmals vom hiesigen Unternehmen Wölk Event unter dem Motto „New Stadtpark-Revival“ präsentiert, erinnert an legendäre Wettbewerbe im Norden der Hansestadt. Von 1934 an lockten diese Stadtparkrennen regelmäßig fast 100.000 Zuschauer an die Piste. Nach einem verheerenden Unfall 1952 mit drei Toten wurde das Motorsportspektakel eingestellt.

Seit drei Jahren gibt es in der spärlich bewohnten City Nord einen Neuanfang. Historische Automobile, US-Cars, Motorräder und Gespanne mit Seitenwagen als extravagante Hingucker ziehen das Publikum an. Die Melange aus Wettrennen, Ausstellung, Fachgesprächen und einer bunten Budenwelt machte Spaß – und ließ den Eintrittspreis von 20 Euro für einen Tag und 30 Euro für Sonnabend und Sonntag vergessen. Pro Oldtimer mussten für mehrfache Startberechtigungen und einen zweitägigen Stellplatz unter Zeltdach jeweils 350 Euro entrichtet werden. Unter dem Strich muss sich der Etat in Höhe von 400.000 Euro rechnen.

Oldtimer: Wenn Geld keine Rolle spielt

Doch wen interessiert Geld, wenn die Leidenschaft hochtourig mitfährt. „Man darf nicht auf die Zeit und auf den Euro achten“, weiß Wolfgang Jortzik aus Erfahrung. „Bei 15.000 Euro, über mehrere Jahre verteilt, habe ich aufgehört zu zählen.“ Gemeinsam mit Ehefrau Marion, kaufmännische Angestellte und Betriebsrätin bei Philips, ist der Fotograf im Ruhestand mit einem 55 Jahre alten Traum vor Ort.

Es handelt sich um einen MG Midget MK, 1964 in Abington in Großbritannien hergestellt. Die Lackierung glänzt in Irisblau – Banausen würden sie schlicht als hellblau bezeichnen; die Armaturen und Ledersitze beeindrucken mit einem Farbenspiel aus Havannabraun und Haselnuss. Liebhaber solcher Nuancen bleiben ergriffen stehen, suchen das Gespräch. Dabei geht es um die geschliffene Kurbelwelle des Vierzylinders, um ein geripptes Getriebe, Wolfrace-Felgen vom Feinsten. „Ein englischer Roadster mit Patina“, formuliert Wolfgang Jortzik. Fahrzeuge von der Stange mag er nicht.

Vor sechs Jahren hat er das automobile Schmuckstück „unter Müll und Pappen“ für 2000 Euro gekauft. Seitdem wird geschraubt, geschweißt und poliert, was das Zeug hält. In den Wintermonaten steht der „Zwerg“, so die Übersetzung der Typenbezeichnung „Midget“, in einer Garage in Eimsbüttel, im Sommer im Garten in Fuhlsbüttel. Das Dach lässt sich abheben und zur Seite stellen. Stilecht macht sich das Ehepaar so auf den Weg zum Picknick im Jenischpark oder an der Elbe – gemütlich zuckelnd, ohne neuzeitliche Achtfachfederung.

Im Fahrerlager des „Stadtpark-Revival“ kommt der irisblaue MG in Zelt Nummer 47 unter – Seite an Seite mit rund 250 Oldtimer-Rennwagen der Baujahre 1920 bis 1984, neben etwa 400 amerikanischen Straßenkreuzern sowie 200 Motorrädern, zum Teil mit Seitenwagen ausgestattet. Das Areal abseits der U-Bahn-Station Sengelmannstraße erscheint wie ein Open-Air-Museum. Vor den Prüfungen, bei denen es auf konstantes Tempo und Fahrkunst ankommt, formieren sich die Teilnehmer zur Parade. Fachbegriff: Gleichmäßigkeitsfahrt. Höllenraser können sich anderswo austoben.

Plötzlich verschwand das Gaspedal im Bodenblech

„Wir sind überzeugt, dass dieser Neustart glückt“, sagt Veranstalter Matthias Wölk bei einer Cola am Startbereich. Es gibt fast 20 Klassen. Ein Wettstreit auf der 1,6 Kilometer langen Piste auf Übersee- und New-York-Ring folgt dem nächsten. Am Streckenrand, vor allem jedoch von den Fußgängerbrücken aus, ergibt sich ein exzellenter Blick. Gut 200 Mitarbeiter haben die Organisation im Griff. Die Behörden, heißt es hinter den Kulissen, hätten sich bei den fünf Straßensperrungen für das automobile Festival als unbürokratisch erwiesen. 100 Tieflader transportierten fünf Kilometer Leitplanken, acht Kilometer Bauzäune sowie 2500 Strohballen heran. Damit das Publikum auf der sicheren Seite steht.

Veranstalter Wölk ist ein Kapitel für sich. Zu DDR-Zeiten in Mecklenburg, aber auch nach der Wende, fuhr der gelernte Dreher Seitenwagenrennen – professionell und erfolgreich. Seine Agentur umfasst 15 Mitarbeiter. Früher arbeitete sie auch für die Rocktruppe Torfrock, heute veranstaltet das Team zumeist Automobil- und Motorradklassiker.

Nach der informativen Runde kehren wir zurück in Zelt 47. Für Wolfgang und Marion Jortzik beginnt vor dem zweiten Start des Tages die kribbelige Phase. Der Motor ist prima in Schuss, kein Zweifel. Wie ein Uhrwerk tickert er. Hoffentlich macht das Gaspedal nicht wieder schlapp. So wie in Prüfung eins am Vormittag, als es plötzlich im Bodenblech versank. Frau Jortzik behielt kühlen Kopf und dirigierte den irisblauen MG an die Seite. Ging gut. Derweil die Ehefrau immer noch ein bisschen rätselt, warum er ihr am Wochenende das Steuer überließ, hat Wolfgang Jortzik neuen Stoff für ein Buch, an dem er gerade schreibt. Titel: „Der Zwerg und ich“.