Abendblatt-Serie

Hamburger Begegnungen: Es geht um die Bürste

Bürstenverkäufer Gerhard Litzki (l.) mit Budnikowsky-Geschäftsführer
Christoph Wöhlke an seinem Marktstand

Bürstenverkäufer Gerhard Litzki (l.) mit Budnikowsky-Geschäftsführer Christoph Wöhlke an seinem Marktstand

Foto: Roland Magunia / HA

Teil 18: Markthändler Gerhard Litzki und Budnikowsky-Geschäftsführer Christoph Wöhlke haben mehr gemeinsam als man denkt.

Hamburg.  Es ist ein traumhaftes Teil, diese Scheuerbürste mit Stiel und Kotflügelform. Kein Designerstück, aber mit einer Borste aus Wurzelfaser, original aus Madagaskar. Mit Kupferdraht befestigt und von Hand eingezogen. „Der Mercedes unter den Bürsten“, schwört Gerhard Litzki. Ein Prunkstück, praktisch unverwüstlich. Hält ein Leben lang. Und das für schlappe 13,90 Euro. Ein Schnäppchen.

Trotz der frühen Stunde an diesem Freitag lauscht die Kundschaft auf dem Isemarkt einem Virtuosen des Wortes, einem Verkaufstalent alter Schule und erster Klasse. Auch Christoph Wöhlke ist vor Ort. Der Geschäftsführer und Juniorchef der Firma Iwan Budnikowsky ist gleichfalls beeindruckt. Er bringt auch Bürsten und Seifen an den Mann, nur ganz anders. Und viel mehr.

Während Einzelkämpfer Litzki – je nach Wetterlage – zwischen 80 und 100 Käufer pro Markttag bedient, werden die 182 Budni-Filialen im Großraum Hamburg täglich von mehr als 100.000 Kunden besucht. Der Markthöker bietet gut 100 verschiedene Bürsten feil, das Traditionsunternehmen hat rund 18.000 unterschiedliche Artikel im Angebot. Über Umsätze redet weder der eine noch der andere gern. Hanseatische Kaufleute eben.

Christoph Wöhlke kommt direkt aus der Zentrale an der Wandsbeker Königstraße. Im Gegensatz zu seinem Vater Cord ist der für das Operative zuständige Budni-Geschäftsführer gar nicht so leicht zu erkennen. Mit Oberhemd, Jeans und locker geschultertem Rucksack wirkt der 37-Jährige auf den ersten Blick wie ein Student. Er ist besonnen, unkompliziert, fröhlich und frei von jeglicher wichtiger Attitüde.

Ein Typ wie Gerhard Litzki kennt ohnehin alles im Job und jeden, aber keine Manschetten und Berührungsängste. Im Nu sind beide mittenmang. Es geht um Geschäfte, Kundschaft, Ein- und Ausblicke. Als seine Eltern, der Vater war eigentlich Schmied und Zimmermann, 1958 auf dem Fischmarkt mit Textilien anfingen und im Jahr später auf Seifen und Bürsten umstiegen, kauften sie unter anderem bei Iwan Budnikowsky in Wandsbek ein.

Den Seniorchef Cord Wöhlke kennt Litzki persönlich. Vor ein paar Jahren kam der Budni-Boss nach einem Besuch der Filiale Eppendorfer Baum auf einen Sprung beim Bürstenmann vorbei. Er hatte von dem eloquenten, anpackenden Original auf dem Isemarkt gehört und wollte sich ein Bild machen. Immerhin steht Litzki seit 44 Jahren an seinem Stand Höhe Jungfrauenthal. In aller Herrgottsfrühe, bei Sturm und Wind, im Sommer wie im Winter. Im Krankheitsfall fällt das Geschäft flach. Doch dazu kam es noch nie.

„Ich liebe Bürsten“, sagt Litzki, und wer einmal das Schauspiel an seinem Stand erlebt hat, glaubt ihm das. Jeweils zweimal wöchentlich baut er seinen mobilen Laden in der Isestraße und auf dem Flottbeker Wochenmarkt auf. Hinzu kommen Wochenendtermine auf dem Eckernförder Fischmarkt, dem Meldorfer Domplatz, in Glückstadt, Brunsbüttel und so weiter.

Stielbürsten, Stahlbürsten, Tellerbürsten aus Rosshaar, Flaschenbürsten, Champignonbürsten, Wildlederbürsten, Badebürsten, Schneebesen und noch viel mehr – das ist die Welt des Gerhard Litzki. Für ihn ist es eine großartige Welt. Sein Reich ist 13 Meter lang und sieben Meter tief. „Ich möchte mit niemandem tauschen“, sagt er. Auch bei einem Lotto-Gewinn würde er sein Dasein nicht ändern wollen.

Für Außenstehende ist die Bürstenwelt allerdings knallhart. Um zwei Uhr nachts klingelt der Wecker. Theoretisch, denn Litzkis innere Uhr funktioniert derart präzise, dass er von selbst wach wird. Um 2.30 Uhr fährt er mit seiner Lkw-Zugmaschine aus Halstenbek zu seiner Garage Kieler Straße, um den Verkaufswagen abzuholen. Ankunft Isestraße 3.15 Uhr. Eigentlich viel zu früh, aber Litzki liebt die Ruhe, entspanntes Aufbauen, Klönschnacks mit den Besitzern der Nachbarbuden.

Kurz nach sieben ist alles fix und fertig, bevor um 8.30 Uhr offizieller Marktstart ist. Um 14 Uhr ist Fofftein, doch beginnt die Maloche von vorne, nur umgekehrt. Gegen 16 Uhr warten daheim Gattin Angelika, der Garten, das Sofa, die geliebten Yachtzeitschriften. 60 bis 70 Stunden Arbeit kommen pro Woche gut und gerne zusammen.

Da kann Christoph Wöhlke locker mithalten – auch wenn er die Zeit nicht zählt. Dass sein Einsatz auch für ihn viel mehr ist als nur ein Job, wird schnell klar. Umgekehrt lauscht jetzt Gerhard Litzki interessiert. Sachlich und erdverwachsen erzählt Wöhlke von seinen Büroterminen, die meist um acht Uhr beginnen, von seinen Besuchen an der Basis, in den Filialen, von der Suche nach neuen Standorten.

Klappt es mit dem Abendbrot um 18.30 Uhr mit Ehefrau und Sohn, stehen abends oft noch Geschäftstermine oder das Erledigen von Mails auf dem Programm. Und am Wochenende? Sonnabends geht’s oft ebenfalls in Filialen, sonntags bisweilen zu Mitarbeiter-Veranstaltungen oder Jubiläen.

„Die Zusammenarbeit mit Menschen macht mir große Freude“, sagt Wöhlke. Die Tradition des hanseatischen Unternehmens und der Stellenwert als Sympathiefaktor in der Stadt motivierten zusätzlich. Derweil Kollege Litzki als Einzelkämpfer im Einsatz ist und nur sonntags auf auswärtigen Märkten mal eine Aushilfe an Bord hat, beschäftigt Budni 1950 Mitarbeiter.

Und wie ist der Alltag, wenn mit Vater Cord nach wie vor ein Patriarch über allem wacht? Der Junior spricht von „kreativer Harmonie“, streitet jedoch die Existenz unterschiedlicher Ansichten nicht ab. „Das Ringen der Generationen ist normal und belebend“, sagt er. Seine Schwester Julia rundet das Trio der Geschäftsführer ab.

Mit seiner abwägenden Art, dem Herzblut fürs Geschäft und dem gewinnenden Naturell versteht es Christoph Wöhlke, sein Gegenüber für sich einzunehmen. Beide tauschen weitere Fakten aus und nehmen aufmerksam am Berufsleben des anderen teil. Auf Fassaden oder Äußerlichkeiten, das ist klar, legt keiner von ihnen Wert. Zu Anzug und Krawatte greifen beide gar nicht gern. „Bei Hochzeiten, Trauerfeiern und in der Handelskammer“, sagt Wöhlke jr. mit einem Augenzwinkern. Gerhard Litzki hat seinen Anzug „nur für Beerdigungen“. Immerhin besitzt er zwei Krawatten, eine davon mit HSV-Logo, das Geschenk eines Kunden, des ehemaligen HSV-Präsidenten Carl-Edgar Jarchow. Christoph Wöhlke zieht aus seiner Brieftasche zwei Dauerkarten für den FC St. Pauli. Sieht gut aus im Moment, befindet er zufrieden.

Und wie sieht es geschäftlich im Moment aus? „Die Goldgräberjahre sind vorbei“, antwortet Litzki, „aber ich komme gut über die Runden.“ Von einstmals 800 klassischen Drogerien in der Hansestadt gebe es aktuell kaum noch ein Dutzend. Und Wöhlke ergänzt aus seiner Sicht: „Die Konkurrenz ist brutaler geworden.“ Seit seinem Einstieg bei Budni 2002 verringerte sich die Zahl der Drogerieketten hierzulande von zwölf auf vier.

Der Rivale dm zum Beispiel habe etwa 1400 Filialen allein in Deutschland, Rossmann rund 1800, also fast zehnmal mehr als Budni. Zudem seien Markenartikler jetzt auch bei Aldi & Co präsent. Sein Fazit: „Die mittelständische Einzelhandelsstruktur ist fast ausgelöscht.“ Dagegen kann Litzki über seinen „Bauchladen“, wie er sein Geschäft liebevoll nennt, sagen: „Ich habe Artikel, die es anderswo nicht gibt.“

Was waren das für Zeiten, als beide Kinder waren. Schon mit sieben Jahren durfte Christoph Wöhlke im Wandsbeker Budni-Lager herumbutschern und Gabelstapler bewundern. Für seinen Ferieneinsatz in der Filiale Harburg Markt zahlte ihm der Vater früher 50 Pfennig pro Stunde. Der Gewinn wurde in Spielzeug investiert. Bis zum Abi arbeitete Wöhlke an langen Donnerstagen und am Sonnabend für dann bis zu 15 D-Mark die Stunde als Kassierer und Regalpacker in den Filialen Bergstraße und Wandsbek Quarree.

Gerhard Litzki begleitete als Junge seine Eltern auf den Fischmarkt. Am Stand eines Unikums mit dem Spitznamen „Oskar vom Pferdemarkt“ durfte er unter dem Tisch Knöpfe in Pappkartons sortieren. Verdienst: 50 Pfennig, die in zwei Lollis umgesetzt wurden. Beide lernten früh, was Geld wert ist. Das beschert Bodenhaftung und verhindert Abheben. Bis heute.

Und damals wie heute pflegt der eine wie der andere intensiven Kundenkontakt. Beschwerden an die Geschäftsführung werden von Christoph Wöhlke persönlich am Telefon beantwortet. Die Begeisterung fürs Detail und der Gestaltungsspielraum motivierten ihn. „Auch ein triviales Produkt kann so spannend sein“, meint er. Litzkis Ehefrau kümmert sich auch um den kleinen Online-Bürstenshop.

Der entscheidende Punkt bei beiden: „Ich bin mein eigener Herr.“ Der eine im Großen, der andere im Kleinen. Wöhlke will Budni weiter blühen lassen und später gesund an die fünfte Generation übergeben. Übernahmeangebote gäbe es immer wieder, aber: „Budni ist und bleibt unverkäuflich.“ Zwar hat Gerhard Litzki keinen Nachfolger, doch ist ihm klar: „Ich mache weiter, solange ich stehen und gehen kann.“