Tarpenbeker Ufer

So soll Groß Borstels neue Großsiedlung aussehen

Das Bauunternehmen Otto Wulff plant auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs Lokstedt südlich der Tarpenbek 750 Wohnungen

Das Bauunternehmen Otto Wulff plant auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs Lokstedt südlich der Tarpenbek 750 Wohnungen

Foto: DREIDESIGN/Bauuntermehmen Otto Wulff / HA

Das Projekt Tarpenbeker Ufer für 2000 Bewohner nahe des Nedderfelds ist umstritten. Lesen Sie, was die neuen Bauherrn konkret planen.

Hamburg. Die Spannung der Einwohner von Groß Borstel und Lokstedt vor diesem Informationsabend ist gewaltig: Am Mittwoch stellen das Bauunternehmen Otto Wulff und Harald Rösler, Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord, die konkreten Pläne für das Wohnungsbauprojekt „Tarpenbeker Ufer“ vor. Es geht um 750 Wohnungen auf dem Gelände des brachliegenden alten Güterbahnhofs unweit des Nedderfelds. Viele Anwohner befürchten angesichts des Großprojekts einen Verkehrskollaps im Viertel. Das Abendblatt informiert hier bereits über die wichtigesten Punkte.

Anwohner fürchten Überforderung der Infrastruktur

Ob der Högersaal in der Kirchengemeinde am Schrödersweg für den Termin am Mittwoch genug Platz bietet, ist fraglich. Seit Jahren schwelt der Streit um das Bauvorhaben, eine öffentliche Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses musste der Bezirk im vergangenen Jahr sogar in die Alsterdorfer Sporthalle verlegen. Insgesamt 626 Einwände hatten die aufgebrachten Anwohner damals gegen die geplante Änderung des Bebabuungsplans eingebracht.

Sie befürchten einen Verkehrskollaps, das Auseinanderreißen der bestehenden Kleingartengemeinschaft am Rande des Areals und eine Überforderung der Infrastruktur, wenn die Bevölkerung in Groß Borstel um etwa 2000 Menschen wächst. Auch die mangelnde Anbindung durch den öffentlichen Nahverkehr sei ein Problem: Die ohnehin stets überfüllte Buslinie 5 ist die einzige Verbindung in die Innenstadt.

Allerdings hatten die Bezirksabgeordneten den geänderten Bebauungsplan „Groß Borstel 25“ abgesegnet und mit ihm die Umwidmung der Gewerbefläche am alten Güterbahnhof in Bauland.

Baurecht für Güterbahnhof nicht anfechtbar

„An dem vorhandenen Baurecht und der Zahl der Wohnungen ist nichts mehr zu rütteln“, stellt Harald Rösler, Leiter des Bezirksamtes Nord, jetzt erneut klar. Spielraum gebe es noch bei der Entwicklung der Infrastruktur, der Planung der Gehwege sowie Straßensperrungen während der Bauphase. Vielmehr ginge es ohnehin darum, den mit rund 8000 Einwohnern vergleichsweise kleinen Stadtteil Groß Borstel an den Planungen teilhaben zu lassen. „Wir müssen es schaffen, dass dieses Wohnprojekt auch von den Anwohnern in den Stadtteil integriert wird“, sagt Rösler. „Denn wir wollen nicht, dass es am Ende das alte Groß Borstel und das Neubaugebiet als isoliertes Wohnareal gibt.“

Diese Gefahr bestehe bei einem derart alteingesessenen Stadtteil wie Groß Borstel , der im Norden durch den Flughafen, im Osten durch das Eppendorfer Moor und im Süden durch die Tarpenbek begrenzt ist. „Der alte Güterbahnhof gehörte für die Anwohner gefühlt nie wirklich zum Stadtteil, weil er jenseits der Tarpenbek liegt“, sagt Rösler. Das müsse sich nun mit der Entstehung des Wohngebiets schrittweise ändern.

Auch das planende Bauunternehmen Otto Wulff will einen fortwährenden Protest der Anwohner verhindern: „Durch die Beteiligung der Anwohner versuchen wir, eine gute Integration sowie einen Ideen- und Informationsaustausch der derzeitigen Bewohner mit den künftigen Bewohnern des Quartiers zu erreichen“, heißt es von Seiten des Bauunternehmens. „Daher wird ein Begleitgremium gegründet, in dem regelmäßig über den Stand der Planung berichtet wird.“ Dort sei es möglich, seine Ideen einfließen zu lassen.

750 Wohnungen mit Kita und Parkanlage

Geplant sind auf dem rund 120.000 Quadratmeter großen Areal rund 750 Wohneinheiten, darunter mindestens 225 öffentlich geförderte Mietwohnungen. „Die bisher geplanten Wohnungen sind ein- bis vier-Zimmer-Wohneinheiten und somit in großen Teilen für familiengerechtes Wohnen vorgesehen“, beschreibt das Bauunternehmen das Vorhaben.

Die Gebäude sollen vier- bis fünfgeschossig gebaut werden und eine Geschossfläche von 89.600 Quadratmetern bieten. Zudem umfassen die Planungen eine Kita, eine Parkanlage und Grünflächen. Straßen, Rad- und Gehwege sowie eine neue Fußgängerbrücke über die Tarpenbek sollen ebenfalls errichtet werden. Eine 1100 Meter lange Lärmschutzwand soll die Bewohner zudem vom Lärm der Bahntrasse am Rande des Geländes abschirmen.

„Die ersten vorbereitenden Maßnahmen starten im Herbst dieses Jahres“, heißt es vom Unternehmen Otto Wulff. „Mit dem Bau der Erschließungsstraße beginnen wir im Frühjahr 2016, die Arbeiten am Hochbau starten im Herbst 2016.“ Das von Bahntrasse und Tarpenbek eingerahmte Areal ist bislang nur über die teils marode Sackgasse „Kellerbleek“ vom Nedderfeld aus zugänglich.

Erst im Februar hatte das Hamburger Bauunternehmen Otto Wulff das Vorhaben von dem irischen Investor McGarrell Reilly übernommen, ebenso das angrenzende Gelände, auf dem die Kleingartensiedlung untergebracht ist. Unter Reilly hieß das Projekt noch „Tarpenbek Greens“, mit dem Übergang zu dem lokalen Bauunternehmer wurde daraus „Tarpenbeker Ufer“.

Güterbahnhof verkommt zum Schandfleck

Der Idylle, die der Name des Bauvorhabens suggeriert, wird der alte Güterbahnhof derzeit nicht gerecht. Seit Jahren liegt das Gelände brach und hinterlässt bei Ortsfremden einen schaurigen Eindruck: Die Gleise sind überwuchert, die ehemaligen Fabriken verfallen, verrostete Autoteile liegen dort ebenso ungesichert herum, wie Kabel und Drähte. Viele Firmen sind in den vergangenen Jahren an andere Standorte umgezogen, lediglich das beliebte Möbelhaus und Restaurant „Le Marrakech“ trotzt der abgeschiedenen Lage des Areals.

Insbesondere weil das Gelände zunehmend zum Schandfleck verkommt, zeigt Rösler sich optimistisch, dem möglichen Gegenwind der Anwohner am Mittwoch Herr zu werden. „Ich denke, die große Aufregung hat sich bereits gelegt und die meisten Kritiker haben eingesehen, dass dieses Projekt eine große Chance für den schönen Stadtteil ist.“ Denn Groß Borstel sei bislang im Bezirk Nord – aufgrund rückläufiger Einwohnerzahlen und sinkender Nachfrage an der Grundschule – stets das Sorgenkind gewesen.