Winterhude

Mühlenkamp umgestaltet – Betroffene sind entsetzt

Staus sind am Mühlenkamp offensichtlich
programmiert

Staus sind am Mühlenkamp offensichtlich programmiert

Foto: Marcelo Hernandez

Anwohner schimpfen über Arbeiten im Zuge der Busbeschleunigung. Ähnliche Probleme an der Langen Reihe in St. Georg erwartet.

Winterhude.  Das Chaos hat viele Gesichter am Mühlenkamp. Nachdem der Straßenzug in Winterhude für das sogenannte Busbeschleunigungsprogramm umgestaltet wurde, sind hier Staus, Verstöße gegen die Verkehrsordnung, riskante Wendemanöver, Hupkonzerte und brenzlige Situationen für Radfahrer an der Tagesordnung. Dazu kommen Umsatzrückgänge bei Gewerbetreibenden, Fassungslosigkeit bei Anwohnern und Busfahrer, die hinter vorgehaltener Hand von „schwachsinniger Verkehrsplanung“ sprechen. Ähnliche Probleme deuten sich auch an der Langen Reihe in St. Georg an. In beiden Fällen sollen die Baumaßnahmen zur Busbeschleunigung Ende Juni abgeschlossen sein.

Während die Lange Reihe derzeit nur einspurig befahrbar ist, rollt der Verkehr am Mühlenkamp bereits wieder in beide Richtungen. Gastronom Ralph Larouette ist trotzdem genervt. Er lässt nicht einmal den Vorteil gelten, dass es wegen der neuen Verkehrsinsel zwischen Poelchaukamp und Gertigstraße vor seinem Restaurant keine Zweite-Reihe-Parker mehr gibt. „Die Lieferanten und Paketzusteller halten jetzt in den Nebenstraßen und sorgen dort für Verkehrschaos“, sagt der Betreiber des „3Tageszeiten“. Fast täglich ist er mit seiner Kamera unterwegs und lichtet den „alltäglichen Wahnsinn“ ab.

Zum Beispiel den langen Rückstau, der sich bildet, wenn die Ampel an der Kreuzung Poelchaukamp/Preystraße rot zeigt. Stadtauswärts ist lediglich die Linksabbiegerspur als Fahrspur zu erkennen. Wer geradeaus will, muss sich auf der Bushaltestelle einordnen, die für die Metrolinie 6 und die Buslinie 25 auf 44 Meter verlängert wurde und fast den ganzen Abschnitt zwischen Prey- und Gertigstraße einnimmt. Wenn dort aber ein oder zwei Busse stehen, was alle paar Minuten der Fall ist, ist das für ankommende Autofahrer nicht zu erkennen. Verunsichert ordnen sie sich auf der Linksabbiegerspur ein und bemerken ihren Fehler erst, wenn sie bei Grün die Kreuzung erreicht haben.

Ein weiteres Problem: Im vorderen Teil der Haltestelle parken häufig Krankentransporter, die Patienten in das benachbarte Ärztehaus bringen. Halten zwei der Wagen hintereinander, müssen die Busse im hinteren Bereich der Haltestelle stoppen. Dort entlassen sie ihre Fahrgäste dann unmittelbar vor etlichen Fahrradbügeln, die im Zuge der Umgestaltungsmaßnahmen genau hier errichtet wurden. Die angeschlossenen Räder versperren den Aussteigenden den Weg. Um eben dies im vorderen Bereich der Haltestelle zu vermeiden, war unlängst ein Baum gefällt worden, für dessen Erhalt die Anwohner sehr gekämpft hatten.

Die gelb-roten Baken vermittelten den Charme einer Autobahnbaustelle

Während die Autofahrer stadtauswärts zumindest an den haltenden Bussen und Lieferwagen vorbeifahren können (auf der Linksabbiegerspur), wird die stadteinwärts führende Fahrspur von einer Verkehrsinsel flankiert, die fast den gesamten Abschnitt zwischen Poelchaukamp und Gertigstraße einnimmt. „Wenn der Müllwagen hier steht, gibt es dahinter einen Riesenstau“, sagt Ralph Larouette. Die Stadtreinigung stehe hier oft zehn Minuten, bevor alle Mülleimer seines Restaurants und die der Nachbarn aus dem Hinterhof geleert seien. Sie kommt zweimal in der Woche, dazu Wagen für Papier-, Glas- und Wertstoffrecycling.

Vor Rückstaus durch die Verkehrsinsel hatten die Initiative „Unser Mühlenkamp“ von Anfang an gewarnt. Die Beschwichtigung der Behörde: Die Verkehrsinseln sollten lediglich sechs Zentimeter hoch werden, so dass Autos oder Busse sie überfahren können. Zwar wurden die angeschrägten Kantsteine, im Originalzustand zwölf Zentimeter hoch, vor Ort aufwendig abgeflacht. Dennoch ist die Verkehrsinsel so hoch, dass niemand darüberfährt – kein Busfahrer, der damit seine Fahrgäste durchschütteln würde, auch kein Radfahrer. Zunächst war die Insel auch noch mit gelb-roten Kunststoff-Baken gespickt, die der Straße den Charme einer Autobahnbaustelle verliehen.

Die flexiblen Baken, denen man ihre Biegsamkeit nicht ansieht, ragen auch auf der kleinen Verkehrsinsel empor, die das Linkabbiegen vom Mühlenkamp in die Gertigstraße verhindern soll. Viele sind schon ziemlich schief. Denn immer wieder ignorieren verzweifelte Kurier- und Lkw-Fahrer das neue Abbiegeverbot und überfahren das Hindernis.

Auch Radfahrer haben es im neuen Mühlenkamp nicht leicht. Zwar dürfen sie jetzt zwischen Semper- und Körnerstraße auf knallroten Schutzstreifen radeln. Doch bis auf den Abschnitt vor Larouettes Restaurant, wo wegen der langen Verkehrsinsel der Radstreifen endet, sind die roten Radwege an vielen Stellen von Zweite-Reihe-Parkern blockiert. „Wir werden diese Verstöße wegen Gefährdung des Straßenverkehrs konsequent anzeigen“, sagt Bernd Kroll von der Initiative „Unser Mühlenkamp“. „Wir werden nicht warten, bis der erste Radler unter einem Bus liegt.“ Vereinzelt sei es schon vorgekommen, dass Busse, die in die Haltestellen einfahren, Radfahrer abgedrängt haben, ergänzt Larouette. „Sie wussten sich nicht anders zu helfen, als sich auf dem Gehweg in Sicherheit zu bringen.“

Gebeutelt durch die Umbaumaßnahmen sind auch die Gewerbetreibenden. Sie haben natürlich von den Zweite-Reihe-Parkern profitiert, die jetzt wegbleiben. Dazu kommt, dass etliche neue Parkplätze noch nicht genutzt werden können, weil dort Baumaterial lagert. Vor dem Restaurant Bonbao ist ein Bereich eingezäunt, der noch gar nicht wiederhergestellt wurde. Kein Gast will neben der unattraktiven Brachfläche sitzen. „Meine Umsätze sind gut 40 Prozent zurückgegangen“, sagt Bonbao-Betreiber Konrad Woest.

Er ist kein Einzelfall. „Viele Gewerbetreibende sind in eine finanzielle Schieflage geraten“, sagt Bernd Kroll. Um zu hören, wie Anwohner und Geschäftsleute die Veränderungen bewerten, lädt seine Initiative am 17. Juni um 19 Uhr ins Goldbekhaus ein.

Anders als am Mühlenkamp sind an der Langen Reihe, die ebenfalls für die Busbeschleunigung umgestaltet wird, die Probleme nur zu erahnen. Eins ist aber schon jetzt klar: Der Verkehrsraum, den sich Autos und Radfahrer teilen müssen, wurde reduziert. Auch hier verhindern Verkehrsinseln das Zweite-Reihe-Parken und Überholen. Susanne Meinecke, Sprecherin der Verkehrsbehörde, wiegelt ab. „Die Maßnahmen sind ein Erfolg. Wir waren bei beiden Projekten mit den Anwohnern im Austausch, es gibt zahlreiche positive Rückmeldungen“, sagt sie. Für eine komplette Evaluierung sei es aber noch zu früh.

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