Eppendorf-Prozess

Fast vier Jahre Haft für Eppendorf-Unfallfahrer gefordert

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Staatsanwältin spricht von "höchstem Maß an Pflichtwidrigkeit" und Rücksichtslosigkeit des Unfallfahrers, der vier Menschen getötet hat.

Hamburg. Im Prozess gegen den Unfallfahrer von Eppendorf hat die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von 3 Jahren und neun Monaten gefordert. Außerdem soll Unfallfahrer Alexander S. nie wieder ein Auto steuern dürfen. In ihrem Plädoyer am Donnerstag sagte Staatsanwältin Sinja Sternsdorff: "Es fällt mir schwer, mir ein noch höheres Maß an Pflichtwidrigkeit vorzustellen."

Der Angeklagte habe Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit gezeigt, so die Staatsanwältin. Für die Nebenklage waren unter anderem Woody und Wanja Mues anwesend, die Söhne des bei dem Unfall getöteten Schauspielers Dietmar Mues und dessen Ehefrau, die ebenfalls ums Leben gekommen war. Im Gerichtssaal begannen zahlreiche Zuschauer, darunter Freunde und Verwandte der Opfer, zu weinen, als die Staatsanwältin sprach.

Wolf Römmig, Anwalt der Nebenkläger, sagte in seinem Plädoyer: "Ich übe diesen Beruf nun bald 37 Jahre aus. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich je ein anderer Fall so gerührt hat wie dieser." Er sprach von einer "inhumanen Grausamkeit des monatelangen Schweigens gegenüber meinen Mandanten." Er hofft die Mandanten kommen darüber hinweg, "dass eine Auseinandersetzung nicht mit einem möglich ist, der sich nicht stellt". Die Nebenklage nannte in ihrem Plädoyer kein konkretes Strafmaß.

Woody Mues, der als einziger der Brüder in Hamburg lebt und fast bei jedem Verhandlungstag anwesend war, sagte: "Im Zentrum stand und steht der Tod vierer Menschen. Vier Menschen mit Plänen und Wünschen. Vier Menschen, die gebraucht wurden. (...)Wir müssen unsere Eltern hergeben. Ein Tod, der nicht hätte sein müssen. (..) Herr S. hätte uns helfen können, den Verlust zu verarbeiten. (..) Aber er will nicht erkennen, dass die schrecklichen Ereignisse und sein Verhalten im Zusammenhang miteinander stehen. (..) Am meisten tat mir das weh, was eine Entschuldigung sein sollte. (..) Das einzige, worum es S. geht, ist das er selbst glimpflich davon kommt. (..) Das war für mich keine Entschuldigung, sondern eine Beleidigung. (..) Wir nehmen seine Entschuldigung deshalb nicht an."

Wanja Mues: "Wir hatten gehofft, dass der Prozess hilft, einen Grund zu finden, um zu vergeben." Dies sei nicht geschehen.

Laut Anklage war der Mann mit mindestens Tempo 100 über eine rote Ampel gerast. Sein Wagen schleuderte in eine Gruppe von Fußgängern und Radlern. Vier Menschen starben: der Sozialwissenschaftler Günter Amendt, die Künstlerin Angela Kurrer sowie der Schauspieler Dietmar Mues und dessen Frau. Drei weitere Opfer wurden verletzt.

Der 40-Jährige Alexander S. steht seit Ende März wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung vor Gericht. Die Richter werden voraussichtlich am kommenden Dienstag das Urteil sprechen. Zuvor soll an diesem Tag noch die Verteidigung plädieren und der Angeklagte die Gelegenheit zum letzten Wort bekommen.

Der Angeklagte hatte vor Gericht zwar mehrere Krampfanfälle eingeräumt, doch immer bestritten, Epileptiker zu sein – obwohl er nach eigenen Angaben seit 2005 anti-epileptische Medikamente nimmt. Mehrere Zeugen hatten Anfälle geschildert, für die der 40-Jährige immer eine andere Erklärung fand. Nach seiner Darstellung kam der Unfall in Eppendorf für ihn „aus heiterem Himmel“. „Das ist unglaubhaft“, sagte die Staatsanwältin. (jeb/dpa)