Corona-Krise

Sie bieten Schülern echte Hilfe statt Not-Betreuung

| Lesedauer: 5 Minuten
Juliane Lauterbach
Besseres Lernen ermöglichen Lehrerin Edda Simon und Bildungsberater Dzoni Sichelschmidt an der Stadtteilschule am Hafen auf St. Pauli.

Besseres Lernen ermöglichen Lehrerin Edda Simon und Bildungsberater Dzoni Sichelschmidt an der Stadtteilschule am Hafen auf St. Pauli.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto

Wie die Stadtteilschule am Hafen auf St. Pauli Kinder aus benachteiligten Familien beim Homeschooling fördert.

Hamburg.  Kein Internetzugang, kein Computer zur Verfügung, kein eigenes Zimmer und vielleicht noch nicht einmal ein eigener Schreibtisch: Besonders für die Kinder aus benachteiligten Familien in Hamburg stellt das Homeschooling eine Herausforderung, weil gute Lernbedingungen bisweilen nicht gegeben sind. Experten gaben seit Beginn der Corona-Krise zu Bedenken, dass eben diese Kinder, die es ohnehin schon schwer haben, nun drohen, abgehängt zu werden.

Doch auch zahlreiche Hamburger Schulen haben das Problem früh erkannt und Maßnahmen ergriffen, um auch in der Corona-Zeit schwache Schüler zu fördern. Eine von diesen Schulen ist die Stadtteilschule am Hafen auf St. Pauli. Dort waren und sind die Rahmenbedingungen bei vielen Kindern zu Hause nicht gerade ideal, wie Lehrerin Edda Simon und ihr Kollege, der Bildungsberater Dzoni Sichelschmidt, erklären können: „Unsere Schule hat den sogenannten Kess Faktor 1, das heißt es gibt viele Kinder, die aus sehr schwierigen sozialen Umfeldern kommen.“

Hälfte der Schüler hat keinen Computer

Konkret heißt das: „Etwa die Hälfte der Schüler hat keinen Computer oder Laptop, viele haben wenig Platz und eine große Gruppe spricht Deutsch nicht als Muttersprache.“ So sei allen Lehrkräften von Anfang an klar gewesen, dass das mit dem Homeschooling nicht einfach werden würde. „Ich sah deswegen die Notwendigkeit, jede Woche zu meinen Schülern nach Hause zu fahren und brachte ihnen die Unterlagen vorbei. Das war gut, weil wir so auch die Eltern der Schüler sehen und uns mit ihnen absprechen konnten“, so Simon weiter.

Auch haben Simon und ihre Kollegen die Schülerinnen und Schüler jeden Tag angerufen, um sich mit ihnen auszutauschen. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass das noch nicht ausreichend war. „Für viele Kinder ist es einfach wichtig, dass sie einmal am Tag rauskommen und wirklich betreut werden. Wir haben gesehen, dass der Druck in vielen Familien so groß ist, dass wir uns hier in der pädagogischen Verantwortung gesehen haben zu entlasten.“

Und so stellte die Schule kurzerhand um: Von der Notbetreuung, die eigentlich nur für die Kinder von Eltern in systemrelevanten Jobs gedacht war, auf eine pädagogische Betreuung. Konkret heißt das: „Wir haben es, auch dank der Unterstützung der Schulleitung, möglich machen können, dass auch Schüler aus eher schwachen Familien zweimal pro Woche in die Schule kommen können“, so Sichelschmidt.

Schüler sollen ihre Lehrer morgens anrufen

Man habe alle Eltern angerufen und ihnen proaktiv angeboten, dass ihre Kinder das Angebot wahrnehmen können und einen entsprechenden Elternbrief herausgeschickt. „Die meisten haben sich sehr gefreut. Nur Familien, in denen Menschen mit Vorerkrankungen leben, die zur Risikogruppe gehören, konnten nicht darauf zurückgreifen.“

Entstanden sind so bereits Mitte ­April zwei Gruppen à sieben Kindern, die zum Teil eins zu eins betreut werden konnten. „Das wurde dadurch möglich, dass wir auch Honorarkräfte eingebunden haben, die sonst in ihren Zeiten viel Kapazität haben.“ Weiter habe man eingeführt, dass sich alle Kinder morgens bis 10 Uhr einmal telefonisch bei ihren Lehrern melden sollen. Der Hintergrund: „Wir haben festgestellt, dass viele Kinder sonst ganz lange schlafen und nicht geweckt werden. Sie brauchen die Sicherheit eines geregelten Tagesablaufs.“

Zusatzangebote soll es auch in den Ferien geben

Inzwischen sei das fest eingespielt. „Teilweise melden sich die Kinder sogar inzwischen am Wochenende bei uns und sagen, dass sie nun wach sind“, sagt Simon mit einem Augenzwinkern. Nach vier Wochen ziehen Simon und Sichelschmidt ein positives Fazit: „Das hat wunderbar geklappt. und viele Kinder haben wir in diesen Wochen noch mal ganz anders kennengelernt.“ Die Bindung sei enger geworden, das Verständnis füreinander größer.

Viele Aspekte und viel Gelerntes wollte man nun auch nach den Ferien weiterführen und erweitern. Das Konzept, das ursprünglich nur für Simons Klasse, die 6a, galt, hat inzwischen im wahren Sinne des Wortes Schule gemacht. Längst sind weitere Schüler der Schule dazu gekommen.

„Auch nach den Ferien möchten wir Zusatzangebote anbieten“, sagt sie. Teilweise habe man dafür auch soziale Träger gefunden, die die Schule bei ihrem Vorhaben unterstützen wollen. „Es ist uns einfach ganz wichtig, dass wir in diesen ohnehin schon schweren Zeiten keine Bildungsverlierer produzieren. Und wir denken, dass wir mit unserem Konzept da auf einem guten Weg sind.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: St. Pauli