St. Pauli

Vor Hundert Jahren, da gab’s was aufs Gesäß

Ein Diener vor dem strengen Lehrer: Szene im Schulmuseum aus einer gespielten Unterrichtsstunde, wie sie vor mehr als 100 Jahren verlief

Ein Diener vor dem strengen Lehrer: Szene im Schulmuseum aus einer gespielten Unterrichtsstunde, wie sie vor mehr als 100 Jahren verlief

Foto: Roland Magunia

Vor mehr als 100 Jahren waren Lehrer sehr streng und durften sogar schlagen. Im Schulmuseum kann man sich in die Zeit zurückversetzen.

Den Stock schlägt der Lehrer im Takt auf die Holztische und geht dabei an den Bankreihen aus dunklem Holz vorbei. Ganz brav mit den Händen auf den Tischen und geradem Rücken sitzen die Schüler in den sieben Reihen. Auf dem Stundenplan steht heute das kleine „i“ in altdeutscher Schrift. „Rauf, runter, rauf, Pünktchen oben drauf!“, ruft der Lehrer, und die Schüler schreiben mit Griffeln den Buchstaben auf ihre Schiefertafeln.

Dieser Lehrer ist streng. Strenger, als es Lehrer heutzutage sind. Und die Klasse 4 a ist anders als andere Grundschüler: Alle Mädchen tragen Röcke, und die Jungs sind auch ganz brav angezogen. Denn sie sind heute in die Rolle von Schülern aus der wilhelminischen Kaiserzeit geschlüpft – das war vor mehr als 100 Jahren –, und Peter Baske spielt ihren strengen Lehrer hier im Hamburger Schulmuseum.

Das Klassenzimmer im ersten Stock des Museums auf St. Pauli ist mit original Schulmöbeln aus der Kaiserzeit eingerichtet. Damals in den Jahren zwischen 1871 und 1918 saßen die Schüler in Bankreihen wie in der Kirche, vor ihnen standen kleine Tische zum Ausklappen. Die Bänke waren hart und unbequem, vor allem, weil die Schüler anders als heute still sitzen mussten und sich nicht zwischendurch in der Klasse bewegen durften. Bei diesem historischen Unterrichtsspiel ist es wie in einem Theaterstück: Carlotta, Carl, Franka und ihre Mitschüler spielen eine Stunde lang eine Rolle und lernen so, wie Schule früher war. Ihre richtige Klassenlehrerin darf jetzt nur zugucken. Denn heute unterrichtet der strenge Lehrer Baske die Klasse 4a von der Grundschule Salzhausen.

Schon morgens hatten sich alle ein bisschen so gekleidet wie die Mädchen und Jungen damals. Das heißt: Die Mädchen tragen lange Röcke oder Kleider und haben ihre langen Haare zu Zöpfen geflochten oder zu kleinen Schnecken frisiert, während die Jungs kurze Hosen tragen, manche wie Carl mit Hosenträgern, und Frisuren mit Seitenscheitel.

Zu dem historischen Unterricht gehört es auch, dass die Mädchen blau-weiß karierte Schürzen anziehen und die Jungs blaue Kragen wie bei einem Matrosen. Außerdem bekommen sie altmodische Namen, die manchmal gar nicht mehr so altmodisch sind: Aus Franka wird Hilde, aus Carl Oskar, außerdem gibt es eine Elisabeth, eine Auguste, eine Anna, eine Martha, einen Rudolf, einen Josef oder einen Theodor.

Den Lehrer nennen die Kinder nur „Herr Lehrer“, und dieser macht gleich zu Beginn der Stunde klar, dass hier strenge Regeln gelten: „Gerade stehen, schaut auf unseren geliebten Kaiser, niemand spricht, niemand lacht!“, sagt er in zackigem Befehlston. So wie Hunde bellen, bellt auch er seine Anweisungen in den Klassenraum. Hinter dem Lehrerpult hängt das Porträt von Kaiser Wilhelm II. Ordnung, Fleiß und Disziplin galten mehr als die persönliche freie Entfaltung jedes Einzelnen. Der Unterricht unterlag strengen Ritualen.

Nur Jungen durften in den Sportunterricht

Zucht und Ordnung, Befehl und Gehorsam – darum ging es damals. Die Erwachsenen wünschten sich gottes- und obrigkeitsfürchtige Menschen. Die Jungs sollten später gute Soldaten werden, die Mädchen ordentliche Hausfrauen. Deshalb durften auch nur die Jungs am Sportunterricht teilnehmen, während die Mädchen in die Handarbeitsstunde gingen.

Zu Beginn des Unterrichts müssen die Kinder zur Melodie von „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ ein Lied über die Sauberkeit singen. „Frisch gewaschen und gekämmt, Hals, Gesicht und auch die Hand. Willst du dir das Näschen putzen, darf du nicht die Hand benutzen“, singen sie. Bakterien, sagt der Lehrer, sind die Feinde. „Genau wie die Engländer und Franzosen unsere Feinde sind. Erinnert euch an Amalia, eine Klassenkameradin, die im zarten Alter von acht Jahren an Tuberkulose gestorben ist.“

Und dann bellt der Lehrer wieder: „Haltung annehmen! Rücken gerade! Blick auf den Kaiser gerichtet. So steht ein deutscher Schüler – merkt euch das!“ Dabei schlägt er laut mit dem Stock auf die Tische. Erst wenn er „setzt euch“ befiehlt, dürfen sich die Schüler in den Bankreihen Platz nehmen. „Deutsche Kinder brauchen keine Rückenlehne, Emma!“, ruft er.

Den Anweisungen der Lehrer mussten die Schüler damals unbedingt folgen, und wer nicht gehorchte, wurde mit dem Rohrstock geschlagen. Natürlich nicht in dieser Unterrichtsstunde, die ja nur ein Spiel ist. Trotzdem tauchen die Schüler tief ein die Zeit vor mehr als 100 Jahren und benehmen sich wirklich so, wie das früher erwartet wurde. Manche machen einen ganz verschüchterten Eindruck.

In der historischen Unterrichtsstunde lernen die Schüler, wie es ist, autoritär erzogen zu werden. Carlotta, 10, hat danach vor Anstrengung ganz rote Wangen. „Die Kinder haben damals Schläge bekommen, die höchste Anzahl an Schlägen war sieben“, das hat sie am meisten beschäftigt. Die Lehrer, sagt Franka, durften eben alles mit ihren Schülern machen, was sie wollten. „Ich glaube nicht, dass die Kinder dadurch artiger waren.“